Gut unterrichten: Lehrer*innenhandeln im Visier

Maßnahmen für besseren Unterricht

Schulen stehen im Wettbewerb. Ein wichtiges Kriterium für Eltern, Schüler*innen und Schulbehörde ist dabei die Qualität des Unterrichts und damit das Handeln der Lehrkräfte. Aber welche Verfahren sind geeignet, um das eigene Verhalten als Lehrer*in zu reflektieren und zu verbessern?

Gut unterrichten: Lehrer*innenhandeln im Visier
Gut unterrichten: Lehrer*innenhandeln im Visier

Schule steht in der öffentlichen Kritik, kritisiert wird insbesondere die Leistungsfähigkeit der Schulabgänger*innen: Es fehle ihnen in vielen Fällen an grundlegenden Kenntnissen und Einstellungen. Dafür verantwortlich gemacht werden die Lehrer*innen. Um Lehrkräfte zu besseren Leistungen herauszufordern, beurteilen Schüler*innen und Eltern sowie Kolleg*innen und Schulinspektor*innen die Lehrer*innen und ihren Unterricht. Außerdem wird mit Hilfe von Vergleichsarbeiten ermittelt, ob eine Lehrkraft die Schüler*innen zu ansprechenden Leistungen geführt hat.

Schulen und Lehrkräfte stehen in Konkurrenz zueinander

Der Druck wächst weiter, weil die Schulen um den guten Ruf im Schulbezirk buhlen und die Lehrer*innen im Wettbewerb zueinander stehen. Außenstehende wie Eltern und Schulbehörde fällen ein Urteil und legen dabei unterschiedliche Maßstäbe an: Eltern urteilen nach der Betroffenheit ihrer Kinder. Wichtig ist ihnen, dass die Noten bei ihren Kindern stimmen und über die Sekundarstufe II der Zugang zur Universität ermöglicht wird. Für Bildungsforscher*innen geht ein guter Unterricht mit Methodenvielfalt und Schüler*innenaktionen einher.
Schulpraktiker*innen beziehen sich auf den Bildungsauftrag, dem sie verpflichtet sind. Sie möchten Lernmöglichkeiten auf hohem Niveau gemäß dem fachlichen Selbstverständnis und den fachdidaktischen Zielsetzungen einer Schulform eröffnen und Schüler*innen in einer Weise herausfordern, dass sie den Anforderungen entsprechen können. Die Lehrer*innenarbeit steht also unter der externen Vorgabe von Inhalten und Anforderungen. Dieser Anspruch kann in der Realität häufig nur bedingt eingelöst werden. Erwartet wird, dass alle Schüler*innen in gleicher Zeit vorgegebene Bildungsziele auf hohem Niveau erreichen. Das ist kein einfaches Unterfangen, wenn die Heterogenität in einer Lerngruppe sehr groß ist. Hinreichend Zeit, um gemäß der individuellen Schüler*innenvoraussetzungen differenziert zu unterrichten, steht meistens nicht zur Verfügung. Eine Lösung bietet sich an, wenn der Lehr- beziehungsweise Lernprozess in der Unterrichtssituation selbst in den Blick genommen wird.
Welche Ausrichtung des Lehrer*innenhandelns angemessen ist, kann eine Unterrichtsanalyse ergeben. Diese Methode erlaubt es, verschiedene Perspektiven in den Blick zu nehmen. Dazu benötigt die Lehrkraft Zeit, um die diversen Lernbedingungen (Lerndiagnose und gruppendynamische Einflüsse) herauszufinden und angemessene Handlungsmuster zu entwickeln. Standardisierte Vorgehensweisen helfen nicht weiter, erforderlich sind insistierende Tools für den Unterricht. Welche Maßnahmen geeignet sind, lässt sich über eine Fremdbeobachtung durch Kolleg*innen- und Schüler*innenfeedback ermitteln. Dazu muss das Handeln der Lehrkraft in Unterrichtssituationen ins Gespräch gebracht werden.

Lehrer*innenfeedback: Kommentierung oder Beratung?

Beim Kolleg*innenfeedback bewerten Lehrkräfte einander in gegenseitigen Hospitationen. Viele Lehrer*innen sind davon nicht angetan. Ihre Bereitschaft, sich auf dieses Verfahren einzulassen, ist – wie die Praxis zeigt – nicht sehr groß. Die Skepsis gegen dieses Verfahren ist durchaus begründet. Denn es kann nicht um Bewertung gehen; Beratung müsste das Anliegen sein. Aber auch hierbei ist zu fragen: Kann Beratung hilfreich sein, wenn sie womöglich nur eine Meinung wiedergibt? Das Problem: Hospitant*innen nehmen das wahr, was ihren eigenen Vorstellung entspricht, oder sie beziehen sich auf favorisierte pädagogische Vorlieben, die sie eingelöst sehen möchten. Einschätzungen und Ratschläge sehen viele Lehrer*innen nicht als Hilfe, um die eigene Unterrichtsqualität zu verbessern. Sie fürchten vielmehr, dass ihre Autonomie infrage gestellt wird.  
Die Alternative zur Klärung der Unterrichtsqualität ist das Kolleg*innenfeedback, das sich auf vereinbarte Beobachtungsaufgaben stützt. Für bestimmte Unterrichtsphasen werden Lernvoraussetzung und Lehrabsicht durch Beobachtungsaufgaben beschrieben. Mit eigenem Eindruck vom Unterricht und anhand des Beobachtungsprotokolls werden anschließend gemeinsam die Lernergebnisse erörtert. Auf diesem Weg können Lehrer*innen ihr Handeln in Unterrichtssituationen flexibel an die Lernbedürfnisse der Schüler*innen anpassen. Statt Wahrnehmung ist die Beobachtung auf der Grundlage von Beobachtungskriterien als zielführende Methode anzusehen. Die Kriterien müssen vor der Hospitation gemeinsam von den beteiligen Kolleg*innen festgelegt werden.

