Postdocs: Dünne Luft im Wissenschaftsbetrieb

Postdocs an der Hochschule

Die Phase nach der Promotion ist für Wissenschaftler*innen nicht nur die innovativste und produktivste Zeit ihres Berufslebens, sondern auch die kritischste. Sicherheit und verlässliche Perspektiven für Postdocs? Fehlanzeige. Die GEW kämpft deshalb für faire Vertragslaufzeiten und für Dauerstellen für Daueraufgaben – auch unterhalb der Professur.

Postdocs: Dünne Luft im Wissenschaftsbetrieb
Postdocs: Dünne Luft im Wissenschaftsbetrieb

Markus räumt seinen Schreibtisch aus. Nur noch den Schlüssel im Sekretariat abgeben, sich von den Kolleg*innen verabschieden und dann nach Hause. Und morgen dann nicht mehr in die Hochschule kommen, in der er in den vergangenen zwölf Jahren die Lehre gestemmt hat. Als Lehrkraft für besondere Aufgaben (LfbA) hat er im Laufe der Zeit jede Vorlesung, jedes Seminar und jede Prüfung des Instituts mindestens einmal durchgeführt. Das Besondere: Jeder einzelne seiner Verträge hatte nie länger als zwölf Monate gedauert und Markus musste flexibel sein. Egal ob Professuren gerade verwaist waren oder die Lehrplanung zu knapp war, er sprang ein.
Die Professor*innen kamen und gingen, er blieb. Bis jetzt, denn nach zwölf Jahren Befristung nach Wissenschaftszeitvertragsgesetz (WissZeit VG) hätte man seine Stelle entfristen müssen. Bei einer solchen Säule des Instituts eigentlich selbstverständlich, denn ohne Markus wird die Lehre zusammenbrechen – aber deutsche Hochschulen meiden die Entfristungen im wissenschaftlichen Mittelbau wie der Teufel das Weihwasser. Also steht Markus jetzt mit 40 Jahren ohne Stelle und ohne Perspektive da, denn seine Lehrerfahrung wird außerhalb der Hochschule wenig geschätzt und an eine Hochschule könnte er nur zurückkehren, wenn die Stelle unbefristet ist.

Nach der Promotion: Die gefährlichste Phase der Wissenschaftskarriere

Markus ist nicht allein. Es gibt auch Annika, die nach der Leitung einer Nachwuchsforscher*innengruppe keinen Arbeitsvertrag mehr hat. Und Stephan, der beim Warten auf den Abschluss der Berufungsverfahren langsam aber sicher das Ende der Zwölfjahresfrist für die Befristung seines Vertrags kommen sieht. Und Tarik, der nach der Ablehnung der Weiterförderung seines aktuellen Forschungsprojekts sicher den Weg zur Agentur für Arbeit antreten muss, da sein Ersatzantrag nicht schnell genug genehmigt werden kann. Und Melanie, die am Ende ihrer Juniorprofessur keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld I hat, sondern nach drei Monaten Übergangsgeld vom Komplettabsturz bedroht ist.  
Die Namen sind geändert, die Fälle teilweise überzeichnet, aber alle, die im Hochschulbetrieb aktiv sind, könnten ihre eigenen Namen in eine dieser Schilderungen einsetzen. Hochschulbeschäftigte kennen diese Fälle, hören von ihnen im Freundeskreis. Gewerkschafter*innen treffen sie zur Beratung. Sie weisen auf die gefährlichste Phase einer deutschen Wissenschaftskarriere hin: die Zeit nach der Promotion. Es ist für viele Wissenschaftler*innen die innovativste und produktivste Zeit ihres Berufslebens. Die Zeit, in der das Fundament zu wissenschaftlichen Durchbrüchen gelegt wird. Sie liegt mitten in der Rushhour des Lebens zwischen dem 30. und 45. Geburtstag, in der auch außerhalb der Wissenschaft die zentralen Weichen in Beruf und Familie gestellt werden. An deutschen Hochschulen ist diese Zeit durch extreme berufliche Unsicherheit geprägt, denn die Befristungspraxis der Hochschulen und die Regelungen des WissZeitVG sorgen gemeinsam dafür, dass um den 40. Geburtstag herum das Damoklesschwert eines De-facto-Berufsverbots über den Wissenschaftler*innen schwebt.

Die Professur: Sicheres Ufer, aber nahezu unerreichbar

Das deutsche Wissenschaftssystem ist auf die Professur ausgerichtet. Sie verbleibt als eine der wenigen unbefristeten Stellen im Wissenschaftsbetrieb und ist damit das einzig sichere Ufer für Postdocs. Der Weg in die Privatwirtschaft ist je nach Fach unterschiedlich einfach oder schwierig, steht aber meist nur Frischpromovierten oder solchen Postdocs mit einer überschaubaren, zwei- bis dreijährigen Forschungsphase offen. Wer mehr Lehrtätigkeit oder eine lange Aufenthaltsdauer im Wissenschaftsbetrieb mitbringt, gilt schnell als verbrannt, aussortiert oder fehlqualifiziert.
Die Professur ist auf zwei Weisen ein Nadelöhr: Erstens ist ihre Zahl in Deutschland relativ gering und zweitens ist die Passung zwischen Bewerber*in und Stelle im sich immer stärker spezialisierenden Forschungsumfeld ein nicht triviales Problem. Da auch Professuren Modeeffekten unterliegen, können einst aussichtsreiche Spezialisierungen binnen weniger Jahre komplett vom Markt verschwinden und entwertet werden. Doch selbst bei guter Passung sind je nach Fachbereich die Chancen auf eine Professur ungewiss oder gar illusorisch: In den MINT-Fächern beispielsweise – Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik – sind in etwa viermal mehr Postdocs im System als mittelfristig besetzbare Professuren. In einigen Geisteswissenschaften können auf eine Professur weit mehr als einhundert geeignete Bewerber*innen kommen. Angesichts dieser Zahlen gleicht die Postdocphase einem Glücksspiel mit extremem Einsatz.
Verschiedene Programme zur Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses haben bisher an diesem Problem wenig bis nichts geändert, sondern haben die Situation teilweise durch die Schaffung von Juniorprofessuren ohne Entfristungsperspektive noch verschlimmert. Als Beamt*innen auf Zeit haben Juniorprofessor*innen nach sechs Jahren Dienst nur Anspruch auf 3,5 Monate Übergangsgeld, bevor sie Arbeitslosengeld II beantragen müssen. Wer einmal miterlebt hat, wie ein*e brillante*r Forscher*in mit Familie abstürzt, ist kuriert von jeglicher Illusion einer familiengerechten Hochschule oder Bestenauslese.

