Warten auf G9: Chance nutzen!

Echte Neugestaltung ermöglichen

Nach immerhin 13 Jahren G8 heißt es für die Schulen in NRW: Zurück zum Abitur nach neun Jahren. Grundsätzlich hat kaum jemand etwas dagegen, denn Lernen braucht Zeit. Aber was heißt die erneute Umstellung für die Arbeit vor Ort? Und wie kann sie gelingen?

Warten auf G9: Chance nutzen!

Im Wahlkampf vor der NRW-Landtagswahl im Mai 2017 hielten sich die Kollegien an den Gymnasien aus der Debatte um die Rückkehr zu G9 weitestgehend heraus. Nicht, weil sie nicht zu einer längeren Schullaufbahn für die Gymnasien zurückkehren wollten, sondern weil sie Angst vor der zusätzlichen Belastung durch eine erneute Umstellung hatten.

Bildung braucht Zeit – und gute Vorbereitung

Dennoch: Die meisten Lehrer*innen können – genau wie die Eltern – dem achtjährigen Bildungsgang nur wenig Positives abgewinnen. Bildung braucht Zeit und das ist seit der Einführung von G8 allen Beteiligten immer wieder deutlich geworden. Der erhöhte Druck durch die verkürzte Schullaufbahn läuft der heterogenen Zusammensetzung an einem heutigen Gymnasium entgegen und führt dazu, dass Kinder an den gestiegenen Anforderungen scheitern, gerade wenn sie aus bildungsferneren Elternhäusern stammen. Zudem behindert die unterschiedliche Länge der Bildungsgänge in den verschiedenen Schulen der Sekundarstufe I die Durchlässigkeit der Systeme. Erschwerend kommt hinzu, dass Schüler*innen am Gymnasium erst am Ende des ersten Oberstufenjahrs den mittleren Schulabschluss erwerben können. Für Kinder in der Inklusion konnte bis heute keine geeignete Lösung gefunden werden: Sie konnten nicht in die Klasse 10 wechseln, da diese bei G8 schon zur Einführungsphase der gymnasialen Oberstufe gehört.
Bei aller Freude über die Rückkehr zu G9 befürchten die Kolleg*innen an den Gymnasien, dass die eigentliche Arbeit bei der Umstellung auf den neunjährigen Bildungsgang an ihnen hängenbleibt. Diese Befürchtung, wieder einmal unter großem Zeitdruck mit unzureichender Unterstützung und zu wenig Ressourcen arbeiten zu müssen, bestärkt sich noch durch die scheibchenweise Informationspolitik des Schulministeriums. Bisher gibt es hauptsächlich Absichtserklärungen und Pressemitteilungen, aber keine handfesten Vorgaben, mit denen die Kollegien vor Ort anfangen könnten zu arbeiten. Wie sehen die neuen Stundentafeln aus? Welche Unterrichtsinhalte müssen geplant werden? Die Schulen brauchen schnell Informationen über die Rahmenbedingungen, um rechtzeitig startklar zu sein.

Neue Lehrpläne: Große Belastung und große Chance

Klar ist: Auf jeden Fall wird es wieder komplett neue Lehrpläne geben, die dann zügig innerschulisch umgesetzt werden müssen – und das bis zum Sommer 2019. Zur Erinnerung: Dies ist der dritte Lehrplan der Sekundarstufe I seit 2003. Die Umstellung und Implementierung der G8-Lehrpläne und Prüfungsformen dauerte mitunter so lange, dass erst in den vergangenen Jahren Schüler*innen Abitur gemacht haben, die von Anfang an anhand dieser Kernlehrpläne unterrichtet wurden.
Das Schulministerium und auch die Qualitäts- und UnterstützungsAgentur – Landesinstitut für Schule (QUA-LiS) gaben bekannt, dass es diesmal Musterlehrpläne geben soll, die jedes Gymnasium mit wenigen Änderungen übernehmen kann. Die Fachgruppe Gymnasium der GEW NRW wird sie beim Wort nehmen und fordert gleichzeitig zusätzliche pädagogische Tage, an denen die Kollegien Zeit haben, die Lehrpläne für ihre Schule individuell zu gestalten.
Die Vorgaben des Ministeriums für die Kernlehrpläne in den Schulen werden zeigen, ob das neue neunjährige Gymnasium die Möglichkeit erhält, nachhaltig zu arbeiten. Es geht nicht darum, wieder mehr Unterrichtsinhalte in die Lehrpläne zu pressen. Stattdessen wünschen sich viele Kolleg*innen mehr Zeit für Vertiefung. Wenn eine Lehre aus dem G8-Debakel zu ziehen ist, dann die: Es muss Raum zum Üben geben, damit sich das Gelernte verfestigt. Bisher gibt es aber noch nicht einmal Stundentafeln, an denen man zumindest Tendenzen ablesen könnte. Fraglich ist auch die Versorgung mit Unterrichtsmaterialien. Auch wenn die Schulbuchverlage sich schnell auf Veränderungen einstellen, brauchen sie eine gewisse Vorlaufzeit, um gute Lehrwerke zu konzipieren und auf den Markt zu bringen.
Das Ministerium hat viel Geld in eine große Werbekampagne für den Lehrer*innenberuf gesteckt. An dieser Stelle wäre es nun ganz einfach, den Beruf attraktiver zu gestalten, indem man die Chance wahrnimmt, mit den neuen Lehrplänen Belastungen zu senken. Dies ginge zum Beispiel über die Verringerung der Anzahl der Klassenarbeiten und über die Einführung korrekturfreundlicher Aufgabenformate. Ganz einfach wäre es auch, die neu eingeführten mündlichen Prüfungen in den Fremdsprachen als Arbeitszeit anzuerkennen.

