Wie kann der Generationendialog gelingen?

#mitdiesenjungenleuten

Was muss Gewerkschaft tun, um den Generationenwechsel zu schaffen? Wie muss sie sein, damit junge Menschen mitmachen wollen? Jessica Rosenthal ist GEW-Mitglied und hat als stellvertretende Bundesvorsitzende der Jusos ein erfolgreiches Beispiel für politisches Engagement junger Menschen begleitet: Die #nogroko-Aktion. Was hat sie daraus gelernt?

Wie kann der Generationendialog gelingen?
Wie kann der Generationendialog gelingen?

Gewerkschaften sind Orte der Solidarität und des Zusammenhalts. Einerseits, weil sie beides in der Gesellschaft einfordern und verteidigen – in Zeiten wie diesen unverzichtbar. Andererseits, weil sie mit ihrem Kampf für gute Arbeitsbedingungen und faire Löhne Gelingensbedingungen für ein solidarisches Zusammenleben erstreiten. Orte der Solidarität sind sie aber auch mit Blick auf die eigenen Strukturen. Denn hier schließen sich ganz unterschiedliche Menschen zusammen, um diesen Kampf gemeinsam zu führen. Dies gilt auch und besonders für verschiedene Generationen, die hier zusammenkommen. Als Angehörige der jüngeren Generationen war und ist es für mich sehr oft eine Bereicherung, von den Erfahrungen der Älteren zu profitieren. Die Gemeinschaft verschiedener Generationen innerhalb unserer Strukturen ist wertvoll. Das gilt es anzuerkennen und nicht gering zu schätzen.
Nichts desto trotz brauchen wir nicht darum herum zu reden, dass unsere Mitgliederstrukturen überaltert sind. Das gilt für die GEW NRW, genauso aber auch für andere Strukturen wie beispielsweise Parteien. Das mag mitunter daran liegen, dass der demografische Wandel seinen Beitrag leistet, aber auch daran, dass sich junge Menschen weniger in dieser Art Organisationen engagieren.

Junge Menschen mögen unverbindliches Engagement

Wie eine Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung zur politischen-gesellschaftlichen Teilnahme junger Menschen im Alter von 14 bis 29 Jahren ergab, wird Engagement mit unverbindlichem Charakter eindeutig bevorzugt. Nur 38 Prozent der repräsentativ ausgewählten Jugendlichen können sich beispielsweise vorstellen, aktiv in einer Gewerkschaft mitzuarbeiten. Kritischer Konsum, Demonstrationen oder Onlinepetitionen sind der Studie zufolge weitaus beliebter. Zudem fällt auf, dass das Geschlecht und der Bildungsabschluss Auswirkungen auf das politische Engagement haben. Es engagieren sich nur 28 Prozent der Mädchen politisch. Bei jungen Menschen mit niedrigerer Bildung ist die Chance auf politisches Engagement 38 Prozent geringer als bei höher gebildeten Menschen.
Das Fehlen junger Menschen in den Strukturen der GEW NRW ist problematisch, weil Themen junger Menschen deshalb weniger vorkommen und damit die Begegnung der Generationen ebenfalls. Letztendlich führt das auch dazu, dass die Bildungsgewerkschaft noch weniger attraktiv für junge Menschen wird. Ein Teufelskreis, aus dem wir einen Ausweg finden müssen. Doch wie kann dieser Ausweg aussehen? Eines vorweg: Eine abschließende Antwort gibt es nicht. Das Augenmerk muss sich jedoch auf zwei unterschiedliche Fragen richten: Wie lassen sich junge Menschen zum Eintritt und zur Mitarbeit in der Gewerkschaft motivieren? Und wie beteiligen wir junge neue Mitglieder in unseren Strukturen? Diese Fragen stellen sich vor Ort genauso wie auf der Landes- und Bundesebene.

Wie kann der Generationendialog gelingen?

#nogroko: Politisierung und Inhalte zählen

Die jüngste Kampagne der Jusos gegen die Große Koalition unter dem Hashtag #nogroko, die ich als stellvertretende Juso-Bundesvorsitzende aktiv begleiten durfte, hat in meinen Augen gezeigt, wie wichtig vor allem die verstärkte Politisierung ist. Zahlreiche junge wie alte Menschen sind nicht nur in die SPD eingetreten, sondern haben sich aktiv an der Diskussion beteiligt, sie haben sich mit Nachrichten gemeldet, die Mitgliederversammlungen allerorts platzten aus allen Nähten. Es war die Politisierung der Debatte, auch im Kontrast zur einschläfernden Politik der vergangenen Jahrzehnte, die zu dieser Beteiligung motivierte. Es war für alle anstrengend, diese Debatte zu führen, aber ich bin davon überzeugt, dass wir genau das wieder lernen müssen: Mit klaren Positionen in eine Debatte zu gehen und den Kompromiss nicht schon vorwegzunehmen.
Die #nogroko-Kampagne hat aber auch gezeigt, dass junge Menschen ernst zu nehmen sind und ihre Meinung Gewicht hat. Die Unterrepräsentanz meiner Generation an vielen Stellen und nicht zuletzt in den Medien motiviert junge Menschen keineswegs, ihre Stimme zu erheben. Deshalb ist es immens wichtig, sie in der Breite auch an wichtigen und repräsentativen Stellen sichtbar zu machen. Dabei darf es nicht darum gehen, junge Aktive nur zu installieren, sondern ihre Meinung muss ernst genommen werden.
Für mich ist klar, dass Menschen, egal in welchem Alter, in eine Gewerkschaft eintreten, weil sie gemeinsam mit anderen für bessere Arbeitsbedingungen streiten wollen, für mehr Investitionen in Bildung und für faire Bezahlung. Was zählt, sind die Inhalte. Es braucht daher eine mutige GEW, die bereit ist zuzuspitzen, zu politisieren und als knallharte Anwältin für die Interessen der Arbeitnehmer*innen einzutreten –
der Lehrer*innen, Sozialarbeiter*innen oder Erzieher*innen.

