Wie lernt man Demokratie heute?

Perspektiven einer zeitgemäßen Demokratiepädagogik

Lehrer*innen haben die Aufgabe, Schüler*innen auf ihrem Weg zu demokratischen Bürger*innen zu unterstützen und zu fördern. Dabei ist Kreativität gefragt, damit Demokratielernen sein angestaubtes Image verliert. Wie Demokratielernen heute funktioniert und in die Lebenswelten junger Menschen passt, erklärt Christoph Schlagenhof, Regionalberater bei „Demokratisch Handeln“.

Wie lernt man Demokratie heute?

Der Brexit, euroskeptische Bewegungen und erstarkender Nationalismus fordern derzeit unsere Demokratie besonders heraus. Vielfach wird nach Mitteln und Wegen gesucht, wie man populistischen, extremistischen, rassistischen und antisemitischen Parolen sowie der sich verbreitenden Skepsis oder gar Abneigung gegenüber der Demokratie wirksam entgegentreten kann. Auch die Schule wird bei dieser Gelegenheit drastisch daran erinnert, dass sie auf Basis der Landesschulgesetze den Auftrag hat, zur verantwortlichen Bürger*innenrolle in der Demokratie zu erziehen und ein entsprechendes demokratisches Lernen und Leben zu ermöglichen – und zwar durch alle Lehrer*innen und in allen Fachbereichen. 

Demokratie muss gepflegt werden!

Das 20. Jahrhundert war einerseits geprägt durch die Verbreitung von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit, andererseits steht es für in der Geschichte beispiellose Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Gerade die Erfahrung, dass die moderne Gesellschaft sich gegen jeden humanen und universell gültigen moralischen Maßstab wenden kann, verdeutlicht: Demokratie ist keine Selbstverständlichkeit, sie muss gepflegt, stets neu erlernt, erlebt und verteidigt werden.  
Daraus ergibt sich ein eindeutiger Bildungs- und Erziehungsauftrag: Schule muss eine demokratische Handlungskompetenz der Schüler*innen systematisch und nachhaltig fördern sowie Lehren und Lernen am Maßstab demokratischer Verhältnisse und Umgangsformen ausrichten.

Demokratie als Querschnittsaufgabe

Schulpraktisch kann man es sich einfach machen und die Zuständigkeit für Demokratie in der Schule den Fächern Politik und Gesellschaftslehre zusprechen. Selbstverständlich leisten diese Fächer bei der Vermittlung von notwendigen Kenntnissen über das demokratische System einen wichtigen Beitrag. Doch sicherlich erkennt man einen demokratischen jungen Menschen nicht nur daran, dass er etwa die Abläufe zur Wahl der*s Bundespräsident*in richtig und vollständig darstellen kann. Die Demokratie als Lebensform benötigt als Grundlage Kompetenzen und Werte wie Anerkennung, Selbstwirksamkeitsüberzeugung und Verantwortungsbereitschaft. Demokratiepädagogik ist somit eine zentrale Querschnittsaufgabe der Schule und nimmt alle Pädagog*innen gleichermaßen in die Pflicht.
In den vergangenen Jahrzehnten hat der Fachunterricht an Wichtigkeit gewonnen, insbesondere im Zuge der internationalen PISA-Studien. Eine outputorientierte Messbarkeit von Leistungen hat zunehmend den schulischen Alltag dominiert, leistet jedoch keinen Beitrag zur demokratischen Erziehung. Deshalb ist es begrüßenswert, dass die Kultusministerkonferenz die Empfehlungen zur Demokratieerziehung erneuert hat und damit die Bedeutung des Demokratielernens in der Schule unterstreicht.
Grundsätzlich bleibt das Spannungsfeld zwischen effizienzsteigernder Outputorientierung und der Aufgabe von Schule als Ort des Demokratielernens bestehen. Daher ist es umso mehr eine Schulentwicklungsaufgabe, dieser Spannung nachzugehen, nach innovativen Lerngelegenheiten zu suchen und einen Weg zu finden, wie das „demokratische Klima“ sowie ein entsprechendes Lernen erreicht werden können.

 

Wie lernt man Demokratie heute?

Unterstützung für Schulen

Das umfassende Angebot der Qualitäts- und Unterstützungsagentur/Landesinstitut für Schule (QUA-LIS) NRW steht Schulen in diesem Themenfeld zur Verfügung. Als Inspirationsquelle und zentraler Akteur der Demokratiepädagogik ist das bundesweite Förderprogramm „Demokratisch-Handeln“ zu nennen. Seit fast 30 Jahren werden im Rahmen des Wettbewerbs gelungene Beispiele demokratischen Lernens ausgezeichnet. In den Projekten werden innovative Wege, neue Ideen und interessante Erfahrungen des Demokratielernens sichtbar.
Die Deutsche Gesellschaft für Demokratiepädagogik (DeGeDe) hat 2015 erstmalig den Schulentwicklungspreis „DemokratieErleben: Preis für demokratische Schulentwicklung“ ausgelobt. Bereits drei Schulen aus NRW gehören zu den Preisträgern. Mit dabei ist das Carolus-Magnus-Gymnasium (CMG) in Übach-Palenberg, das auch schon mehrfach durch das Förderprogramm „Demokratisch Handeln“ ausgezeichnet worden ist. Aktuell nimmt die Schule zudem am Programm „OPENION“ der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung teil.