Warten auf G9: Chance nutzen!

Für die Umstellung sind Räume, Zeit und Geld notwendig

Es wird darüber hinaus viele organisatorische Umstellungen geben müssen. Zum einen müssen neue Räume geschaffen werden. Der „Überschuss“ aus alten G9-Tagen wurde mittlerweile für die veränderten Herausforderungen an einem modernen Gymnasium verwendet und wird dafür auch weiterhin gebraucht: So ist ein Teil der Gymnasien mittlerweile Ganztagsschule oder zumindest bieten viele ein Nachmittagsangebot inklusive Mensen. Die Inklusion braucht ebenfalls Räume. Niemand möchte den Rückschritt zu alten Strukturen und es ist wenig sinnvoll, die Mensen oder Räume zur inneren Differenzierung an den Schulen wieder abzuschaffen. Auch diese Veränderung wird Unruhe in die Schulen bringen. Raumkonzepte müssen überdacht werden und Baumaßnahmen werden zu einer Beeinträchtigung des Alltags in den Schulen führen. Die Auseinandersetzung mit dem Schulträger über eventuelle Baumaßnahmen wird zusätzlich gerade für Schulleitungen zu Reibungsverlusten führen, also Leitungszeit in Anspruch nehmen, die an anderer Stelle ebenso dringend benötigt wird.
Die finanziellen Ressourcen, die für die Umstellung auf G9 dringend zur Verfpgung gestellt werden müssen, dürfen selbstverständlich nicht dazu führen, dass an anderen Stellen Geld für Bildung eingespart wird.

Strukturen müssen angepasst, Lehrer*innen eingestellt werden

Es wird nicht nur baulich zu Umstrukturierungen kommen, sondern auch die inhaltlichen Konzepte müssen überarbeitet werden. Fahrtenkonzepte, Austauschprogramme und Berufsorientierung zum Beispiel sind an die Jahrgänge von G8 gebunden und müssen an die neuen Voraussetzungen angepasst werden. Diese Arbeit ist „nebenher“ nicht zu leisten und muss folgerichtig zur Erhöhung der Anrechnungsstunden führen.
Die Möglichkeit des Überspringens von Klassen als Begabtenförderung soll landes-einheitlich geregelt sein, damit nicht jede Schule ihr eigenes Konzept entwerfen muss. Außerdem sollte das Ministerium rechtzeitig überlegen, wie mit Kindern umgegangen wird, die an den Schnittstellen von G8 und G9 Jahrgangsstufen wiederholen müssen. Gerade in der Sekundarstufe II kann es aufgrund des fehlenden Abiturjahrgangs zu erheblichen Problemen kommen.
Die GEW NRW fordert eine langfristige Personalplanung, damit es nicht alle Jahre wieder dazu kommt, dass durch Lehrkräfte-mangel Stellen mit nicht ausgebildeten Kolle-g*innen besetzt werden müssen. Das bedeutet auch, dass die kalkulierten 2.000 benötigten Lehrer*innenstellen rechtzeitig den Schulen zugewiesen werden müssen.

Mehr Zeit für das Miteinander: Zufriedenheit steigern

Trotz allem: Natürlich überwiegt die Freude über die Rückkehr zu G9. G8 hat an einigen Schulen aus unterschiedlichen Gründen dazu geführt, dass viele außerunterrichtliche Aktivitäten gekürzt werden mussten. Nun ist wieder Zeit für französische Abende, spanische Feste und englische Theateraufführungen. Was früher viele Schulen ausgezeichnet hat, das Leben auch außerhalb der unterrichtlichen Strukturen, kann jetzt wiederbelebt werden.
Über die Vorteile, die die Rückkehr zu G9 den Schüler*innen bringt, ist ausführlich berichtet worden. Und natürlich gewinnen auch die Lehrer*innen: Ein System, in dem mehr Menschen erfolgreich arbeiten, wirkt sich auch auf die Arbeitszufriedenheit aller Beteiligten aus.


Caroline Lensing
Mitglied in der Fachgruppe Gymnasium der GEW NRW und im Hauptpersonalrat Gymnasium / Weiterbildungskolleg

Hanna Tuszynski
Mitglied im Leitungsteam der Fachgruppe Gymnasium der GEW NRW

Foto: dreidreieins fotografie / photocase.de; iStock.com / Farknot_Architect

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