Integration im Bergbau: „Unser Arbeitgeber hat viel Verantwortung übernommen“

Migration und Integration – vom Bergbau lernen

Mikail Zopi ist einer von zahlreichen jungen Türken, die in den 1970er-Jahren ins Ruhrgebiet kommen, um im „gelobten“ Land ihr Glück zu suchen. Das Portrait einer gelungenen Integration – und ein Beispiel dafür, was Gewerkschafts- und Betriebsratsarbeit leisten können.

Integration im Bergbau: „Unser Arbeitgeber hat viel Verantwortung übernommen“

Das Jahr 1971. Es ist früher Morgen in Kars, einer Kreisstadt in Ostanatolien. Mikail Zopi ist auf dem Weg zu seinem Ferienjob, er hilft auf einer Baustelle. Aus dem Augenwinkel sieht der 16-jährige Gymnasiast einen Aushang am Fenster des Arbeitsamts: „Lehrlinge für Deutschland gesucht“. Deutschland, das Land, das etwas verspricht. Das Land, in dem sein Onkel als Bergmann seit fast zehn Jahren gutes Geld verdient. Mikail Zopi geht weiter zur Baustelle, um wenig später in seiner Pause zum Arbeitsamt zurückzukehren. Er spricht mit einem Angestellten – und erhält eine freundliche, aber bestimmte Abfuhr: „Du kommst nicht infrage. Geh mal weiter aufs Gymnasium!“
Doch der junge Mann lässt sich durch seine Überqualifizierung nicht von seinem Ziel abbringen: Er spricht mit seinen Eltern und sein Vater schaltet einen Bekannten ein, der auf Umwegen das Original-Abschlusszeugnis der Mittelschule beschafft, das für Schüler*innen auf dem Weg zum Abitur eigentlich gar nicht vorgesehen ist. Mit diesem Dokument steht die Tür nach Deutschland offen. Und für den Jungen aus einfachen Verhältnissen – sein Vater betreibt ein kleines Lebensmittelgeschäft, sieben Kinder müssen versorgt werden – erfüllt sich sein sehnlichster Wunsch. „Deutschland war das Land meiner Träume“, erinnert sich Mikail Zopi heute. „Jeden Sommer, wenn uns mein Onkel besuchte, war ich beeindruckt, wie gut er gekleidet war und welch schöne Geschenke er uns mitbrachte. Ich wusste, dass meine Chancen in der Türkei begrenzt sind und ich woanders mehr erreichen kann.“
Also fahren Vater und Sohn Ende August 1971 mit dem Bus ins fast 2.000 Kilometer entfernte Istanbul. Für den 1955 geborenen Mikail Zopi ein Erlebnis für sich: Hunderte kämpfen um ein Ticket für Deutschland. „Wir mussten eine schriftliche Prüfung ablegen, um zu zeigen, dass wir lesen, schreiben und rechnen können. Außerdem stand ein Gesundheitscheck an“, erinnert sich Mikail Zopi. Er besteht – und steigt am 31. August 1971 mit 180 anderen jungen Türken in ein Flugzeug nach Düsseldorf.

Ankommen in Deutschland

Was ihn nach dem Flug und der Busfahrt zum Jugenddorf Oberaden in Bergkamen erwartet, sprengt seine Vorstellungskraft. „Alles war top organisiert: Ich hatte ein sauberes, aufgeräumtes Zimmer. Unsere Wäsche wurde gewaschen, das Essen in einem Speisesaal serviert. Ich habe mich schnell wohlgefühlt, auch wenn ich am Anfang natürlich unsicher war, was uns bei der Ausbildung wirklich erwartet“, sagt Mikail Zopi. Dass sich schnell ein Heimatgefühl in Deutschland einstellt, daran hat ein Mann großen Anteil: Heinz Schwarz, eine Art Abgesandter des Schachtbetriebs. Mikail Zopi nennt ihn „Vati“. „Seine Aufgabe war es, uns die deutsche Sprache beizubringen, sich um uns zu kümmern und dafür zu sorgen, dass wir nicht auf die schiefe Bahn geraten. Er war meine wichtigste Bezugsperson, sogar am Wochenende war er für uns da.“
Schon damals ist dem jungen Türken klar, dass diese Bedingungen nicht selbstverständlich sind: „Der Betrieb hat sich wirklich darum bemüht, dass es uns gut geht und wir gute Chancen haben, uns zu integrieren. So fand der Deutschunterricht auch nicht nur in der Freizeit, sondern in den ersten Monaten auch in den Schichten statt. Heinz Schwarz war immer da und hat uns die halbe Schicht Deutsch beigebracht. Für die zweite Schichthälfte ging es in die Werkstatt und wir haben die praktischen Kenntnisse vermittelt bekommen. Nach dieser Zeit konnten wir die Sprache gut genug, um dann in die Grube einzufahren.“

Integration im Bergbau: „Unser Arbeitgeber hat viel Verantwortung übernommen“

Zwei Kulturen unter einem Dach

Gleich zu Beginn gibt es zudem engen Kontakt zu jungen Deutschen. „Als wir im Dorf ankamen, waren bereits deutsche Auszubildende dort untergebracht.“ Zwei Kulturen unter einem Dach –
das hat aus Mikail Zopis Sicht im Jugenddorf gut funktioniert: „Sicher gab es Unterschiede, aber wir lebten ja unter denselben Bedingungen zusammen und ich habe keine kulturellen Differenzen erlebt. Am Wochenende unternahmen wir viel, haben Tischtennis und Fußball gespielt. Für uns war dieser Kontakt ganz wichtig, da wir unsere theoretischen Sprachkenntnisse aus dem Deutschunterricht direkt anwenden konnten.“ Natürlich mussten sich Mikail Zopi und die anderen türkischen Lehrlinge an einige Dinge erst mal gewöhnen. Mikail Zopi hat sie jedoch nicht als Problem wahrgenommen: „Zum Mittagessen gab es meistens Schweinefleisch, aber es hat mir sehr gut geschmeckt. Und auch das Duschen in der Gemeinschaftsdusche war das erste Mal ungewohnt. Aber unser Mentor Heinz Schwarz hat uns vermittelt, dass das einfach dazugehört.“

