Schule ohne Rassimus: „Vielfalt macht uns stark!“

Katharina-Henoth-Gesamtschule in Köln

Als frischgebackene „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ hat die Kölner Katharina-Henoth-Gesamtschule interkulturelle Bildung fest in ihrem Konzept verankert. Doch wie wird Vielfalt im Schulalltag gelebt? Welche speziellen Projekte gibt es? Und wie stellt die Schule sicher, dass niemand zu kurz kommt? Ein Schulbesuch.

Schule ohne Rassimus: „Vielfalt macht uns stark!“
Schule ohne Rassimus: „Vielfalt macht uns stark!“

Das Auto geparkt. Ein orientierender, mehr suchender Blick. „Kann ich helfen?“, kommt eine Schülerin freundlich fragend auf mich zu. Ja, sie kann und erklärt den Weg zur Verwaltung der Katharina-Henoth-Gesamtschule in Köln. Gruppen von Kindern unterschiedlicher Herkunft spielen Basketball auf dem Hof, stehen zusammen, schlendern über die Wege, reden.  Offenheit, Freundlichkeit, Vielfalt – das sind die ersten Eindrücke an der Schule, die gerade als 27. Schule in Köln als „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ ausgezeichnet worden ist. Eine von inzwischen mehr als 840 Schulen in NRW.

Vielfalt als Alleinstellungsmerkmal

Großer Änderungen bedurfte es dafür nicht. Vielfalt sehen Schulleiter Martin Süsterhenn und Samir Bouajaja, Projektkoordinator, als Alleinstellungsmerkmal. „Diese Vielfalt macht uns stark“, betont Samir Bouajaja, der das Konzept für die couragierte Schule nach einer Fortbildung zur interkulturellen Koordination entwickelt hat. Schüler*innen, Schulleitung, Kollegium und Eltern – alle standen hinter der Idee, interkulturelles Zusammenleben als Stärke zu sehen und in den Fokus zu rücken. „Uns war daran gelegen, wirklich daran zu arbeiten und es nicht als schickes Nice-to-have zu betrachten“, sagt Samir Bouajaja.
Um Vielfalt, Offenheit und Toleranz dauerhaft zu verankern, hat die Schule ein Fünf-Säulen-Modell unter der Überschrift „Interkulturelle Schulentwicklung“ ausgearbeitet. Die fünf Handlungsfelder gliedern sich in Lehrkräfte, Elternarbeit, Unterrichtsentwicklung, Öffentlichkeitsarbeit und Schulleben.

Gemeinsam essen: Brücke zwischen Kulturen

Interkulturelle Bildung wird als Teil der allgemeinen Bildung gesehen. Mehrsprachigkeit wird im Schulalltag anerkannt und genutzt. „Schüler*innen switchen im Matheunterricht zwischen Deutsch und Türkisch und wieder zu Deutsch“, nennt Schulleiter Martin Süsterhenn ein Beispiel, wie sprachliche Vielfalt genutzt wird. Die ethnische Vielfalt der Schüler*innen spiegelt sich im Kollegium wider. Etwa ein Drittel der 130 Lehrkräfte hat einen Migrationshintergrund. Auch da ist interkulturelles Verständnis gefragt. Teile des Kollegiums reisen in den Ferien gemeinsam. Abseits von Tourist*innenpfaden verschaffen sie sich Eindrücke von Istanbul oder Andalusien. Samir Bouajajas Wurzeln liegen in Marokko. Er plante die Tour dorthin. Für ihn ist klar: „Vorurteile kann man nur abbauen, wenn man andere Menschen oder Kulturen kennenlernt. Das hat Auswirkungen noch lange nach Ende der Reise.“
Kulturelle Eigenarten bindet er auch in den Unterricht ein. „Der Zugang zur Kultur über das Essen ist einfach. Man kommt gut ins Gespräch“, sagt Samir Bouajaja, der Hauswirtschaft und Naturwissenschaften unterrichtet. Ein Schüler, der aus Indien stammt, erklärte, dass Kühe dort heilig seien. So lebensnah wie der Schüler das vermittelt habe, könne es keine Lehrkraft leisten. „Es profitieren alle, wenn die Kinder erzählen“, sagt Samir Bouajaja. Bei den zwei Schulfesten, die jedes Jahr auf dem Plan stehen, werden die Eltern und das Kollegium einbezogen, vor allem beim Essen. Sie fahren auf, was sie am besten können oder schätzen. Dabei darf man aber nicht stehen bleiben, meint der Projektkoordinator. Eltern müssten in die Unterrichtsplanung eingebunden werden.

