Demokratie: Schule legt den Grundstein!

Was leisten Schulen für die Demokratie? Als Bildungsinstitution bieten sie Wissen über Politik, Verfahren der politischen Urteilsbildung, Reflexion und streitige Auseinandersetzung über politische Fragen, manchmal die Simulation von Politik oder den Besuch bei echten Politiker*innen.

Demokratie: Schule legt den Grundstein!

Das ist klassische politische Bildung, sie ist notwendig, wichtig und einigermaßen wirksam. Dafür gibt es grundsätzlich genügend gute Materialien und Methoden. Aber sie kommt in der Stundentafel und im Schulalltag systematisch zu kurz.

Politik und Demokratie erfahrbar machen

Neben der politischen Bildung fördert man seit Jahren die Demokratiebildung. Sie ist vor allem Erziehung zu demokratisch genannten Tugenden und Tätigkeiten, die mehr die Gesellschaft im Allgemeinen als die Politik im Besonderen betreffen. Dazu gehören Offenheit für Vielfalt, Fairness, Respekt, Anerkennung, Toleranz, Multiperspektivität oder Klassenrat, Unterrichtskritik, Mediation, prosoziales Verhalten und Service Learning. Diese Demokratiebildung dient dem sozialen Zusammenhalt in komplexen, heterogenen und konfliktreichen Gesellschaften. Das reicht aber nicht für Sicherung und Ausbau der Demokratie. Auch neigt Demokratiebildung dazu, das Politische im Sinne von Konflikt, Protest, Aufbegehren und Infragestellen der herrschenden Ordnung auszugrenzen. So entsteht ein unrealistisches Bild von Politik.
Prinzipiell greifen Programme zur Produktion von politisch erwünschten Mentalitäten und Verhaltensweisen viel zu kurz. Sie bieten Kindern und Jugendlichen weder politische Erfahrungen noch politische Erfolge. Sie lassen demokratische Defizite der Institutionen unangetastet, etwa die Exklusion der Unterschichten aus der parlamentarischen Repräsentation oder die Mechanismen der Reproduktion von politischer und sozioökonomischer Ungleichheit.

Bessere Voraussetzungen für eine demokratische Gesellschaft

Zwar kann die Schule Gesellschaft und Politik kaum verändern, aber sie kann ihre Voraussetzungen verbessern. Warum machen wir Schule nicht zu einer dezidiert demokratischen Institution? Politik machen und erfahren aktiviert Kinder und Jugendliche. Vor allem gibt es ihnen die Chance, sich zu politischen Subjekten mit politischen Positionen und Praktiken zu entwickeln.
Zwar existieren Elemente von demokratischen Strukturen und Verfahren in Schulen sowie Partizipationspraktiken, die über die Rechtsvorgaben hinausgehen. Von der demokratischen Schule kann aber noch keine Rede sein. Die Schule muss erst noch zur alltäglichen Arena für demokratische Politik werden, zum Forum der Mitbestimmung der Lernenden über Schule und Unterricht – direkt oder repräsentativ –, zum Raum für Konflikte und Kompromisse, Regelsetzung, Machtausübung und Verantwortung sowie zum Rahmen für kollektive Entscheidungen, die echte und ernsthafte Folgen haben. Gibt es keinen Konsens, gilt so oft wie möglich das demokratische Mehrheitsprinzip. Schulgesetze atmen dagegen oft noch den Geist von Hierarchie und Ständegesellschaft statt Gleichheit und Demokratie.

Demokratische Schule fördern

Wer die Stärkung und den Ausbau der Demokratie will, der muss die politische Transformation der Schule zur demokratischen Schule auf die Agenda setzen. Sie verträgt sich schlecht mit der managerialen Schule, die wie ein Unternehmen geführt wird. Demokratiebildung und politische Bildung werden glaubwürdiger, wenn sie in der rechtlich garantierten und real gelebten Schuldemokratie stattfinden. Die Schule der Demokratie verkörpert Demokratie und Politik als politische, nicht nur pädagogische Praxis. Es ist an der Zeit, für die Demokratisierung der Schule Politik zu machen.


Prof. Dr. Reinhold Hedtke
Professor für Wirtschaftssoziologie und Didaktik der Sozialwissenschaften an der Universität Bielefeld

Foto: J. Michaletz

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Kommentare (1)

  • Guido Bley Hallo GEW,
    ist es nicht interessant, dass die Forderung nach „Demokratisierung“ sich NICHT auf die Arbeit der Lehrkräfte bezieht? Die angebliche Lehrkräfte-Gewerkschaft duldet bei ihren zahlenden Mitgliederinnen und Mitgliedern unbegrenzte Arbeitszeiten, Verweigerung der gesetzlichen Mitbestimmung gemäß LPVG, willkürliche Mehrbelastungen und unzulässige Arbeitsbedingungen - täglich an jeder Schule in NRW.
    Ob der Herr Prof. als Arbeitgeber und Dozent an der Uni auch alle Studis „demokratisch“ mitbestimmen läßt?
    Den „Grundstein“ hinsichtlich einer demokratischen Erziehung legen gemäß Artikel 6 Grundgesetz die Eltern. Sie tragen die Hauptpflicht, ihre Kinder gut zu erziehen. Bis zur Einschulung ist der Drops hier zu 80% gelutscht.
    Vielleicht wäre es möglich, diese Handlungs-Aufforderungen stärker an der Realität und an den Gesetzen zu orientieren.
    Demokratie jetzt. Die GEW fängt an, Lehrkräfte-Personalräte aktiv zu machen, Klagen gegen schlechte Arbeitsbedingungen einzureichen und jetzt das EuGH-Urteil zur Arbeitszeit für Lehrkräfte einzuklagen.
    Eine Gewerkschaft erkennt man daran, dass sie die Arbeitsbedingungen ihrer „Kunden“ verbessert.
    Dann kann man - was wieder ein erheblicher zeitlicher Mehraufwand ist - mehr Schülermitwirkung machen.
    Wir Lehrkräfte brauchen nicht „Clara debattiert“. Die debattiert auch ohne uns.
    Wir brauchen „Der Personalrat klagt endlich auf Mitbestimmung bei Lehrer-Mehrarbeit“, „GEW gegen Mehrbelastung für Lehrkräfte - vor Gericht“, „GEW fordert Home-Office-Day für Lehrkräfte“ und so weiter.
    Derzeit sind die GEW-Personalräte so gut wie unsichtbar. Und dies trotz der ausgezeichneten Juristinnen und Juristen in Essen, die ua einen Kommentar zum LPVG mitverfasst haben.
    Das ist für eine Gewerkschaft zu wenig.
    Wer glaubwürdig sein will, erklärt den Schülerinnen und Schülern, wie Demokratie und Mitbestimmung an der Schule geregelt sind und wie sie genutzt und eingefordert werden.
    Ein jeder kehr vor seiner Tür - und fange mit der Demokratie bei der Einforderung der Rechte der eigenen Mitglieder an.
    Wer das nicht schafft, ist unglaubwürdig.
    Mit kämpferischen Arbeitnehmer-Grüßen
    Guido Bley
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