Rechtliche Grundlagen für Gute Arbeit an Hochschulen verbessern!

Allerdings gibt es auch dank der Arbeit der GEW in Bund und Land Fortschritte. Seit 2016 sieht der Rahmenvertrag für gute Beschäftigungsbedingungen an Hochschulen in NRW vor, dass die Arbeitsverträge von Postdocs eine Laufzeit von mindestens drei Jahren haben sollen. Auch sollen Daueraufgaben, die dauerhaft finanziert sind, in der Personalplanung der Hochschule Dauerstellen zugeordnet werden. Postdocs wie Markus hätten somit bei dauerhaftem Lehrbedarf auch eine Chance auf Entfristung. Der Vertrag wird von einer ständigen Kommission evaluiert und weiterentwickelt. Bisher hat er kleine Fortschritte bei der Schaffung von Dauerstellen unterhalb der Professur und bei der Verlängerung der durchschnittlichen Vertragsdauer bewirkt, eine grundlegende Veränderung zeichnet sich aber noch nicht ab. Noch bevor die Personalplanungskonzepte der Hochschulen komplett sind, sieht die aktuelle nordrhein-westfälische Landesregierung bereits die Streichung der gesetzlichen Grundlage des Vertrags aus dem Hochschulgesetz vor. Hier wird die GEW Position beziehen und gegen die Rücknahme der Fortschritte kämpfen.
Die Novelle des WissZeitVG hat seit 2016 insgesamt leider wenig geändert. Zwar ist seitdem vorgesehen, dass eine Befristung mit dem Ziel der wissenschaftlichen Weiterqualifikation eine dementsprechend angemessene Zeit umfassen muss, allerdings ist der Qualifikationsbegriff für Postdocs inzwischen so stark ausgehöhlt, dass der Beliebigkeit Tür und Tor geöffnet wurde. Auch das Erstellen eines Artikels oder die Vorbereitung einer Sammelbandpublikation scheinen als Qualifikationsziele denkbar und können damit sehr kurze Vertragszeiten rechtfertigen.

Private und berufliche Perspektiven der Postdocphase gründlich abwägen!

Was sollten also einzelne Beschäftigte bedenken, bevor sie in die Postdocphase starten? Und wie sind die Perspektiven für die gesamte Beschäftigtengruppe? Kein Postdoc sollte diese Phase beginnen, ohne sich über die Berufschancen im speziellen Arbeitsbereich klar zu sein: Wie sieht die Chance auf eine Professur oder eine andere wissenschaftliche Dauerstelle aus? Welche interessanten Optionen öffnen sich für Postdocs im jeweiligen Fach außerhalb der Wissenschaft? Gibt es realistische Alternativen, für die eine Postdocphase kein Hindernis ist? In vielen Fächern heißt es an dieser Stelle festzustellen, dass der Ruf kaum wahrscheinlicher als ein substanzieller Lotteriegewinn ist. Bevor die Entscheidung für die Laufbahn als Postdoc fällt, sollten die Auswirkungen auf das Privatleben, insbesondere auf die Familie gemeinsam mit der*dem Partner*in abgewägt werden. Dabei will nicht nur das Scheitern, sondern auch der Erfolg gut überlegt werden. Die professorale Karriere beinhaltet meist mehrfache Umzüge in kurzer Abfolge und eine echte Sesshaftwerdung erst nach dem fünfzigsten Geburtstag.
Als Hoffnungsschimmer mag erscheinen, dass an vielen Universitäten die früher vom unbefristeten akademischen Mittelbau getragenen Aufgaben in Verwaltung und Koordination von Forschung und Lehre vom neuen prekären Mittelbau nicht übernommen werden können. Nach und nach entstehen dort Stellen für Wissenschaftsmanager*innen, unbefristet und teilweise sogar angemessen entlohnt. Mit etwas Vorbereitung und Weiterqualifikation sind Postdocs ideal für diese Stellen – allerdings müssen sie hierzu Forschung und Lehre dauerhaft aufgeben. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass sich derzeit prekär beschäftigte Postdocs weiterbilden, damit sie stabile Managementpositionen ausfüllen können, um Aufgaben zu erfüllen, die einstmals stabil beschäftigte Postdocs erledigt haben.


Dr. Frédéric Falkenhagen
Mitglied der Fachgruppe Hochschule und Forschung und im Leitungsteam des Referats E (Wissenschaft und Hochschule) der GEW NRW

Fotos: marsj / photocase.de, iStock.com / aluxum

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