Checkliste für interkulturelles Lernen

Dafür hat die Katharina-Henoth-Gesamtschule eine Checkliste erstellt, die regelmäßig diskutiert beziehungsweise aktualisiert wird. Anhand von 35 Punkten wird überprüft, wie sprachliche und kulturelle Kompetenzen von Schüler*innen und Eltern in den Unterricht integriert werden und welche außerschulischen Lernorte es für interkulturelles Lernen gibt. Dazu zählen auch Kontrollen, ob an der Schule Informationen mehrsprachig zur Verfügung gestellt werden, ob in der Bibliothek Literatur aus verschiedenen Kulturkreisen vorhanden ist und ob in Konfliktsituationen kulturspezifische Aspekte berücksichtigt werden.
Das heißt aber nicht, dass es an der Schule keine Konflikte gibt: Die werden immer wieder in Unterrichtsprojekten thematisiert, erklärt der Projektkoordinator. In seiner Klasse können Schüler*innen positive, aber auch negative Erlebnisse in ein Buch eintragen – gerne auch anonym. Zum Ende der Woche werden die Probleme im Klassenrat besprochen – unter Einbindung der Sozialpädagog*innen. Ziel sei es, dass die Schüler*innen mit Hilfe des Buchs später selbst die Konflikte moderieren können. Klar ist: „Bei Intoleranz schreiten wir sofort ein.“

Schule ohne Rassimus: „Vielfalt macht uns stark!“

Kulturprojekte erweitern den Horizont der Schüler*innen

Die Checks und Optionen sind nicht in Stein gemeißelt. „Die Schule und die Welt ändern sich“, sagt Samir Bouajaja. „Da ist eine ständige Anpassung nötig.“ Alle zwei Jahre wird evaluiert, ob die Vorgaben noch stimmig sind. Die Aktionsfelder müssten, wenn überhaupt, an die Schüler*innenschaft und den Standort angepasst werden. „Wir schauen auf die Kinder. Was passt für uns?“, ergänzt Martin Süsterhenn. So wurde der Leistungskurs Türkisch gestrichen, „weil die Schüler*innen die Voraussetzungen nicht mehr mitbringen“. Oft kämen die Kinder der vierten oder fünften Generation sprachlos in die Schule. Sie können weder die Muttersprache der Eltern oder Großeltern richtig sprechen noch Deutsch. Ihre Sprache ist, wenn überhaupt, die Kiezsprache. Für den Schulleiter folgt daraus: „Wir müssen die Kultur ins Haus holen und selber Kultur schaffen.“
Dabei setzt Martin Süsterhenn auf eigene Projekte wie Musicals, aber auch auf außerschulische Akteure im Stadtviertel, die neue Horizonte eröffnen.  Ein gut vernetzter Pfarrer im Quartier vermittelt Kontakte. Mit der Bibliothek im Viertel ist eine Kooperation geplant. Für den Schulleiter ist es wichtig, „den Kindern nicht nur eine Welt vorzuspielen, sondern zu zeigen: Alles ist möglich. Das leben wir hier“.
Brauchte es da noch eine Zertifizierung als „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“?  
„Ja“, sagt der Schulleiter, „wir müssen uns immer wieder daran erinnern“. Katharina Henoth, Namensgeberin der Schule, ist als Hexe verbrannt worden. „Wir wollen alles daransetzen, dass es zu solchen Vorurteilen, zu solcher Diskriminierung, zu solcher Missgunst und zu solchem Hass, wie Katharina Henoth es erleben musste, nicht mehr kommt. Wir wollen alles daransetzen, menschlich, offen, vorurteilsfrei und respektvoll miteinander umzugehen und zu leben“, heißt es im Programm zur Verleihung des Siegels „Schule ohne Rassismus“. Der Titel stehe auch als Auftrag und Mahnung dafür, wozu Diskriminierung, Vorurteile, Ablehnung und Hass führen.

Netzwerk „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“: Vielfalt erleben

Das Netzwerk hilft den Schüler*innen, sich auszutauschen und bei Treffen mit anderen Schulen Vielfalt zu erleben. Man könne von Erfahrungen anderer profitieren, über den eigenen Tellerrand schauen, sieht Samir Bouajaja Vorteile durch das Netzwerk.
Schulen, die sich für mehr Vielfalt engagieren wollen, rät er, sich zunächst Gedanken zu machen, was für eine Schule sie sein wollen.  Dann sei zu klären, wie das organisiert und implementiert werden kann. Aber: Vielfalt geht nicht ohne Individualität. „Schulen kennen ihre Schüler*innen. Sie wissen, was sie brauchen“, plädiert Martin Süsterhenn für maßgeschneiderte Konzepte, auch für eine entsprechende Auswahl bei den Bewerbungen der Lehrkräfte. Es muss halt alles passen. Menschlich, fachlich und organisatorisch. „Verantwortlichkeit“ ist das Stichwort für Samir Bouajaja. Mit einem Koordinator habe man in der Schule einen Ansprechpartner, gebe dem Projekt ein Gesicht und hebe die Bedeutung hervor.
Vielfalt und Identifikation mit dem Schulprogramm werden an der Katharina-Henoth-Gesamtschule sehr deutlich sichtbar. Viele Schüler*innen und Lehrkräfte tragen Armbänder.
Die Farben: vielfältig und bunt wie die Schule selbst.


Rüdiger Kahlke
freier Journalist

Fotos: Addictive Stock, xenias, JelenaZikic / photocase.de

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