Karriere in Schule: Wer was wird, wird Schulleitung?

Wer in Schule Karriere machen will, wird Schulleitung. Und was geht noch? Wir haben junge Lehrerinnen und Gewerkschafterinnen gefragt, was sie unter Karriere verstehen und mit ihnen über Wege jenseits von Schulleitung gesprochen.

Karriere in Schule: Wer was wird, wird Schulleitung?
Karriere in Schule: Wer was wird, wird Schulleitung?

Was bedeutet Karriere in der Schule für dich?

Annika Berghorn: Ich verstehe Karriere in der Schule weniger als beruflichen Aufstieg, der zwingend mit einer höheren Dienststellung oder einem wirtschaftlichen Plus verbunden ist. Vielmehr denke ich an eine inhaltliche berufliche Weiterentwicklung und an persönliche Verwirklichung. Beides ist mir in meinem Beruf sehr wichtig. Eine reine Erwerbstätigkeit auszuführen, kann ich mir nicht vorstellen.
Der Berufsalltag hat für mich am Anfang vorwiegend die Leitung einer Klasse und das Unterrichten umfasst. Mit etwas mehr Erfahrung und Routine sind glücklicherweise zeitliche Ressourcen frei geworden, die es mir ermöglichen, meinen Blick über das tägliche „Klassengeschäft“ hinaus zu öffnen. Das ist eine tolle Ergänzung!
Ich möchte mich stärker in die Schulentwicklung einbringen, denn das bedeutet für mich, das größere System zu verstehen und in Teilen mitlenken zu können. Besonders reizt mich, mit anderen engagierten Kolleg*innen zusammen bestehende Strukturen zu reflektieren und so zu verändern, dass eine bessere Förderung der Schüler*innen möglich ist.

Was sind Karriereanreize?

Ich sehe keine Anreize, die von Seiten des Arbeitgebers gestellt werden – leider. Mich motiviert eher mein eigener Anspruch: Mir macht die Arbeit Spaß und ich habe Lust, Neues zu lernen. In meiner Schule gibt es ein Klima der Dankbarkeit und sozialen Anerkennung – auch das spielt eine wichtige Rolle.

Muss man deiner Einschätzung nach viel Zeit investieren, um Karriere in der Schulentwicklungsarbeit zu machen?

Ja, viel Zeit ist nötig, aber das sehe ich keinesfalls negativ. Ich mache die Arbeit aus Überzeugung und investierte die Zeit gerne. Da aber das Schulsystem davon profitiert, ist es extrem wichtig, dass die investierte Zeit Arbeitszeit ist. Mit den 40 Stunden, die ich aufgrund meiner vollen Stelle pro Woche habe, und den Überstunden, mit denen wir die sechs Wochen unterrichtsfreie Zeit ausgleichen, bin ich in den vergangenen Jahren leider nicht hingekommen.

Kind und Karriere in der Schule – denkst du, man kann beides haben?

Jein. Ich habe noch kein Kind, aber ich denke, dass beides nur möglich ist, wenn es eine*n Partner*in gibt, die*der selbst weniger arbeiten und damit wahrscheinlich auf eine eigene Karriere verzichten würde.
Ich glaube, dass es schwierig ist, mit einer Teilzeitstelle Karriere in der Schule zu machen. Einfacher wäre das vielleicht, wenn Schulen eine geeignete Arbeitszeiterfassung nutzen würden und souveräner inhaltliche Aufgaben verteilen könnten. Dann könnte eine Teilzeitkraft stärker von unterrichtlichen Aufgaben befreit werden als es derzeit durch Verfügungsstunden möglich ist und könnte so weiterhin an übergeordneten Prozessen mitarbeiten.


Annika Berghorn
Lehrerin an einer Förderschule

 

 

Jeanne, du bist als junge Gewerkschafterin im GEW-Stadtverband Essen aktiv. Was bedeutet Karriere in der Gewerkschaftsarbeit für euch?

Jeanne Ziegler: Eigentlich finde ich den Begriff Karriere in Bezug auf Gewerkschaftsarbeit und Ehrenamt nicht passend. Klar: Ich kann Funktionen und damit auch Verantwortung übernehmen, aber unter Karriere verstehe ich eigentlich einen beruflichen Aufstieg in eine höhere Position, der zum Beispiel leitende oder koordinierende Aufgaben beinhaltet. Oft hat man dann auch Personalverantwortung und verdient mehr Geld.
Von gewerkschaftlicher Karriere kann man meiner Meinung nach sprechen, wenn man nicht nur in seiner eigenen Untergliederung vor Ort, sondern auch auf Landesebene oder im Personalrat aktiv ist.

Hanna, du engagierst dich als Personalrätin und bist mittlerweile im Leitungsteam der Fachgruppe Gymnasium der GEW NRW. Wie siehst du das?

