Schulwechsel: Richtige Weichen nach Klasse 4 stellen

Übergang in die Sekundarstufe I

Der Start an der weiterführenden Schule prägt die Bildungsbiografie der Schüler*innen massiv. Umso wichtiger, dass die Politik endlich ausreichende Ressourcen für einen bildungs- und chancengerechten Schulwechsel bereitstellt.

Schulwechsel: Richtige Weichen nach Klasse 4 stellen

Der Übergang von der Grundschule auf eine weiterführende Schule ist ein wichtiges Ereignis im Leben des Kindes und seiner Eltern. Denn der Wechsel stellt die Weichen für die Schulbiografie der Kinder und ihre Bildungskarrieren. Als Gesellschaft nehmen wir in Kauf, unsere Schüler*innen im Alter von circa zehn Jahren zu stigmatisieren und ihre Bildungsbiografie vorzuzeichnen. An dieser Stelle drängen sich zwei Fragen auf: Wie lange wollen wir unseren Kleinen diesen Bildungsbruch zumuten und wie viele Bildungsverlierer*innen können wir uns als Gesellschaft leisten?

Empfehlung der Grundschullehrkräfte prägt Selbstbild der Kinder

Als Abteilungsleiterin an einer Gesamtschule bin ich unter anderem zuständig für die Gestaltung des Aufnahmeprozesses der Schüler*innen von der vierten in die fünfte Klasse. In Aufnahmegesprächen erlebe ich immer wieder, dass Kinder mit einer Gymnasialempfehlung sehr selbstbewusst sind. Sie betonen oft, dass sie eigentlich auf ein Gymnasium gehen könnten und trotzdem zu uns auf die Gesamtschule kommen wollen. Kinder, die eine Hauptschulempfehlung haben, wirken jedoch häufig gebrochen und fühlen sich als Verlierer*innen.
So musste ich zum Beispiel in einem Gespräch einen Jungen, der von sich behauptete dumm zu sein, weil er auf die Hauptschule müsse, davon überzeugen, dass es ganz schlimm ist, wenn er sich selbst als dumm bezeichnet. Wie können wir als Gesellschaft zulassen, dass die Kinder, die wir zu aufgeklärten, mündigen Mitbürger*innen erziehen wollen, mit zehn Jahren ein so negatives Selbstbild entwickeln?

Unterschiedliche Vorkenntnisse aus der Grundschule

Wenn die Kinder in der fünften Klasse ankommen, haben sie unterschiedliche bereichsspezifische Vorkenntnisse, Decodierungskompetenzen und Lernstrategien sowie Lern- und Arbeitsmethoden kennengelernt. Die Qualität dieser Fähigkeiten hängt nicht selten von der jeweiligen Grundschule ab, die die Kinder besucht haben. Ein bestimmender Faktor hierbei ist, wo sich die Grundschule befindet – zum Beispiel in einem begehrten Wohnort, wo in der Regel engagierte Eltern leben, oder in einem strukturschwachen Stadtteil.
Damit der Start auf der weiterführenden Schule gelingt, ist es wichtig, die Schüler*innen dort abzuholen, wo sie stehen, und die unterschiedlichen Vorkenntnisse unter Berücksichtigung der Leistungsfähigkeit anzugleichen, ohne Gleichmacherei zu betreiben. Hierbei müssen die weiterführenden Schulen ihre Inhalte an die der Grundschulen andocken. Ein Austausch mit den Grundschulkolleg*innen ist unerlässlich. Wünschenswert wären Hospitationen von Kolleg*innen der fünften Klasse im Grundschul-
unterricht und umgekehrt. Leider fehlen an den Schulen flächendeckend personelle und zeitliche Ressourcen, um in einen qualitätsfördernden Austausch einzutreten.

Bildungs- und chancengerechter Schulstart? Die Politik ist gefragt!

An dieser Stelle ist die Politik gefordert, die Weichen für einen bildungs- und chancengerechteren Start zu stellen. Nicht nur, was den Übergang in die Sekundarstufe I betrifft, bereits beim Übergang von der Kita in die Grundschule sollten beide Bildungseinrichtungen sich intensiv austauschen.
Wir erlauben uns an zwei Gelenkstellen – von der Kita auf die Grundschule und von der Grundschule auf die weiterführende Schule – Resets, die für die weitere Bildungsbiografie der Kinder entscheidend sind. In der ersten und der fünften Klasse haben Lehrer*innen systembedingt nicht die Möglichkeit, auf bereits erlernte Inhalte, Erfahrungen und Talente der Schüler*innen zurückzugreifen, sodass das Lernen als Prozess nicht kontinuierlich, ohne Brüche, gestaltet werden kann.
Diesen Zustand zu ändern und Gelerntes als Potenzial für den nächsten Übergang zu sichern, verlangt von der Politik die Bereitstellung von finanziellen, zeitlichen und personellen Ressourcen sowie die Aufwertung der Arbeit der Erzieher*innen und der Grundschullehrer*innen. Eine faire Bezahlung der Erzieher*innen und die gleiche Bezahlung aller Lehrämter nach  A 13Z / EG 13 wäre ein Beginn für einen längst überfälligen Kurswechsel.


Ayla Çelik
Lehrerin an einer Gesamtschule und Mitglied im Leitungsteam des Ausschusses für Schulleitungen der GEW NRW

Foto: birdys / photocase.de

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