Medien: Vielfalt ist ein Teil des Bildungsauftrags

Öffentlich-rechtliche Medien in der Verantwortung

„Vielfalt bereichert.“ Mit diesem Motto bekennt sich die GEW NRW auf ihrem Gewerkschaftstag 2019 zu einer bunten, offenen Gesellschaft. Warum diese Vielfalt auch im Programm öffentlich-rechtlicher Sender zu finden sein sollte, erklärt Medienwissenschaftlerin Dr. Christine Horz von der Ruhr-Universität Bochum.

Medien: Vielfalt ist ein Teil des Bildungsauftrags
Medien: Vielfalt ist ein Teil des Bildungsauftrags

nds: Frau Horz, Vielfalt in öffentlich-rechtlichen Medien ist eines ihrer Forschungsgebiete. Wie bewerten Sie das Programm des WDR?

Dr. Christine Horz: In der Riege der insgesamt elf öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten in Deutschland gehört der WDR in Sachen kulturelle Vielfalt sicher zu den Vorreitern. Bereits im Jahr 2003 richtete der WDR die Stelle einer*s Integrationsbeauftragten ein. Derzeit wird die Position von Iva Krtalic bekleidet.
Der WDR versucht momentan durch konzertierte Maßnahmen in seinem Medienangebot sowie innerhalb des Senders die Vielfalt der Bevölkerung in NRW abzubilden. Erstens in Form einer verbesserten Repräsentation der Bevölkerung mit Migrationsgeschichte im Programm und in den Ausspielwegen. Zweitens durch Talententwicklung, um die Zahl der Journalist*innen mit Migrationsgeschichte langfristig zu erhöhen. Drittens durch Inhouseworkshops und Fortbildungen für Mitarbeitende. Viertens durch Monitoring der Programme und der Internetformate.
Das klingt zunächst sehr innovativ. Bei näherer Betrachtung lässt sich aber durchaus Verbesserungspotenzial entdecken. So soll die Repräsentation der Geflüchteten beispielsweise mit dem Onlineformat „WDRforyou“ gefördert werden. Themen und Inhalte bieten Geflüchteten Orientierung und Information, weshalb sie in ihren Herkunftssprachen Arabisch, Farsi beziehungsweise Persisch, Englisch und Deutsch adressiert werden. Der WDR wird damit seinem Auftrag, die gesamte Bevölkerung zu erreichen, gerecht. Aus Sicht der transkulturellen Medienkommunikation stellen sich folgende Fragen: Inwieweit haben diese Zielgruppen-angebote das Potenzial, Migrant*innen aus der medialen Nische zu holen? Oder schreibt sich dadurch nur fort, was mit den sogenannten Gastarbeitersendungen in den 1960er-Jahren begonnen wurde?

Hat die Forschung darauf schon Antworten gefunden?

Unter anderem konnte ich mit meinen Untersuchungen zur Medienbeteiligung von Einwander*innen ganz klar zeigen, dass Migrant*innen wesentlich stärker als Akteure in den Medien auftreten sollten. Prinzipiell weist die Talententwicklung im Projekt „WDR Grenzenlos“ in die richtige Richtung, damit Menschen mit Migrationsgeschichte sich mittel- bis langfristig auch im Hauptprogramm besser wiederfinden. Junge Talente aus eingewanderten Familien werden alle zwei Jahre gecastet. Die Auserwählten werden für die mediale Arbeit professionalisiert. Punktuell gelang einigen Absolvent*innen anschließend der Sprung ins Volontariat, einige arbeiten als freie Autor*innen oder Moderator*innen. Außerdem gibt es ein Alumninetzwerk, sodass Verbesserungsbedarfe ermittelt werden können. So konnte der WDR zumindest die Anzahl der Volontär*innen mit Zuwanderungsgeschichte steigern. Insgesamt entspricht die Zahl der Beschäftigten mit Migrationshintergrund jedoch nicht annähernd dem Anteil in der Bevölkerung in NRW. Wann dieses Ziel erreicht sein wird, lässt sich schwer sagen.
Eine weitere Schwierigkeit ist nämlich der Mangel an verlässlichen Daten. Eine europaweit vergleichende Studie kam 1999 zu dem Schluss, dass der WDR etwa drei Prozent ausländische Menschen beschäftigt, die meisten davon kamen aus Europa. Der Autor Miltiadis Oulios kommt in einer Untersuchung der Friedrich-Ebert-Stiftung aus dem Jahr 2010 zu dem Schluss, dass im WDR 20 Prozent der Volontär*innen einen Migrationshintergrund haben. Über die Gesamtzahl der Journalist*innen konnte der WDR mangels Zahlen keine Auskunft geben. Insgesamt geht die Forschung im Schnitt von maximal zwei bis drei Prozent Journalist*innen mit Migrationsgeschichte aus, in der Presse etwas weniger, im Fernsehen etwas mehr. Aber nicht nur in den Medien herrscht häufig die Vorstellung vor, kulturelle Vielfalt sei eher eine Ausnahme als ein Bestandteil dieser Gesellschaft.