Hanna Tuszynski: Ich empfinde das Wort „Karriere“ auch als sehr ungewöhnlich. Es fällt mir schwer, Aufstiegskriterien in der Mitbestimmung zu definieren. Es ist meines Erachtens nicht so, dass es eine zwingende Laufbahn geben muss, also zum Beispiel erst Stadtverband, dann Bezirksebene, dann Landesebene. Mein eigener Weg hat mich über die Landesebene – also junge GEW NRW – zum Stadtverband geführt. Und ich bin vom Leitungsteam der jungen GEW NRW direkt in das Leitungsteam der Fachgruppe Gymnasium gewechselt, ohne dort vorher im Ausschuss gewesen zu sein. Vermutlich würde ich Karriere daher für mich so sehen, dass ich dort mitarbeiten kann, wo ich möchte, und in die entsprechenden Gremien gewählt oder entsandt werde. Dazu gehört auch ein Platz auf einer Personalratsliste. Das ist natürlich einfacher, wenn man schon durch die eigene Arbeit positiv aufgefallen ist.

Dann lasst uns stattdessen einfach von gewerkschaftlichem Engagement sprechen. Was können Anreize dafür sein?

Hanna Tuszynski: Ich fand es immer sehr interessant, über den eigenen Schulalltag hinauszublicken. Die Personalrats- und die gewerkschaftliche Arbeit eröffnen neue Blickwinkel und geben neue Austauschmöglichkeiten. Außerdem hat mich immer die Handlungsperspektive gereizt, also die Möglichkeit, politisches Geschehen aktiv mitzugestalten. Das war schon als Studentin so.
Jeanne Ziegler: Mich persönlich motivieren die Erfahrungen, die ich mache, die Informationen, die ich für meine tägliche Arbeit in der Schule erhalte, und der Austausch mit Kolleg*innen.

Muss man eurer Einschätzung nach viel Zeit investieren, um sich gewerkschaftlich zu engagieren und sich auch weiterzuentwickeln?

Jeanne Ziegler: Ich habe den Eindruck, dass es einem als jüngeres GEW-Mitglied eher gelingt, sich in der Organisation weiterzuentwickeln. Man wird bei Interesse mit offenen Armen empfangen und gerne eingebunden. Selbstverständlich muss man sich an der einen oder anderen Stelle auch mal gegen „alte Hasen“ durchsetzen, denn sie sind nicht immer offen für Neues. Ich habe aber die Erfahrung gemacht, dass es eher einfach ist und man fast aufpassen muss, dass man sich nicht zu stark oder in zu viele Gremien einbinden lässt.
Hanna Tuszynski: Kommt darauf an. Nur durch regelmäßige Mitarbeit legitimiert man ja seine Mitgliedschaft in bestimmten Gremien, aber regelmäßig wird durchaus sehr unterschiedlich definiert. Das kann in Stressphasen schon ganz schön viel auf einmal sein. Da muss man Prioritäten setzen. Allerdings schätze ich sehr, dass mir meine Tätigkeit als Personalrätin ein höheres Maß an Flexibilität erlaubt, als mit voller Stundenzahl zu unterrichten.

Kind und ehrenamtliches Engagement – denkt ihr, man kann beides haben?

Hanna Tuszynski: Ich denke, grundsätzlich ja. Personalratsarbeit und Kinder lässt sich meiner Beobachtung nach sehr gut vereinbaren. Bei den gewerkschaftlichen Gremien sehe ich da aber noch Verbesserungsbedarf. Sitzungszeiten und Kinderbetreuung müssen besser werden.
Jeanne Ziegler: Ich denke auch, beides ist möglich. Allerdings muss man gut organisiert sein und Menschen in der Hinterhand haben, die auch mal auf das Kind aufpassen, vor allem bei Terminen am Nachmittag, weil die*der Partner*in dann in der Regel ja auch arbeitet. Eine durch die GEW organisierte Kinderbetreuung wäre allerdings von Vorteil, wenn man mal niemanden hat. Ein Kind zu einer Sitzung oder Veranstaltung mitbringen zu müssen, ist für alle nicht optimal.

Welchen Stellenwert hat Karriere für euch?

Jeanne Ziegler: Für mich hat Karriere eher einen geringen Stellenwert. Wichtiger ist für mich, dass ich meine Arbeit gerne mache und sie mich inhaltlich interessiert. Das gilt für meine Arbeit in der Schule genauso wie für mein Engagement in der GEW.
Hanna Tuszynski: Ich bin schon karriereorientiert in dem Sinn, dass ich gerne in Positionen bin, in denen ich mitgestalten kann. Nur einfach stumm daneben sitzen liegt mir nicht. Das gilt für meine Gremien genauso, wie auch für meine berufliche Arbeit.


Jeanne Ziegler
Lehrerin an einer Realschule, Personalrätin und gehört zum Leitungsteam des GEW-Stadtverbands Essen

Hanna Tuszynski
Lehrerin an einem Gymnasium, Personalrätin und gehört zum Leitungsteam der Fachgruppe Gymnasium der GEW NRW

Fotos:  iStock.com / pixelfit, manop1984

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