Marlis Tepe: Zusätzliche Ressourcen nötig

GEW-Vorsitzende Marlis Tepe im Interview

Bildungseinrichtungen in Stadtteilen mit besonderen Herausforderungen brauchen zusätzliche Ressourcen. Die GEW-Bundesvorsitzende Marlis Tepe hat sich während ihrer Bildungsreise in NRW eine solche Schule genauer angeschaut.

Marlis Tepe: Zusätzliche Ressourcen nötig
Marlis Tepe: Zusätzliche Ressourcen nötig

nds: Wie geht es bundesweit mit der Umsetzung der Inklusion voran? Welche Anstrengungen sind auch auf Bundesebene erforderlich, um gutes Gemeinsames Lernen zu ermöglichen?

Marlis Tepe: Die Behindertenrechtskonvention zur Inklusion wurde 2009 von Bundeskanzlerin Angela Merkel ratifiziert. Der Begriff „Inklusion“ taucht im Koalitionsvertrag im Zusammenhang mit Bildung aber nicht auf. Die Bundesregierung sieht sich offensichtlich nicht zuständig. Das ist sie aber gegenüber den Ländern und Kommunen, damit die ihre Aufgaben leisten können. Die Inklusion geflüchteter Menschen wird im Koalitionsvertrag unter dem Begriff Integration abgearbeitet, aber auch erst im Zusammenhang mit der beruflichen Qualifikation und in Bezug auf Integrationskurse. Integration kommt im Zusammenhang mit frühkindlicher und schulischer Bildung nicht vor. Das halte ich für verantwortungslos, denn die Herausforderungen lassen sich ohne eine gemeinsame Strategie von Bund, Ländern und Kommunen nur auf dem Rücken der Beschäftigten und der Kinder bewältigen.

„Bildung kann nicht warten!“, fordert die GEW. Doch noch stellt Bildung für Geflüchtete Bildungseinrichtungen bundesweit vor große Herausforderungen. Welche Initiativen oder Einrichtungen hast du auf deiner Reise kennengelernt, denen die Integration von Geflüchteten trotz der schwierigen Rahmenbedingungen gut gelingt?

Grundsätzlich ist es in den Schulen einfacher, die auf erprobte Lernkonzepte für individualisiertes und gleichzeitig strukturiertes Lernen zurückgreifen können und die das Unterrichtsmaterial gemeinsam vorbereiten und weiterentwickeln. Auch der rhythmisierte Ganztag kommt der Bewältigung der Aufgabe entgegen. An der Ganztagsgemeinschaftsschule Neunkirchen und der Herbert-Grillo-Gesamtschule in Duisburg-Marxloh konnte ich erleben, dass die Schulen aus langer Erfahrung mit individualisierten Lernkonzepten und einem breiten Angebot von Arbeitsgruppen im Ganztag geflüchteten und zugewanderten Schüler*innen gute Bildungsangebote machen können. Diese pädagogische Erfahrung hilft. Damit viel mehr Schulen so arbeiten können, brauchen sie mehr Zeit für Fortbildung und kollegiale Beratung sowie Hospitationen, um voneinander lernen zu können.

Von Bildungsgerechtigkeit sind wir in Deutschland noch weit entfernt: Der Bildungserfolg hängt noch immer stark von der sozialen Herkunft ab. Welche Gegenmaßnahmen fordert die GEW von Bund und Ländern?

Das Ziel der GEW ist, alle Kinder stark zu machen, unabhängig von der sozialen oder ethnischen Herkunft. Deshalb fordern wir für Stadtteile, die von Armut geprägt sind, zusätzliche Ressourcen – verteilt nach einem Sozialindex. Wir benötigen Lehrkräfte und multiprofessionelle Teams mit Zeit und Kreativität, um auf die Nöte vieler Jugendlicher einzugehen, sie zum aktiven Lernen zu motivieren und sie zu inspirieren, damit sie sich selbstbewusst ihren Platz in der Gesellschaft suchen können.
Der Bildungsbericht 2018 zeigt, dass für Kinder aus benachteiligten Familien der Bildungserfolg gesteigert werden konnte. Bei gleichbleibenden Bedingungen und gleicher Steigerungsrate wären gleiche Bildungserfolge jedoch erst in 100 Jahren erreicht. Damit sind wir nicht einverstanden. Schulen in sozial herausfordernden Lagen brauchen die besten Pädagog*innen. Sie können über verbesserte Arbeitsbedingungen sowie niedrigere Pflichtstunden und zusätzliche Ressourcen angezogen werden.


Die Fragen für die nds stellte Anja Heifel-Rohden.

Fotos: B. Butzke, K. Herschelmann

 

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