Berufskolleg: Bewährte Aufgabenteilung nicht untergraben!

Pro & Contra: Lehrer*innenversorgung

Die verfehlte Personalpolitik des Landes macht es für Berufskollegs sehr schwer, alle Lehrkräftestellen adäquat zu besetzen. Besonders in den technischen Fächern werden Fachwissenschaftler*innen dringend benötigt. Wer aber jetzt auf Meister*innen und andere Praktiker*innen als Lehrkräfte zugreifen will, verkennt die bewusst gesetzte Aufgabentrennung zwischen Berufskolleg und Betrieb.

Berufskolleg: Bewährte Aufgabenteilung nicht untergraben!

 Berufskollegs sind die Garanten für die theoretische Ausbildung im dualen System. Während in den Betrieben mit spezialisierter Fachkunde praktische und betriebsbezogene Inhalte vermittelt werden, schaffen die Berufskollegs mit wissenschaftlich ausgebildeten Lehrkräften den fachbezogenen theoretischen Überbau. Niemand spricht den Meister*innen in der Ausbildung höchste Kompetenzen in ihren Arbeitsbereichen ab. Aber nicht umsonst gibt es genau diese Aufgabenteilung. Gerade sie macht das Modell der dualen Ausbildung so erfolgreich.  
Betriebe bemängeln bisweilen die mangelnde Ausbildungsreife ihrer Azubis, die von den Lehrer*innen in allen Fächern aufgegriffen und verbessert werden kann – den allgemeinbildenden und den berufsbezogenen. Mittel- und langfristig muss die Landesregierung größte Anstrengungen darauf verwenden, geeignetes Lehrpersonal auszubilden. Das setzt entsprechende Vergütung, gute Arbeitsplätze und eine im Vergleich zur Wirtschaft zumindest konkurrenzfähige berufliche Perspektive voraus.  
Die GEW setzt für das Berufskolleg weiterhin auf das universitäre Lehramtsstudium. Dies muss aber nicht zwingend die einzige reguläre Zugangsmöglichkeit zum Lehramt an berufsbildenden Schulen bleiben. Im Hinblick auf den Generationenwechsel und die geringen Studierendenzahlen für das Lehramt am Berufskolleg  wird es auch in den nächsten Jahren nicht ohne Seiteneinsteiger*innen gehen. Um die Unterrichtsqualität an den Berufskollegs zu halten, bedarf es aber qualifizierender Maßnahmen, die sowohl von den Seiteneinsteiger*innen als auch von den Schulen selbst zu bewältigen sind.
Die Modelle, die derzeit außerhalb der grundständigen Lehrer*innenausbildung zur Lehrbefähigung an Berufskollegs führen, haben für alle Beteiligten Tücken. Die berufsbegleitende Ausbildung verpflichtet die Absolvent*innen zu einer Stundenzahl, neben der die Ausbildung kaum zu schaffen ist. Fachhochschulabsolvent*innen haben fünf Jahre Höchstbelastung mit ungewissem Ausgang vor sich. Seiteneinsteiger*innen sind nur mit einem Teil ihrer regulären Stundenzahl einsetzbar, ohne dass die Schulen dafür einen Mehrbedarf in Form zusätzlicher Stellen angerechnet bekommen. Hier muss nachgebessert werden! Die Schulen benötigen eine Anrechnung der Ausbildungsanteile, um die Ausbildung zum Erfolg zu führen. Den Fachhochschulmaster dem universitären Master gleichzustellen, kann eine weitere richtige Maßnahme sein.
Seiteneinsteiger*innen müssen in ihrem eigenen Interesse und in dem der Schüler*innen auf ihrem Weg in den Lehrberuf begleitet werden. Dies gilt auch für Meister*innen und Staatlich geprüfte Techniker*innen. Eine Gleichsetzung dieser Abschlüsse mit dem Bachelor nach dem Deutschen Qualifikationsrahmen kann ihnen den Weg in ein berufsbegleitendes Masterstudium an einer Universität öffnen. Eine berufsbegleitende Weiterqualifizierung sollte auch denjenigen offenstehen, die bereits als Werkstattlehrer*innen unterrichten. Schüler*innen profitieren heute von den unterschiedlichen Perspektiven auf ihren Beruf, die durch die beiden Ausbildungspartner Betrieb und Schule vermittelt werden. Azubis beschreiben nachdrücklich, dass die Partner sich in Bezug auf ihre Ausbildung ergänzen. Diese Möglichkeiten werden eingeschränkt, wenn einer der beiden Ausbildungspartner zu dominant wird.
Die unterschiedlichen Verantwortlichkeiten in der Ausbildung haben sich bewährt. Gerade vor dem Hintergrund einer immer komplexeren Theorie und im Zuge der Digitalisierung sind wir in der Ausbildung auf neuestes Wissen und wissenschaftliche Erkenntnisse angewiesen. Als wichtiger Wirtschaftsstandort kann NRW auf ein hochqualifiziertes Ausbildungssystem nicht verzichten. Dieses System aufgrund einer gegenwärtig engen personellen Situation aufzugeben, wäre leichtfertig. Die Lösung kann nur in einer qualitativen Stärkung der schulischen Ausbildungskapazitäten liegen, nicht in ihrer Umgehung.


Sabine Flögel
Mitglied im Leitungsteam der Fachgruppe Berufskolleg der GEW NRW

Foto: Peruphotoart / photocase.de

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