Medien: Vielfalt ist ein Teil des Bildungsauftrags

Gibt es gesellschaftliche Themen, die über- oder unterrepräsentiert sind?

Vielfalt wird im WDR vorwiegend als kulturelle und sogenannte ethnische Vielfalt verstanden. Das ist wichtig, weil Einwander*innen medial entweder nicht oder überwiegend negativ repräsentiert sind. Untersuchungen aus den vergangenen Jahren konnten belegen, dass vor allem in Polittalkshows des öffentlich-rechtlichen Rundfunks wie in der WDR-Produktion „Hart aber fair“ Migrationsthemen mit negativem Fokus wie Gewalt und Konflikt stark über- und Themen wie Rechtsterror stark unterrepräsentiert sind. Zudem machen kommunikationswissenschaftliche Studien darauf aufmerksam, dass Themen wie Flucht mit einem negativen Deutungsrahmen präsentiert werden. Es kommt also nicht nur auf die Quantität, sondern auch auf die Qualität der medialen Repräsentation an. Sich kreuzende Aspekte von Diskriminierung wie die Geschlechterfrage im Migrationsdiskurs sind ebenfalls unterrepräsentiert, ebenso die Medienbeteiligung der Muslimas und Muslime.

Wenn die Themen so unterschiedlich behandelt werden, wirkt sich das auf den Bildungsauftrag der öffentlich-rechtlichen Sender aus?

Ja unbedingt, Vielfalt ist ein integraler Teil des öffentlich-rechtlichen Bildungsauftrags! Zunächst sind öffentlich-rechtliche Medien beauftragt, die Allgemeinheit mit Bildung, Information, Kultur und Unterhaltung zu versorgen. Sie müssen also auch Minderheiten und deren Interessen im Programm widerspiegeln. Des Weiteren sorgt Vielfalt in den Redaktionen für Pluralismus der Perspektiven. Die Abbildung der gesellschaftlichen und kulturellen Vielfalt hängt folglich unmittelbar mit Medien- und Meinungspluralismus zusammen. Und diese sind Kernelemente unserer Verfassung und unserer Demokratie.
Ein Manko ist das fehlende Gesamtkonzept für Diversität in öffentlich-rechtlichen Rundfunksendern, wobei der WDR hier schon weiter ist als die übrigen zehn Anstalten. Dazu gehören ineinandergreifende Maßnahmen, die unter anderem festlegen, wie und in welchem Zeitraum welche Ziele erreicht werden. Auch nachhaltige Ideen der Vernetzung in Fragen der Vielfaltsentwicklung unter den unterschiedlichen Sendeanstalten sind nicht ersichtlich.

Wann sind aus Ihrer Sicht die Grenzen von Vielfalt erreicht?

Grenzen von Vielfalt? Die sehe ich nicht und möchte sie mir auch nicht vorstellen. Eher sehe ich Grenzen der politischen Fantasie und Ideen, der Finanzmittel und der Offenheit von Teilen der Mehrheitsgesellschaft sowie von Teilen der Minderheiten, ein kulturell diverses und prosperierendes Miteinander zu schaffen. Schließlich wird sich die Gesellschaft in vielfacher Hinsicht weiter vervielfältigen, Stichwort Superdiversität – ob einige Teile der Gesellschaft das nun befürworten oder nicht. Hier übernehmen Medien wichtige Aufgaben innerhalb der gesellschaftlichen Ordnung.

Welche Funktionen haben Medien in diesem Zusammenhang genau?

Medien, zumal die öffentlich-rechtlichen, stellen Informationen bereit und gestalten die gesellschaftliche Kommunikation maßgeblich mit. Dabei sind sie nicht nur Beobachter, sondern auch Akteure, beispielsweise wenn es um die Wahrnehmung von Minderheiten geht. Sie liefern Deutungsmuster, also Interpretationsangebote, wie Vielfalt wahrgenommen wird. Deshalb sollten sich Journalist*innen ihrer großen Verantwortung bewusst sein. Öffentlich-rechtliche Medien müssen die Vielfaltsentwicklung vorantreiben. Noch genießen sie als Institutionen und mit ihren Inhalten hohes Ansehen in der Bevölkerung. Zudem haben sie den Auftrag, den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu fördern und alle Bevölkerungsschichten zu erreichen. Damit das so bleibt, sollten sie sich unbedingt öffnen und ihr vielfältiges Publikum stärker in Entscheidungsprozesse einbinden.
Die transkulturelle Medien- und Kommunikationswissenschaft macht schon seit Jahren darauf aufmerksam, dass die Sender wesentlich mehr Energie in die Entwicklung neuer Zuschauer*innengruppen stecken sollten. Dazu gehört auch, dass sich Politik und Medien von einem überholten theoretischen Integrationsparadigma und von einem etwas zu einfachen Schema der Wirkung von Medienpolitiken und -inhalten verabschieden sollten, was letztlich dazu führen kann, dass Teilhabe nur schleppend vorankommt.


Die Fragen stellte Jessica Küppers.

Fotos: iStock.com / GMVozd

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