Videoanalyse: Zeitsparende Reflexion

Hospitationen unter Kolleg*innen sind sehr zeitaufwendig. Als Alternative bietet sich die Videoaufzeichnung und -analyse an. Der Einsatz einer Kamera mit Kontrollmonitor sollte in einem zeitgemäßen Unterricht eine Selbstverständlichkeit sein. Nur wenige Klassen- und Fachräume müssten entsprechend ausgestattet werden. Die Kamera wird entweder von der Lehrkraft selbst oder von Hospitant*innen während des Unterrichts bedient. Ebenso entscheiden die Pädagog*innen selbst, welche Aufnahmen in der Unterrichtssituation zweckmäßig sind. Ist eine Nahaufnahme sinnvoll oder muss der ganze Klassenraum im Bild sein? Welche Personen sind zu sehen?
Nach dem Unterricht werten die Lehrer*innen das Video in aller Ruhe selbstkritisch aus. Der Vorteil: Das Video kann wiederholt vorgeführt werden, für eine Detailanalyse können bestimmte Sequenzen eingehender betrachtet werden. Des Weiteren bietet es sich an, das Video im Rahmen kollegialer Beratungen für die Unterrichts-
analyse zu verwenden. Das könnte zum Beispiel eine schulinterne Fortbildung sein.

Schüler*innenfeedback: Ein Motor der Lernförderung

Der Fragebogen für das Schüler*innenfeedback wird häufig an Schulen fach- und stufenübergreifend entwickelt. Dabei ist es wichtig, das Ziel der Befragung abzustecken. Geht es darum, das Wohlbefinden und die Zufriedenheit von Schüler*innen zu ermitteln oder soll eine Lehrer*innenbeurteilung herauskommen? Mit beiden Aussrichtungen kann bei entsprechendem Ergebnis sicherlich für eine gute Schule geworben werden.
Was in guter Absicht geplant ist, wird allerdings von vielen Lehrer*innen abgelehnt. So kann eine Ermittlung des Wohlfühlfaktors zum Beispiel von Lehrer*innen als Aufforderung verstanden werden, sich bestimmten Schüler*innenwünschen anzupassen und die Akzeptanz zu erhöhen. Es ist auch nicht möglich, dass die Schüler*innen in ihrer Bewertung den Bildungsauftrag berücksichtigen, den die Lehrkraft gegen Widerstände durchsetzen muss.
Ein auf Lernbedingungen ausgerichtetes Schüler*innenfeedback sollte den Grundsatz berücksichtigen: „Hilf mir, dass ich besser werde“. Diese Aufforderung zielt auf ein beidseitiges Interesse ab. Schüler*innen benennen ihre Probleme und Lehrer*innen erkennen, worauf sie sich einlassen sollen. Eine Win-win-Lösung entsteht.
Ein Fragebogen, der auf dieser Bedürfnislage beruht, muss von Lehrer*innen spezifisch für ihre Lerngruppen entwickelt werden. Er wird zweckmäßig am Ende eines Lernabschnitts eingesetzt, um detaillierte Rückmeldungen über das Lehr- beziehungsweise Lernverfahren zu bekommen. Eine solche Schüler*innenbefragung ist mehr als ein Leistungstest, bei dem der Leistungsstand ermittelt wird. Beim Schüler*innenfeedback können Kinder und Jugendliche ihre Bedürfnisse mitteilen.

Kooperation als Antwort auf Heterogenität

Die Ermittlung der Lernbedingungen liefert eine Grundlage für die Unterrichtsgestaltung. Allein die Beschreibung von durch den Menschen beeinflussten und soziokulturellen Voraussetzungen ist in sehr heterogenen Lerngruppen kaum ausreichend, um für alle Schüler*innen in geeigneter Weise einen konstruktiven Lehr- beziehungsweise Lernprozess zu entfalten. Lernfördernd im Unterricht ist spontanes Eingehen auf die Lernbedingungen der Schüler*innen. Lehrkräfte müssen für die Lernsituation sensibilisiert werden, indem Interaktionsmuster und Anforderungsbereiche diskutiert werden. Hilfe zur Selbsthilfe können die Verfahren der kriteriengeleiteten Unterrichtsbeobachtung mit Beratung durch Kolleg*innen sowie das Schüler*innenfeedback sein. Als Alternative zur Kolleg*innenhospitation bietet sich die Videoanalyse an. Das Video kann als Dokument wiederholt genutzt werden und ist daher das Mittel der Wahl.


Roland Meloefski
ehemaliger Hauptseminar- und Fachseminarleiter am Zentrum für schulpraktische Lehrerausbildung Essen

Fotos: iStock.com / MarinaZg, Motortion

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