Soziale Schieflage unter den Studierenden

Herausforderung für Politik und Hochschulen in NRW

Nordrhein-Westfalen ist Hochschulland! Die Dichte an Universitäten und Fachhochschulen, Kunst- und Musikhochschulen, staatlichen und privaten Hochschulen ist enorm. Kein Wunder also, dass Wohnraum für Studierende ebenso heiß begehrt wie rar gesät ist. Die 21. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks beweist nicht nur das. Was Studierende in NRW aktuell bewegt und wer sie überhaupt sind.

Soziale Schieflage unter den Studierenden

Anfang Oktober, kurz vor Beginn des Wintersemesters, wurden nicht nur in beliebten Großstädten wie Berlin und München, sondern auch in NRW immer weiter steigende Mieten öffentlich an den Pranger gestellt. Bürger*innen und insbesondere Studierende gingen auf die Straße. Die Daten der 21. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks (DSW), die im Sommersemester 2016 erhoben wurden, unterstützen die These, dass Wohnraum für junge Menschen im Studium kaum mehr finanzierbar ist. Aktuell analysiert ein Team der Kooperationsstelle Wissenschaft und Arbeitswelt an der Technischen Universität Berlin die Daten und erstellt Sonderauswertungen.

Mietniveau in NRW im bundesweiten Vergleich besonders hoch

Eine Sonderauswertung widmet sich ganz dem Land NRW: Im Durchschnitt müssen Studierende in NRW mit 333,- Euro rund 10,- Euro mehr für ihr Zimmer oder Appartement zahlen als Studierende bundesweit. Darin sind allerdings noch nicht die Unterschiede zwischen klassischen Universitätsstädten wie Münster, Köln und Bonn sowie eher ländlich gelegenen Hochschulstandorten abgebildet.
Zwar bieten die Daten der Sozialerhebung keine ortsbezogenen Angaben zur Miethöhe, allerdings deuten die ermittelten Medianwerte (NRW: 320,- Euro, Bund: 305,- Euro) darauf hin, dass die Schwankungen in NRW geringer sind als im bundesweiten Vergleich. Das Mietniveau in NRW ist also insgesamt relativ hoch.

Was bleibt? Wohnen bei den Eltern

Dass sich nicht alle Studierenden eine hohe Miete leisten können, darauf weist der Anteil der Studierenden hin, die bei ihren Eltern wohnen: Er ist mit 24 Prozent in NRW vier Prozentpunkte höher als im Bundesvergleich. Besonders häufig wohnen Studierende mit Migrationshintergrund (29 Prozent) und Studierende mit einer niedrigen Bildungsherkunft (28 Prozent) bei ihren Eltern. Letztere liegt vor, wenn maximal ein Elternteil über eine berufliche Qualifizierung verfügt. Die beiden genannten sind gleichzeitig die Studierendengruppen mit den größten Finanzierungsproblemen.
Aus der Wohnsituation – häufig außerhalb des Studienorts – resultieren außerdem längere Pendelzeiten zwischen Wohnung und Hochschule.

Studienfinanzierung ist häufig eine große Herausforderung

Für Miete, Ernährung, Kleidung, Kultur und Sport wenden Studierende rund zwei Drittel ihres monatlichen Budgets auf, das in NRW 2016 bei durchschnittlich 944,- Euro lag, bundesweit waren es 918,- Euro. Die beiden wichtigsten Finanzierungsquellen der Studierenden sind zum einen die Unterstützungsleistungen der Eltern und zum anderen die eigene Erwerbstätigkeit.
BAföG-Leistungen landen mit weitem Abstand erst auf dem dritten Platz der Einnahmequellen. Nur rund ein Sechstel (17 Prozent) der Studierenden in NRW erhielt 2016 Ausbildungsförderung durch den Staat. NRW liegt damit im Bundesdurchschnitt. Erwartungsgemäß beziehen Studierende mit Migrationshintergrund und Studierende mit einer niedrigen Bildungsherkunft mit 25 beziehungsweise 26 Prozent häufiger BAföG-Leistungen. Die Leistungen liegen allerdings durchschnittlich nur bei 493,- beziehungsweise 478,- Euro pro Monat, was rund der Hälfte des durchschnittlichen Budgets entspricht.
Um ihren Lebensunterhalt zu verdienen, sind also gerade Studierende aus einkommensschwachen Milieus auf einen Nebenjob angewiesen – nicht zuletzt aufgrund geringerer Unterstützungsleistungen durch die Eltern. Insgesamt sind fast drei Viertel (72 Prozent) der Studierenden in NRW erwerbstätig, etwas mehr als im Bundesdurchschnitt (69 Prozent). Dabei unterscheiden sich die Motive nach der sozialen Herkunft aber recht deutlich: Während für Studierende mit hoher Bildungsherkunft – beide Elternteile haben einen Hochschulabschluss – das Sammeln praktischer Erfahrungen im Vordergrund steht (62 Prozent), ist die eigene Erwerbstätigkeit für Studierende mit niedriger Bildungsherkunft ganz überwiegend (76 Prozent) zwingend erforderlich, um überhaupt studieren zu können.

