Angestaubt und anbiedernd: Plakate gegen Lehrkräftemangel

Kommentar zur Imagekampagne des NRW-Schulministeriums

Mit einer großen Werbekampagne will das Schulministerium den Lehrkräfte-mangel in NRW in den Griff bekommen. Es gibt allen Grund, sich anzustrengen – das Ergebnis aber war eher peinlich.

Angestaubt und anbiedernd: Plakate gegen Lehrkräftemangel

Im Schulministerium waren sie durchaus stolz auf die Idee. Eine Werbeaktion wie aus dem Bilderbuch moderner Kampagnenplanung: mit Pressemitteilung, Großplakaten in Pink, Blau und Orange, einem Foto der Ministerin vor diesen Plakaten, Postkarten, Anzeigen in Print und Online, mit Auftritten in den sozialen Netzwerken (ja, das Schulministerium twittert neuerdings sogar) und einer eigenen Webseite. Und für maximale Durchschlagskraft eine Slogan-Breitseite: „Ein Leben lang Influencer? Kannste haben!“ auf Orange, „Wirste Lehrer? Machste schlauer!“ auf Blau, „Job mit Pultstatus. Gönn dir!“ auf Pink. Das war der „Startschuss für eine landesweite Werbekampagne für den Lehrerberuf“, wie es in der Pressemitteilung hieß. Auch der Sicherheitshinweis fehlte nicht, die Sprüche seien „durchaus auch mal augenzwinkernd“.

Echte, unkonventionelle Ideen gefragt

Das Echo jedoch war verheerend: Spott und Häme, vor allem im Internet. „Oje!“ gehörte noch zu den gemäßigten Reaktionen. „Gute Sache, wäre da nicht dieser, mit Verlaub, unfassbar plumpe Slogan. Gönn dir! Wirklich?“, fragte ein Facebook-Nutzer ungläubig. Ein anderer Kommentar lautete: „Bei der Wortwahl ,Wirste Lehrer? Machste schlauer!‘ würde ich jedem meiner Grundschulkinder sagen: Sprich bitte in ganzen Sätzen.“ Auch der „Pultstatus“ kam schlecht weg: „Wenn man überlegt, dass das Pult eher out ist... Wir sind eher dauernd on tour in vielfältigsten Kontexten als am Pult sitzend.“
Mit anderen Worten: Die Kampagne hatte das Kunststück geschafft, zugleich angestaubt und anbiedernd zu wirken. Nun muss Werbung nicht wie ein Amtsblatt aussehen; NRW hat unkonventionelle Ideen zudem bitter nötig – aber so? Den Grund der Geschäftigkeit lieferte die Pressemitteilung gleich mit, wenn auch erst im vierten Absatz: Im Land fehlen in den kommenden zehn Jahren insgesamt 15.000 Lehrkräfte für Grundschulen, Haupt-, Real-, Sekundar- und Gesamtschulen, an Berufskollegs sowie für das sonderpädagogische Lehramt. Umgekehrt gibt es 16.000 Bewerber*innen zu viel für das Sekundarstufe-II-Lehramt an Gymnasien und Gesamtschulen.
Man darf bezweifeln, dass irgendjemand sich durch einen Wortwitz wie „Pultstatus“ dazu bringen lässt, Teil der 15.000 zu werden. Das glaubt auch im Ministerium hoffentlich niemand. Dann wäre der große Aufschlag bloß eine missratene PR-Aktion gewesen, ein Formfehler der Öffentlichkeitsarbeit sozusagen.
Am Ende allerdings könnte die Kampagne sogar inhaltlich kontraproduktiv wirken – wenn sie den Eindruck erweckt, das Land setze lieber auf grelle Werbung statt auf nachhaltige Politik. Dass sie zu ungewöhnlichen Schritten bereit ist, hat Yvonne Gebauer schon bewiesen: 2.400 Lehrer*innen der Sekundarstufe II schrieb das Ministerium an und bot ihnen eine Anstellungsgarantie für „ihr“ Lehramt, wenn sie sich für zwei Jahre an einer Grundschule verpflichten. Das Problem ist schließlich nicht nur eins der Summe, sondern auch der Verteilung. Daraus sind bisher allerdings nicht einmal 90 Verträge entstanden. Immerhin ist die Besetzungsquote der Lehrer*innenstellen von Februar bis Mai von 38 auf 66 Prozent gestiegen, an der Grundschule, wo die meisten Stellen frei sind, von 26 auf 53 Prozent. Bleiben immer noch 1.391 zur Verfügung stehende, aber nicht besetzte Stellen.

Bessere Bezahlung lockt Lehrkräfte

Die Lücke der kommenden Jahre wird sich seriös nicht mit pfiffigen Ideen schließen lassen, auch nicht mit immer mehr Seiteneinsteiger*innen, sondern – will man nicht zu Zwangsabordnungen greifen – nur mit mehr Geld. Lehrer*innen, besonders Einsteiger*innen an Grundschulen, müssen besser bezahlt werden, nämlich wie ihre Kolleg*innen an weiterführenden Schulen. Das würde zumindest ein strukturelles Ungleichgewicht beseitigen und NRW im Wettbewerb der Länder um Lehrkräfte helfen – nebenbei ein Hinweis darauf, dass schnell gehandelt werden muss.
Und es braucht Geduld: So wächst in NRW die Zahl der Plätze für das Grundschullehramt. Wie lange es dauert, bis die Absolvent*innen an den Schulen ankommen, mag sich jede*r selbst ausrechnen. Ähnliches gilt für die Sonderpädagog*innen. Ein schnelles Ende des Lehrer*innenmangels ist nicht in Sicht. Aber immerhin: Wir haben bunte Plakate.


Dr. Frank Vollmer
stellvertretender Ressortleiter Politik der Rheinischen Post, unter anderem zuständig für das Thema Schulpolitik

Foto: M. Schulte

0 Comments
Kommentieren
Die mit (*) gekennzeichneten Felder sind Pflichtfelder.

Kommentare (0)

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen? Lassen Sie es uns wissen. Wir freuen uns auf Ihr Feedback!
24
Ihre Meinung? Jetzt kommentieren