Alleinstellungsmerkmal der GEW: Solidarität zwischen Bildungssektoren

Die Probleme sind an allen Ecken und Enden zu sehen. Wir müssen sie noch stärker mit klaren Worten benennen. Dabei ist für mich gerade die Solidarität zwischen den einzelnen Bildungssektoren ein wichtiger Bestandteil unserer Arbeit und ein Alleinstellungsmerkmal der GEW. Wir sollten genau das noch stärker betonen. Eine gute Vorlage für eine Zuspitzung bietet beispielsweise die neue Datenschutzgrundverordnung. Ein Dienstrechner für alle Lehrer*innen ist die zu Recht aufgestellte Forderung der GEW NRW. Diese müssen wir noch vehementer vertreten und zuspitzen. Die Frage, wie wir unsere Forderungen deutlich nach außen aufstellen und uns noch stärker als Anwältin der Bildung profilieren können, müssen wir auf allen Ebenen stellen. Die Landesebene sollte mit gutem Beispiel vorangehen, aber auch auf lokaler Ebene lohnt sich der Blick auf die wichtigen bildungspolitischen und arbeitsrechtlichen Probleme vor Ort. Sich öfter einzumischen und auch mal eine Pressemitteilung herauszugeben kann helfen, unser Profil zu schärfen. Dabei ist es auch wichtig, den Blick auf Fachbereiche zu richten, die außerhalb der Schule liegen.
Neben dieser notwendigen Politisierung und dem Fokus auf Inhalte sind natürlich die Strukturen wichtig. Warum sollte man eine zugespitzte Forderung beispielsweise nicht mal mit einer Onlinepetition verbinden? Die Reflektion der eigenen Strukturen auch im Hinblick auf die Möglichkeit, neue Engagierte einzubinden, kann ganz unabhängig vom Generationswechsel lohnend sein. Es kann die GEW vor Ort als Ganzes nach vorne bringen, die Vorstandssitzungen eventuell durch andere Inhalte als die der vergangenen Jahre zu ergänzen, andere Gruppen dazu einzuladen oder das Veranstaltungsprogramm um neue, offenere Formate zu erweitern.
Grundsätzlich sollten sich alle Beteiligten die Frage stellen, ob es überhaupt Themen und Angebote für junge Mitglieder gibt und falls nicht, wie man sie schaffen könnte. Das Problem sollte auf keinen Fall nur an jüngere Mitglieder ausgelagert werden. Es geht alle etwas an. Dabei muss beim Stichwort „Generationenwechsel“ nicht immer nur an Menschen unter 35 Jahren gedacht werden. Es kann durchaus auch hilfreich sein, dass man Menschen gezielt für Ämter anspricht, deren Kinder nun schon etwas älter sind und die gerne bereit sind, die frei gewordene Zeit zu investieren.
Entscheidend für das Engagement aller Generationen ist vor allem der Spaß am Engagement. Den kann man nicht verordnen.
Er entsteht, wenn man es schafft, dass Sitzungen und Veranstaltungen sich nicht als zweite Arbeit anfühlen. Dafür ist das Gefühl unerlässlich, gemeinsam etwas zu erreichen und für eine gemeinsame Sache zu kämpfen. Natürlich darf auch das Gefühl nicht fehlen, dass man willkommen ist und die eingesetzte Zeit und Energie gewürdigt werden.
Für uns junge Menschen ist es aus meiner Erfahrung schön, sich hin und wieder mit anderen jungen Menschen zusammenzutun und auszutauschen. Daher lohnt es sich, viel Energie in die junge GEW vor Ort zu investieren. Wenn man die Einbindung junger Menschen ernst meint, darf in letzter Konsequenz die Beteiligung an echten Positionen nicht fehlen. Dafür kann es auch mal nötig sein, den Personalratsposten persönlich nicht weiterzuführen, sondern ihn einer jungen Person zu überlassen.
Letztlich gibt es die eine Antwort nicht. Ausprobieren lohnt sich – wenn am Generationenwechsel alle gemeinsam arbeiten, kann er gelingen.


Jessica Rosenthal
GEW-Mitglied und stellvertretende Bundesvorsitzende der Jusos

Foto: iStock.com / fzant, Haifischbaby

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