„Die Hauptschule hat viel geleistet!“

Ende der Schulform Hauptschule

Nach den Sommerferien wird es die Martin-Schule im Kempen nicht mehr geben. Sie ist eine von vielen auslaufenden Hauptschulen in NRW, die wegen sinkender Schüler*innenzahlen nach und nach geschlossen werden. Im Interview mit der nds erzählt der Konrektor und kommissarische Schulleiter Reiner Dickmanns von den Chancen und Herausforderungen, die er gemeinsam mit seinem Kollegium in den letzten Monaten und Wochen des Schulbetriebs gemeistert hat.

„Die Hauptschule hat viel geleistet!“

nds: In wenigen Tagen läuft die Martin-Schule in Kempen aus. Wie und wann haben Sie davon erfahren, dass es Ihre Schule bald nicht mehr geben wird?

Reiner Dickmanns: Die Kempener Martin-Schule gehörte viele Jahrzehnte als fünf- bis sechszügige Hauptschule zu den größten Hauptschulen Nordrhein-Westfalens. Aber landesweit war diese Schulform immer weniger gefragt, sodass auch in Kempen die Anmeldezahlen deutlich zurückgingen und schließlich die Einzügigkeit anstand. Im Juni 2013 kam es nach einer Elternbefragung zu dem Beschluss des Stadtrats, eine Gesamtschule einzurichten. Damit waren das Ende der Kempener Hauptschule und auch der Realschule besiegelt. Das war natürlich für die Schulgemeinschaft ein schwerer Schlag, hatte man sich doch noch vor wenigen Jahren für den Ganztag entschieden und diesen erfolgreich umgesetzt. Ab August 2014 wurden keine Fünftklässler*innen mehr aufgenommen. Damit begann für uns der Auslaufprozess, der uns fünf Jahre lang begleiten sollte.

Wie sind Sie mit dem Wissen umgegangen, dass Ihre Schule keine Zukunft haben wird? 

Eine Schule dem Ende zuzuführen, war für uns alle nicht gerade eine angenehme Vorstellung. Die ersten zwei Jahre verliefen noch relativ normal, da der Rückgang der Schüler*innenzahl für die Lehrkräfte wie auch für die Schüler*innen noch nicht so spürbar war.
Ein großer Umbruch erfolgte im Juni 2015 als unser Schulleiter und gleichzeitig mit ihm zehn Kolleg*innen in den Ruhestand gingen. Als langjähriger Konrektor übernahm ich die kommissarische Schulleitung. Das Kollegium musste durch Versetzungen und Abordnungen mit acht neuen Lehrkräften wieder vervollständigt werden. Der vorgeschriebene Unterricht konnte jetzt ungekürzt erteilt werden, aber die Schüler*innen mussten sich an neue Lehrkräfte gewöhnen. Im neu zusammengesetzten Kollegium waren die Stimmung und die Zusammenarbeit aber glücklicherweise von Beginn an sehr gut. Wir wollten nicht zuletzt für die Schüler*innen das Beste aus der Situation machen.

Wie veränderte sich die tägliche Arbeit für Sie und das Kollegium? War das bevorstehende Ende jeden Tag spürbar?

Der Auslaufprozess brachte bei der Erstellung des Stundenplanes neue Herausforderungen mit sich. Waren bisher hauptsächlich interne Bedingungen zu berücksichtigen, galt es jetzt, die zeitlichen Vorgaben der zunehmenden Zahl von Lehrkräften, die an zwei Schulen unterrichteten, zu berücksichtigen. Bei diesen und anderen Schulleitungsaufgaben bekam ich von meinen Kolleg*innen zuverlässige und kompetente Unterstützung. Vorteilhaft war auch die enge Zusammenarbeit im Auslaufprozess mit der Schulleitung der Gesamtschule sowie der unteren und oberen Schulaufsicht.
Den Schüler*innen und Lehrer*innen brachte der weitere Auslaufprozess Vor- und Nachteile: Für die Lehrkräfte, die an zwei Schulen unterrichten mussten, bedeutete das oft eine erhebliche Mehrbelastung. Für die Schüler*innen wurde es auf dem Schulhof durch die zurückgehende Schüler*innenzahl in den Pausen zunehmend langweilig. Auch das Schulgebäude leerte sich immer mehr, da erstmal nur die Oberstufe der aufbauenden Gesamtschule in unser Gebäude einzog. Unser vielfältiges Wahlpflicht- und Ganztagsangebot konnten wir leider nicht aufrechterhalten – ein sehr großer Nachteil für die Schüler*innen.

