Nein zu Extremismus: Reden hilft!

Rechtsextremismus und religiös begründeter Extremismus fordern demokratische, freiheitliche Gesellschaften heraus. Präventionsarbeit muss dem begegnen und sollte dabei immer auch die Entwicklung hin zu extremistischen Haltungen im Blick haben.

Nein zu Extremismus: Reden hilft!

Ideologien der Ungleichwertigkeit – etwa gegenüber Geflüchteten oder Personen mit anderer Hautfarbe oder ethnischem Hintergrund sowie antisemitische Vorurteile – werden von beträchtlichen Teilen der Gesellschaft und einzelner sozialer Milieus geteilt und befördern die gewaltorientierte Radikalisierung. Gerade junge Menschen sind für extremistische Ideen besonders ansprechbar, wenn in ihrem sozialen und institutionellen Umfeld antidemokratische und menschenverachtende Haltungen keine Reaktionen hervorrufen oder von vielen geteilt werden, wenn kein hinreichend respektvoller Umgang mit Mitmenschen gelebt wird und wenn es an ernst gemeinten Teilhabemöglichkeiten fehlt.

Das „Wir“ gegen das „Andere“ – mit allen Mitteln

Im Vergleich von Rechtsextremismus und religiös begründetem Extremismus zeigen sich zahlreiche ideologische und affektive Parallelen: Beide pflegen eine Überidentifikation mit einem konstruierten Eigenkollektiv – „Wir Deutsche“ oder „Wir Muslime“ – und eine Abwertung aller „Anderen“. Individuelle Freiheits- und demokratische Mitbestimmungsrechte werden beschnitten; es herrschen enge und stark emotional besetzte Geschlechterrollenvorstellungen. Verschwörungstheorien machen das Eigenkollektiv zum Opfer und lassen Zwang und Gewalt als legitimes Mittel der „Selbstverteidigung“ erscheinen.
Vielfach sind Jugendliche, die sich religiös radikalisieren, auf der Suche nach einer spirituellen, inklusiven Lebenshaltung, etwas, woran sich in der Distanzierungsarbeit anschließen lässt. Das ist bei nationalistischen, exklusiven Ideologien, etwa eines Volksgemeinschaftskonzepts, nicht gegeben – und im Politischen allenfalls mit global-sozialistischen Visionen vergleichbar. Ferner rührt Rechtsextremismus eher von herrschenden Schichten her, während Islamismus eher aus Diskriminierungserfahrung erwachsen ist – wobei es in aktuellen Sozialmilieus auch Umkehrungen gibt.

Auf die Haltung kommt es an!

Rechtsextreme wie islamistisch begründete Gruppierungen erreichen Jugendliche, indem sie lokale Strukturen mit sozialarbeitsartigem Charakter aufbauen, die Verständnis für die Nöte der Jugendlichen signalisieren und auch jugendkulturell attraktiv sind. Sie bieten Treffpunkte an Orten oder zu Zeiten, an denen es keine Angebote gibt, sowie Gemeinschaftserleben auf Konzerten oder in Gebeten. Die gezielte Ansprache, Kleidungsstile, Rituale, Symbole und Codes erzeugen das Gefühl, einer bedeutenden Bewegung anzugehören. Flankierend unterstützen jugendgerechte soziale Medienangebote bei der Ansprache von Heranwachsenden.
Lehrer*innen und Jugendarbeiter*innen denken manchmal, dass viel Spezialwissen gefordert ist, um dieser „Erlebniswelt Extremismus“ etwas entgegnen zu können. Dabei ist das Wichtigste die eigene Haltung. Denn solange man es noch nicht mit hoch-ideologisierten Jugendlichen zu tun hat, können bereits offene, nicht verurteilende oder argumentativ geführte Gespräche wirksam sein. Vor allem, wenn sie getragen sind von der eigenen Begeisterung für Menschenrechte und Demokratie und vom Interesse an den Hintergründen und Bezugspunkten des Jugendlichen zum Extremismus. Pädagogische Studiengänge müssen deshalb angehende Bildungs- und Erziehungsprofis in ihrem Beziehungskönnen und einer kritisch-zugewandten Haltung unterstützen und systematische Methoden vermitteln, um Ungleichwertigkeitsvorstellungen und Ressentiments zu reflektieren. „Niemand von der Schule hat mit uns geredet“, berichten viele Aussteiger*innen über ihre Anfangszeit und erste Annäherung an extremistische Szenen. Jede*r Lehrer*in kann dem entgegenwirken.


Silke Baer
Geschäftsführerin und  pädagogische Leiterin von cultures interactive e. V.,
unter Mitarbeit von Harald Weilnböck, wissenschaftlicher Leiter von cultures interactive e. V.
www.cultures-interactive.de

christophe papke /photocase.de

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