Karriere in der Wissenschaft: Forschung und Fläschchen?

Eine gute Liaison?

Wer Karriere in Wissenschaft und Forschung machen möchte, steht vor schwierigen Bedingungen: Befristete Verträge sind eher die Regel als die Ausnahme und der Weg zur Professur öffnet sich nur für wenige. Gleichzeitig verlangt das Wissenschaftssystem seinen Beschäftigten maximale Flexibilität und Mobilität ab. Sind Kinder eine Option für junge Wissenschaftler*innen?

Karriere in der Wissenschaft: Forschung und Fläschchen?
Karriere in der Wissenschaft: Forschung und Fläschchen?

Gesellschaftliche Transformationen von Arbeit, Leben und Fürsorge gehen in den vergangenen Jahren mit einer Ökonomisierung der Politik und des Sozialen einher, die auch vor Wissenschaft und Elternschaft nicht Halt machen. Insbesondere im Wechselspiel von Beschäftigungsverhältnissen, familiären Lebensformen sowie Geschlechter- und Sorgebeziehungen sind Neukonfigurationen zu verzeichnen. Wie steht es um die Vereinbarkeit von Partnerschaft, Elternschaft und Familie im mehr und mehr unternehmerischen Arbeitskontext Wissenschaft? Welche förderlichen und welche konflikthaften Faktoren bedingen diese Allianz? Und was hat es mit dem Modell der sogenannten Doppelkarrierefamilie auf sich?

Das patriarchal geprägte Bild des Wissenschaftlers – von gestern?

Studienergebnisse belegen für den Erwerbsarbeitskontext Wissenschaft mit einem Durchschnitt von 0,46 Kindern eine geringe Kinderzahl bei Nachwuchswissenschaftlerinnen, eine Häufung von Einzelkindern und eine vergleichsweise hohe Kinderlosigkeit im wissenschaftlichen Mittelbau, also in der wissenschaftlichen Qualifizierungsphase. Zudem sind Wissenschaftlerinnen zum Zeitpunkt der Geburt des ersten Kindes oftmals bereits im „fortgeschrittenen“ Alter.  Warum? Der wissenschaftliche Karriereweg ist bis hin zur Professur lang und zumeist auch steinig. Mit steigendem Qualifizierungsgrad (und Kindern) führt er für Frauen häufiger als für Männer zu einem Ausstieg aus dem Wissenschaftssystem, dem sogenannten Drop Out.Historisch betrachtet ist die „Wissenschaft als Lebensform“ darüber hinaus in einem sozialen Kontext entstanden, in dem eine komplementäre, geschlechtergetrennte Arbeitsteilung vorherrschte. Das Vorbild des von der Sorgearbeit befreiten Wissenschaftlers war sehr patriarchal geprägt. Und obwohl Beschäftigungsverhältnisse aktuell im Wandel begriffen sind, scheint es so, als würde sich der männlich geprägte Wissenschaftlertypus unverändert durchsetzen. Insbesondere für Frauen reproduziert ein solches Leitbild eher die Unvereinbarkeit von Elternschaft und Wissenschaft.
Analytisch betrachtet kann man sagen: Das sozialgeschichtliche Wissenschaftsethos und ein zunehmend unternehmerisches und wettbewerbsorientiertes Hochschulmanagement verstärken hegemoniale Machtverhältnisse und Geschlechternormen sowie die Entgrenzung von Arbeit und Leben. Erschwerend kommt hinzu, dass nebst der geforderten Mobilität und Flexibilität befristete, unsichere und prekäre Beschäftigungsverhältnisse das Arbeitsfeld Wissenschaft kennzeichnen und dem Wunsch nach einer gesicherten, beruflichen Zukunft für eine Familiengründung entgegenstehen – zumindest unterhalb der Professurebene.

Mehr Chancen- und Familiengerechtigkeit: Drop Outs zwingen Hochschulen zu handeln

Der befürchtete Verlust von Humankapital infolge des Drop Outs von Frauen – gerade in Zeiten des Fachkräftemangels – ließ im Hochschulsystem die Forderungen nach mehr Chancengleichheit und Familiengerechtigkeit lauter werden. An den Universitäten wurden Förderinstrumente und Programme implementiert, um Eltern und insbesondere Frauen die Vereinbarkeit von Studium, Beruf und Familie zu erleichtern und sie für den Arbeitsmarkt beziehungsweise das Arbeitsfeld Wissenschaft (zurück) zu gewinnen.
Nebst familiengerechten Förderprogrammen und Auditierungen bieten einige Universitäten für die spezifische Zielgruppe der Dual Career Couples gezielt eigene Service und Unterstützungsprogramme an. Angesprochen sind hier Paare, in denen beide Partner*innen über eine hohe (akademische) Bildung sowie (wissenschaftliche) Berufsorientierung verfügen. Dual Career Services unterstützen bei der Abstimmung von zwei wissenschaftlichen Karrieren und bieten zumeist Beratung bei der Haus-, Wohnungs-, Betreuungs- oder Schulplatzsuche. Ferner werden die Partner*innen der zu berufenden Professor*innen bei der Stellensuche am neuen Wohnort unterstützt.