Demokratiepädagogik in der Praxis

Im Schulalltag ist Demokratie unter anderem in der Schüler*innenvertretung (SV) erlebbar. Am CMG versteht sich das Gremium als eine Plattform für alle Schüler*innen und ihre Themen. Damit dennoch Kontinuität und Planungssicherheit gewährleistet werden, arbeitet die SV nach einem Fünf-Säulen-Konzept und hat die wichtigsten Aspekte ihrer Arbeit festgelegt: Ökologie und Nachhaltigkeit, Soziales Engagement, Antirassismusarbeit, lebendiges Schulleben und schulpolitische Mitgestaltung. Innerhalb dieser grundsätzlichen Ausrichtung gibt es eine Reihe von Projekten, die jedes Jahr stattfinden oder neu dazukommen.
Seit dem Schuljahr 2017 / 2018 gibt es am CMG außerdem einen Demokratiekurs für Schüler*innen der 8. und 9. Jahrgangsstufe. Der Kurs liegt parallel zum regulären Förderunterricht der Schule und fließt nicht in die Benotung ein. Die einzige Bedingung ist, dass Schüler*innen demokratiepädagogische Projekte ergebniswirksam durchführen müssen. In ihrer Themenwahl und inhaltlichen Ausgestaltung sind sie völlig frei. Im ersten Jahr gab es zum Beispiel ein Projekt, um den Dialog in der Stadt zu fördern. Dafür haben die Schüler*innen die Gesprächsreihe „#kuchentalks“ ins Leben gerufen. Unter dem Motto „Tausche politisches Gespräch gegen Kaffee und Kuchen“ haben Schüler*innen Passant*innen eingeladen, bei Kaffee und selbstgebackenem Kuchen über politische Themen zu sprechen. Sie diskutierten über gesellschaftliche Grenzen hinweg unterschiedliche Themen von Politik und Demokratie.

Rolle der Lehrkräfte

Demokratie muss erlernt und vor allem erlebt werden. Die Wichtigkeit der Lehrkräfte ist dabei nicht zu unterschätzen. Für die tägliche Arbeit mit Schüler*innen ist der Beutelsbacher Konsens nach wie vor ein Maßstab. Es gilt zwar, das Überwältigungsverbot und das Kontroversitätsgebot gleichermaßen zu berücksichtigen, diese Leitlinien dürfen aber nicht mit Neutralität verwechselt werden. Komplexe und widersprüchliche Themen müssen im Unterricht behandelt werden. Trotzdem ist nicht jede Position akzeptabel. Wenn Schüler*innen in einer Diskussion Standpunkte äußern, die nicht mit unserer freiheitlich-demokratischen Ordnung sowie den Werten und Normen der liberalen Demokratie vereinbar sind, sollten Lehrer*innen das keinesfalls unkommentiert lassen. Eine wehrhafte Demokratie benötigt daher auch wehrhafte Kolleg*innen. Die Menschenrechte und demokratischen Grundwerte wie Freiheit, Solidarität und Gerechtigkeit stehen nicht zur Disposition und diesen Aspekt sollten Schüler*innen auch durch die Haltung ihrer Lehrer*innen täglich spüren.

Demokratie lernen – eine Daueraufgabe!

Junge Menschen müssen in der Schule erfahren, dass sie ihr Umfeld aktiv mitgestalten können. Das kann im Klassenrat geschehen, in einer strukturierten SV-Arbeit und vor allem in Projekten. Dazu benötigen sie Freiräume. Es ist Aufgabe der Lehrkräfte, diese Möglichkeiten zu schaffen. Dabei spielt das Vertrauen in die Eigenständigkeit der Schüler*innen eine entscheidende Rolle. Lehrkräfte müssen auf die Autonomie der Lernenden vertrauen: Nur wer den Schüler*innen zutraut, diesen Freiraum eigenständig und verantwortungsbewusst zu gestalten, gibt ihnen die Chance einer erfolgreichen Persönlichkeitsentwicklung. Auf diese Weise werden gleichzeitig Tugenden gefördert, die für die Zukunft der Demokratie unabdingbar sind.


Christoph Schlagenhof
Vorstand des Landesverbands NRW der Deutschen Gesellschaft für Demokratiepädagogik e. V., Regionalberater „Demokratisch Handeln“ und Lehrer am CMG in Übach-Palenberg

Fotos: iStock.com / jacoblund

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Kommentare (1)

  • Hans Münstermann Als Schulleiter des Carolus-Magnus-Gymnasiums danke ich Herrn Schlagenhof und seinen Unterstützern auf Schüler- und Lehrerseite herzlich für ihr Engagement. Interessierte und Skeptiker lade ich ein: Besuchen Sie unsere Schule und machen Sie sich ein eigenes Bild. Es lohnt sich. Wir freuen uns über Ihre Einschätzung.
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