Soziale Schieflage unter den Studierenden

Hochschulen in NRW: Kein Spiegel der Gesamtbevölkerung

Betrachtet man die Studierenden in NRW im Vergleich zur Gesamtbevölkerung anhand der Diversitätsdimensionen Geschlecht, Migrationshintergrund und Bildungsherkunft, so sind einige relevante Unterschiede festzustellen. Zum Beispiel sind von den Studierenden etwas weniger als die Hälfte (48 Prozent) weiblich, in der Bevölkerung sind Frauen allerdings leicht in der Mehrheit (51 Prozent). Dieser Befund gilt gleichermaßen für NRW und Deutschland insgesamt. In NRW hat ein gutes Viertel der Studierenden (24 Prozent) einen Migrationshintergrund, bundesweit ist es nur ein Fünftel (20 Prozent).
Von allen Einwohner*innen an Rhein und Ruhr, die zwischen 18 und 25 Jahre alt sind, hat allerdings fast ein Drittel (30 Prozent) einen Migrationshintergrund. Von den Vätern der Studierenden in NRW haben schließlich 41 Prozent ein Studium und 55 Prozent eine Berufsausbildung abgeschlossen, nur 5 Prozent der Väter verfügen über keinen beruflichen Abschluss. Im Vergleich dazu verfügen die nordrhein-westfälischen Männer im Alter von 40 bis 60 Jahren – als Angehörige der typischen „Elterngeneration“ – aber nur zu 21 Prozent über einen Hochschulabschluss, weitere 60 Prozent haben eine berufliche Ausbildung abgeschlossen und 18 Prozent keinen beruflichen Abschluss erworben. Das bedeutet, dass Studierende, deren Väter über eine mittlere Qualifikation verfügen, im Studium annähernd angemessen repräsentiert sind, während die Kinder von Akademiker*innen an den Hochschulen im Vergleich zur Gesamtbevölkerung deutlich überrepräsentiert und die Kinder von formal gering Qualifizierten deutlich unterrepräsentiert sind.

Studienorganisation und staatliche finanzielle Unterstützung flexibilisieren!

Um der bestehenden Schieflage bei der Realisierung von Bildungschancen im Hochschulbereich wirksam zu begegnen, braucht es in NRW neben verbesserten Möglichkeiten zur Studienfinanzierung vor allem Maßnahmen zur Information, Beratung und Unterstützung von Studienberechtigten. Hinzu kommt, dass die Studienorganisation flexibilisiert werden muss, um so die spezifischen Anforderungen und Bedürfnisse von Studierenden zu berücksichtigen.
Bei den Instrumenten zur Studienfinanzierung müssen nicht nur die BAföG-Bedarfssätze erhöht und der adressierte Personenkreis ausgeweitet, sondern auch die reale Studiensituation stärker anerkannt werden. Hier gilt es, verstärkt Rücksicht auf Studierende zu nehmen, die auf ihren Nebenjob angewiesen sind, und die Möglichkeiten zum BAföG-Bezug zu flexibilisieren.

Beratungs- und Unterstützungsangebote im Studium weiter ausbauen!

Um vermehrt Studienberechtigte, die einen Migrationshintergrund haben und/oder deren Eltern keinen Hochschulabschluss erworben haben, für ein Studium zu gewinnen, ist insgesamt ein Umdenken bei der Ausgestaltung des Übergangs zur Hochschule erforderlich. Es gilt unter anderem, Studienberechtigte über ihre Bildungschancen zu informieren und sie in einer Form zu beraten, die ihre Lebenssituation und ihren bisherigen Bildungsweg nicht diskriminiert.
Mindestens während der ersten Studiensemester sollten zudem Unterstützungsangebote vorgehalten werden, die die Integration von Studierenden aus „hochschulfernen“ Milieus in die akademische Welt erleichtern. Studierende, die auf einen Nebenjob angewiesen sind, aus familiären und/oder finanziellen Gründen weit entfernt von der Hochschule wohnen oder Erziehungs- und/oder Sorgearbeit leisten, dürfen schließlich nicht durch eine starre Studienorganisation daran gehindert werden, ihren individuellen Bildungsweg zu gehen. Die Überwindung der sozialen Schieflage benötigt also ein Set an aufeinander abgestimmten Maßnahmen, die Hochschulen und Politik vor große Herausforderungen stellen.


Dr. Ulf Banscherus
Leiter der Kooperationsstelle Wissenschaft und Arbeitswelt an der Technischen Universität Berlin

Fotos: Bernd Vonau, läns / photocase.de

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