„Die Hauptschule hat viel geleistet!“

Und welche Vorteile haben sich für Sie und Ihre Kolleg*innen ergeben?

Es gab jetzt genügend Platz im Schulgebäude, sodass ich endlich einen Kunstraum und der Religionslehrer einen Religionsraum, die „Hauskapelle“ genannt, einrichten konnte. Aufgrund der guten Lehrer*innenbesetzung waren wir in der Lage, im letzten Schuljahr noch eine 10 A mit 20 und eine 10 B mit 11 Schüler*innen zu bilden – die beste Voraussetzung für eine individuelle Förderung. Die gute Lehrer*innenausstattung führte auch dazu, dass kaum Unterricht ausfiel.
Nach entsprechenden Fortbildungen des Kollegiums wurde die Martin-Schule schließlich noch im letzten Jahr mit WLAN und 21 Tablets ausgestattet. Zur Freude der Schüler*innen gab es dann noch eine großzügige finanzielle Unterstützung vom Förderverein für die letzten Klassenfahrten und die diesjährige Abschlussfahrt nach Berlin.
Als besonders positiv habe ich den Zusammenhalt im kleinen Kollegium erlebt. Viele von uns wollten, obwohl die Versetzung unausweichlich war, so lange wie möglich an der Martin-Schule bleiben. Auch die Schüler*innen waren froh, dass sie ihre Schulzeit bis zur Entlassung an „ihrer Schule“ verbringen konnten.

Welche Aufgaben stehen bis zur Schließung der Schule noch an?

In unser Schulgebäude wird demnächst die Oberstufe der Gesamtschule einziehen. Das bedeutet, dass wir nach der Entlassung unserer letzten Schüler*innen noch zwei Wochen Zeit haben, um Akten, Bücher und Lehrmaterial auszusortieren und zu entsorgen.

Wie gestalten Sie den letzten Schultag an Ihrer Schule?

Kann man die Schließung der eigenen Schule mit einer Feier begehen? Schon früh hatten sich das Kollegium und die Schulkonferenz darauf verständigt, dass nur die letzte Entlassfeier den richtigen Rahmen für die Schulschließung bilden kann. Es wird also einen Dankgottesdienst und anschließend eine Feier mit Ansprachen der Schulrätin und des Bürgermeisters geben sowie ein Bühnenprogramm, an dem die Gesamtschüler*innen und unsere Entlassschüler*innen mitwirken.

Mit welchen Gefühlen blicken Sie jetzt dem Ende der Schule entgegen?

An der Martin-Schule wurde gute pädagogische Arbeit geleistet. Das bescheinigt nicht zuletzt das Ergebnis der Qualitätsanalyse. Die Schulform Hauptschule hat viel geleistet:
Differenzierung, individuelle Förderung, Handlungsorientierung, Erziehungsarbeit, Berufsorientierung, Integration – um nur einige Ideen und Konzepte zu nennen.
Das Kollegium und ich blicken also auf eine gute Zeit des Lernens und des Zusammenseins mit den Schüler*innen zurück und wünschen den zukünftigen Schüler*innengenerationen an der Gesamtschule viel Erfolg!
Nach den Zentralen Abschlussprüfungen und der Abschlussfahrt sind die Schüler*innen mit den letzten Tests in den Nebenfächern und mit der Vorbereitung der Entlassfeier gut beschäftigt. Die Schulschließung ist bei der Entlassfeier noch einmal ein zentrales Thema. Wahrscheinlich werden beim Abschied ein paar Tränen fließen. Denn die Schüler*innen werden nicht mehr, wie viele zuvor, ihre ehemaligen Lehrer*innen in ihrer ehemaligen Schule besuchen können.

Wie geht es für Lehrer*innen und Schüler*innen nach den Sommerferien weiter?

Mit der alljährlichen Entlassung der Zehntklässler*innen mussten immer wieder Lehrkräfte die Schule verlassen. Erfreulicherweise erfolgt das in Absprache mit der unteren und oberen Schulaufsicht in der Regel durch eine wunschgemäße Versetzung an die wachsende Gesamtschule oder eine andere Hauptschule. Dies wird auch bei der Schulschließung für die letzten Lehrer*innen der Fall sein.
Alle Schüler*innen werden den Hauptschul- oder den Mittleren Schulabschluss erhalten und nach den Sommerferien eine weiterführende Schule besuchen oder eine Berufsausbildung beginnen.


Die Fragen stellte Jessica Küppers.

Fotos: view7 / photocase.de , iStock.com / RgStudio

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