Ruhestand: „Von 120 auf 0? Das könnte ich nicht!“

Anette Mevenkamp startet in den Ruhestand

Anette Mevenkamp arbeitet seit mehr als 35 Jahren als Lehrerin – jetzt ist sie auf der Zielgeraden zum Ruhestand. Wie fühlt sich der Weg in Richtung Rente an? Und was kommt nach der Zeit im Schuldienst? Anette Mevenkamp hat Antworten für sich gefunden und bleibt ihrer Gewerkschaft auch als Rentnerin treu.

Ruhestand: „Von 120 auf 0? Das könnte ich nicht!“
Ruhestand: „Von 120 auf 0? Das könnte ich nicht!“

Das Schuljahr 2018 / 2019 neigt sich dem Ende zu, noch knapp zwei Wochen sind es bis zu den von vielen Schüler*innen lang ersehnten Sommerferien. Für Anette Mevenkamp, Lehrerin an einer Mülheimer Gesamtschule, finden die besonderen, arbeitsintensiven Wochen in diesem Jahr zum letzten Mal statt: Zum 1. August 2019 wird sie offiziell pensioniert, 39 Jahre hat sie dann gearbeitet.

Vorfreude auf das, was kommt

Die heute 64-Jährige hat Mathematik und Sozialwissenschaften studiert, 1980 trat sie ihr Referendariat an. Es ist die Zeit der großen Lehrer*innenarbeitslosigkeit, nur dank Mathe bekommt sie eine der rar gesäten Stellen an einem Gymnasium. 1989 wechselte sie an die Gustav-Heinemann-Gesamtschule in Mülheim – wo sie bis jetzt, bis zum Zeitpunkt ihrer Pensionierung geblieben ist. In den letzten dreieinhalb Jahren war sie im Hauptpersonalrat (HPR) für Gesamtschulen und damit vom Unterricht freigestellt.
Bald gehört Anette Mevenkamp zu den rund 18 Millionen Rentner*innen in Deutschland. Und wie viele angehende Ruheständler*innen stellte auch sie sich die Frage, was sie nun mit ihrer Zeit anfangen soll. Die Lehrerin ist – im Gegensatz zu vielen anderen – optimistisch: „Mir geht es gut, ich freue mich auf das, was kommt.“ 

Ein Berufsleben, zwei Welten: Von der Arbeitslosigkeit zum Lehrkräftemangel

Die Vorfreude auf ihren Ruhestand hängt stark mit den veränderten Bedingungen an den Schulen und auf dem Lehrer*innenarbeitsmarkt zusammen: „Wenn ich auf die Anfänge meines Berufslebens zurückblicke, sehe ich eine andere Welt: Kleine Klassen mit circa 25 Kindern. Ein gut besetztes Kollegium, in dem es genügend Zeit für den Austausch und die Schulprogrammarbeit gab. Das hat alles unheimlich viel Spaß gemacht.“ Von Anfang an gehörte das gewerkschaftliche Engagement für Anette Mevenkamp dazu. Und auch dieses Feld wandelte sich im Laufe der Jahre: „Kurz nach meinem Eintritt in die GEW habe ich eine Initiative gegen Lehrer*innenarbeitslosigkeit mitgegründet und insgesamt 15 Jahre ehrenamtlich für dieses gewerkschaftsnahe Selbsthilfeprojekt gearbeitet.“
Seit ein paar Jahren zeigt sich ein völlig anderes Bild: „Statt Lehrer*innenarbeitslosigkeit herrscht Lehrkräftemangel. Das Kollegium ist unterbesetzt, die Klassen sind viel größer, heute unterrichten wir mindestens 30 Kinder in einer Klasse. Davon sind drei oder mehr Förderkinder und oft noch mindestens ein Inklusionskind – alles in allem Umstände, für die ich nicht ausgebildet bin und mir entsprechende Unterstützung fehlt. Die Unterrichtsverpflichtung ist auf 25,5 Stunden angewachsen, damals waren es 23,5 Stunden.“
Außerdem sind zahlreiche Aufgaben dazugekommen. Für den Austausch mit Kolleg*innen, der Anette Mevenkamp so wichtig ist, bleibt wenig Zeit. Auch die gewerkschaftliche Arbeit hat sich thematisch völlig verändert: „Heute sind wir damit beschäftigt, wie wir es schaffen, die problematischen Arbeitsbedingungen vor dem Hintergrund des Lehrer*innenmangels so zu gestalten, dass nicht alle total zusammenbrechen.“

 