Ein Wendepunkt – und das Ziel, nach „oben“ zu kommen

Für Mikail Zopi ist es eine Zeit, die er aus heutiger Sicht als eine der schönsten seines Lebens bezeichnet. Überschattet wird sie allerdings von einem schmerzlichen Verlust: „Der 5. März 1973 war der schlimmste Tag in meinem Leben.“ Sein bester Freund Ahmet und er setzten im Streb Hydraulikstempel um. Ahmet, keine 18 Jahre alt, wird gegen einen Stempel gedrückt – und stirbt nur wenige Meter von Mikail Zopi entfernt. Zwei Tage lang meutern er und seine Azubi-Kumpel nach dem tragischen Unglück, weigern sich einzufahren. „Danach ging alles wieder seinen mehr oder weniger geregelten Gang“, erinnert sich Mikail Zopi. „Doch für mich war spätestens an diesem Punkt klar, dass ich nicht auf ewig unter Tage bleiben will.“

Sprache als Schlüssel – Deutschland als Heimat

Ob er irgendwann zurückwollte? „Nein, und selbst, wenn ich gewollt hätte, wäre es keine Option gewesen. Natürlich hatte ich manchmal Heimweh, aber ich hatte ja auch eine finanzielle Verantwortung meinen Eltern und meinen Geschwistern gegenüber, die ich unterstützt habe.“ Also verfolgt Mikail Zopi sein Ziel weiter, in Deutschland alle Chancen für sich zu nutzen und tut viel dafür, nicht lebenslang unter Tage zu arbeiten. Unterstützt wird er dabei von seinen deutschen Kollegen – und von „Vati“. „Sie alle haben stets an mich geglaubt und mich darin bestärkt, meinen Weg zu gehen.“
Im Juni 1974 hält Mikail Zopi seinen Knappenbrief in der Hand – er hat seine Ausbildung bestanden und wie fast alle anderen einen Vertrag für mindestens zwei Jahre auf der Zeche. Sein Weg führt ihn zur Schachtanlage Grimberg 3/4 in Bergkamen, wo er vom Reviersteiger zur Nachtschicht eingeteilt wird. Nicht schön, aber er fügte sich – mit dem Ziel vor Augen, sein Arbeitsleben nach „oben“ zu verlegen.
Kurz darauf wird Mikail Zopi aufgrund seiner guten Deutschkenntnisse als Dolmetscher über Tage eingesetzt. Da er aber in dieser Rolle nicht jedes Problem seiner türkischen Kollegen lösen kann, sucht er die Zusammenarbeit mit dem Betriebsrat. Noch im gleichen Jahr tritt er selbst bei den Betriebsratswahlen an und wird Ersatzmitglied. Für ihn das Signal: „Hier geht noch was.“ Bei den nächsten Wahlen 1978 wird er in den Betriebsrat gewählt. Nebenbei bildet er sich durch die Angebote der IG Bergbau und Energie (IG BE) weiter und besucht ein Jahr lang die Sozialakademie in Dortmund. 1980 nimmt er das Angebot an, Gewerkschaftssekretär der IG BE zu werden, wird später Referent und Leiter des heutigen Adolf-Schmidt-Bildungszentrums der IG BCE in Haltern am See.

Vorbild für gelungene Integration

Aus gesundheitlichen Gründen gibt Mikail Zopi 2005 seine Arbeit auf. Heute ist er ehrenamtlich unterwegs und setzt sich als Senior*innenvertreter ein. Nach rund 50 Jahren in Deutschland ist ihm bewusst, dass er ein Beispiel dafür ist, wie Integration gelingen kann. „Ich weiß, dass die Bedingungen, unter denen ich starten konnte, nicht selbstverständlich waren. Unser Arbeitgeber hat viel Verantwortung übernommen. Ohne die Bemühungen des Betriebsrats und der Gewerkschaft wäre es mir nicht möglich gewesen, mich in Deutschland so schnell wohlzufühlen.“


Denise Heidenreich
freie Journalistin

Foto: iStock.com / Savany, ohnski / photocase.de

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Aktuelle Projekte der RAG

Integration bleibt zentrale Aufgabe

Die Geschichte von Mikail Zopi zeigt, wie Integration mit der richtigen Unterstützung gelingen kann. Bis heute sieht sich die RAG in der Verantwortung und fördert über ihre Stiftung unter anderem Bildungsprojekte für junge Geflüchtete.
Seit drei Jahren stellt die RAG-Stiftung ein Sonderbudget für junge Flüchtlinge zur Verfügung, das ihnen hilft, in Deutschland Fuß zu fassen. Gemeinsam mit Partnern wie dem TÜV Nord Bildung, dem Caritasverband und ausgewählten Weiterbildungsinstituten wurden im Jahr 2017 sieben Flüchtlingsprojekte in zwölf Städten an Ruhr und Saar auf den Weg gebracht. Dabei liegen die Schwerpunkte auf der Sprachförderung, Kompetenzvermittlung, der beruflichen Orientierung und dem Erwerb eines Schulabschlusses.

Mehr unter www.rag-stiftung.de/foerderung

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