Das Dilemma der Doppelkarrierefamilien: Maximale Ausschöpfung par excellence

Es wird deutlich: Der Vereinbarkeitsdiskurs um die Ausbalancierung von Familie und Beruf hat nicht allein in der neuen, nachhaltigen Familienpolitik seinen Platz gefunden, sondern ist auch prägendes Element des Diskurses um Elternschaft im Arbeitskontext Wissenschaft. Zugleich folgt das Wissenschaftssystem mit seinen Serviceangeboten für Doppelkarrierefamilien einem transnationalen Leitbildwandel in europäischen Wohlfahrtsgesellschaften. Schließlich weist das postfordistische Lebensmodell der Dual Career Family eine hohe Passförmigkeit an die im Neoliberalismus formulierten gesellschaftlichen und arbeitsweltlichen Ideale auf.
Laut Studien finden Doppelkarrierefamilien trotz aktueller Förderpolitiken weiterhin unzureichende Rahmenbedingungen für ihr Lebensmodell vor und kämpfen gegen althergebrachte Leitbilder von Elternschaft und Arbeitsteilung an. Andererseits reproduzieren sie selbst die an sie gerichteten humankapital- und ökonomieorientierten Anrufungen: Sie realisieren mit zwei Karriereverläufen und Familie ein Lebensmodell, in dem alle Humanressourcenpotenziale maximal ausgeschöpft werden. Und das tun sie nicht nur in einem Arbeitskontext, der Sorgearbeit für andere lange Zeit ausblendete, sondern auch in einer Zeit der Ausweitung von Erziehung und Bildung. Die Anforderungen an die elterliche Fürsorge sind deutlich gestiegen.


Stefanie Leinfellner
ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Ruhr-Universität Bochum und forscht unter anderem zu Familie, Elternschaft und Wissenschaftskarriere.

Fotos: iStock.com / balenopix, sanjeri

 

 

„Ein bescheidener Wunsch meinerseits ist eine größere Sensibilität gegenüber Müttern.“

Bei der Karriereplanung in der Wissenschaft ist maximale Flexibilität im In- und Ausland sowie Arbeit außerhalb der herkömmlichen Arbeitszeiten der beste Weg zum wirklichen Erfolg. Kommen dann zusätzlich Familienaufgaben hinzu, die auch heute noch aus unterschiedlichen Gründen zumeist bei den Frauen liegen, gerät die Karriere ganz schnell ins Stocken. Es sei denn, man geht Kompromisse ein …

Wie einfach ist es in der Wissenschaft, eine Auszeit zu nehmen? Wenn eine Frau zum Beispiel in einem durch Drittmittel finanzierten Projekt angestellt ist, ist es nicht vorgesehen, dass eine Elternzeit an die Vertragslaufzeit angehängt wird. Das heißt: Eine Elternzeit über das Ende der Projektlaufzeit hinaus heißt für betroffene Frauen demnach, anschließend nicht mehr beschäftigt zu sein. Da überlegt man es sich zweimal, ob man schon in die Familienplanung einsteigt. Hat man dann niemanden, der finanziell für sich und den Nachwuchs sorgt, steht man schnell vor der Entscheidung: Familie oder Karriere?

Aber sagen wir mal, man bekommt als Frau eine feste Stelle im wissenschaftlichen Mittelbau. Und sagen wir mal, man wagt den Schritt, ein Kind zu bekommen. Dann geht der Ärger eigentlich erst los, denn Sensibilität gegenüber Müttern ist am Arbeitsplatz Hochschule nicht unbedingt selbstverständlich. Im Gegenteil: Die Wissenschaft ist ein knallhartes Pflaster, auf dem man ernstgenommen wird, wenn man sich durchkämpft ohne zu murren. Als (alleinerziehende) Frau entwickelt man also schnell den Anspruch an sich, nicht aufzufallen, am besten bei allen Terminen anwesend zu sein und jede Deadline einen Tag früher zu bedienen als alle anderen. Vorträge werden natürlich auch grundsätzlich angenommen – das mit der Kinderbetreuung kriegt man schon irgendwie hin. Wie sieht es denn im Lebenslauf aus, wenn man nicht jeden Monat seines Arbeitslebens dem Ziel der wissenschaftlichen Brillanz entgegengestrebt ist?

Ein bescheidener Wunsch meinerseits ist eine größere Sensibilität gegenüber Müttern. Dazu gehört, dass auch Lücken verstanden werden und man nicht gleich in den Topf der unstrebsamen Menschen geworfen wird. Außerdem ist es ein ungeheuer gutes Gefühl, wenn die Dienststelle sowie die direkten Vorgesetzen die eigene Arbeits- und Karriereplanung begleiten. Im besten Fall bieten sie ihre Unterstützung auch noch proaktiv an. Die Broschüre des zuständigen Jugendamtes zum Thema „Elternzeit“ kann ich mir nämlich auch selbst runterladen – ich habe studiert.

Mia Feldmann
wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Bielefeld

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