Ruhestand: „Von 120 auf 0? Das könnte ich nicht!“

Der richtige Zeitpunkt zu gehen

Der Umbruch der Arbeitsbedingungen, den Anette Mevenkamp in ihrem Berufsleben erfahren hat, macht ihr persönlich den Abschied leichter: „Noch vor einiger Zeit habe ich dem Ruhestand mit gemischten Gefühlen entgegengesehen. Doch die Verhältnisse an den Schulen wegen des Lehrkräftemangels und der Situation an den Gesamtschulen, wo die Arbeit dermaßen zunimmt und sich gleichzeitig auf immer weniger Schultern verteilt, sind einfach anstrengend. Ganz ehrlich, ich bin froh, dass ich jetzt noch gesund in Rente gehen kann. Viele meiner Kolleg*innen müssen sich noch ein paar Jahre durchkämpfen und bei den wachsenden Anforderungen gesund bleiben, um das zu stemmen.“
Darüber hinaus beobachtet sie einen Generationenwechsel: „Bei uns – und ich glaube, das gilt für viele Gesamtschulen – gibt es jede Menge junge Lehrer*innen, die anfangen, eine Schule mit frischen und neuen Ideen zu gestalten. Dafür brauchen sie aber dringend bessere Arbeitsbedingungen, die ich ihnen sehr wünsche. Ich bin an meiner Schule eine der letzten alten Kolleg*innen. Nach mir geht 20 Jahre fast keiner mehr in Pension, weil fast alle unter 45 Jahre alt sind.“

Zeit für Herzensdinge und ehrenamtliches Engagement

Sorgen, dass ihr nun – nach dem Austritt aus dem Erwerbsleben – langweilig wird oder sie ihren Alltag nicht gestalten kann, hat Anette Mevenkamp nicht. Für die erste Zeit hat sie schon einige Pläne geschmiedet: „Zunächst kümmere ich mich um die Hochzeit meines Sohnes. Er und meine Schwiegertochter in spe heiraten hier in Mülheim, leben aber in Jena – da ist meine Unterstützung gefragt. Und anschließend mache ich das, worauf sich alle Lehrer*innen nach ihrer Pensionierung freuen: Endlich mal außerhalb der Ferien in den Urlaub fahren – zum ersten Mal seit fast 40 Jahren.“
Generell ist das Reisen etwas, worauf sich die Personalrätin richtig freut. „Das Schöne ist, dass mein Mann – er ist ebenfalls Lehrer – zusammen mit mir in den Ruhestand geht. Wir planen ausgiebige Fahrradtouren in Deutschland. Einfach losfahren, wenn das Wetter schön ist, keine Probleme, eine Unterkunft zu finden – darauf freuen wir uns sehr. Wir sind beide ambitionierte Skifahrer – bisher war es immer so, dass in den Weihnachtsferien häufig noch kein Schnee lag und in den Osterferien war er wieder weg. Endlich mal bei gutem Wetter Skifahren. Und ich möchte gerne wieder malen, viele bereits angefangene Bilder wollen vollendet werden und ich werde sicher auch den einen oder anderen Malkurs besuchen. Die Hobbys sind wirklich zu kurz gekommen in den letzten Jahren.“
Dass es nicht bei privaten Vorhaben bleiben wird, steht für Anette Mevenkamp ebenfalls fest: „Ich habe mich mein ganzes Leben lang nebenberuflich engagiert und denke nicht daran, damit aufzuhören. Von 120 auf 0 – das könnte ich gar nicht. Arbeit gibt es genug: So sind wir in unserem GEW-Stadtverband damit beschäftigt, engagierten Nachwuchs zu suchen. Wir brauchen junge Menschen, um dort weiter-zumachen. Auch im Landesverband werde ich mich weiter für unsere Interessen in der Bildungspolitik und im Schulrecht engagieren. Gewerkschafter*in ist man aus Leidenschaft und nicht, weil man aktiv als Lehrerin arbeitet.“ Zudem steht für die angehende Pensionärin fest, dass sie ehrenamtlich aktiv sein wird: „Zwei meiner Freundinnen sind in der Flüchtlingsarbeit tätig. Dort werden helfende Hände dringend benötigt, beispielsweise brauchen viele Flüchtlinge, die eine Ausbildung machen möchten, neben Sprach- auch Mathekenntnisse.“

Das Wichtigste: Gesund in den neuen Lebensabschnitt starten

Anette Mevenkamp hat ihren Ruhestand nicht durchgeplant, sich aber Ziele für diesen Lebensabschnitt gesteckt. „Ich denke, das ist entscheidend, um nicht in ein Loch zu fallen“, sagt die Lehrerin. „Das Wichtigste ist in meinen Augen jedoch, dass man es schafft, gesund in die Rente zu kommen. Die Arbeitsbelastung in meinem Beruf ist einfach sehr hoch, zudem machen die meisten Lehrer*innen ihren Job mit viel, viel Herzblut – da muss man wirklich auf sich aufpassen.“


Denise Heidenreich
freie Journalistin

Fotos: iStock.com / RossHelen, mediaphotos

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