Politische Bildung: Zwischen Abwertung und Anerkennung

Stundentafeln im Bundesländervergleich

Schulen gehen mit politischer Bildung sehr unterschiedlich um: An einigen Schulen ist das Fach ein fester Bestandteil des Stundenplans, andere vernachlässigen es sträflich. Einen Anhaltspunkt, welche Relevanz das Fach im Unterricht hat, bietet die Stundentafelquote. Nordrhein-Westfalen schneidet im Vergleich der Bundesländer gut ab.

Politische Bildung: Zwischen Abwertung und Anerkennung
Politische Bildung: Zwischen Abwertung und Anerkennung

Stundentafeln verkörpern Politik. Die Schulfächer und ihre Wochenstunden zeigen in Zahlen, welche Domänen des Wissens und Könnens den politischen Akteur*innen wichtig sind. Das gilt auch für die politische Bildung, ihre Bedeutung in einem Bildungsgang kann man vor allem an den Stundentafeln ablesen. Wie ernst die Länder den Politikunterricht in der Sekundarstufe I nehmen, belegt erstmals das „Ranking Politische Bildung 2017“ der Universität Bielefeld im quantitativen Vergleich. Die Ergebnisse zeigen unerwartet große Unterschiede.
Die sozialwissenschaftliche Domäne unterscheidet sich von Bundesland zu Bundesland, das Feld ist recht komplex. Für einen Ländervergleich benötigt man jedoch einen belastbaren und transparenten Indikator. Dafür eignet sich die Stundentafelquote. Sie misst den prozentualen Anteil eines Schulfachs an der Gesamtsumme der Kontingentstunden eines ganzen Bildungsgangs. Das Ranking reduziert die Vielfalt und Komplexität der schulischen politischen Bildung auf das dafür zuständige Schulfach (Leitfach), auf dessen obligatorische Stundentafelwochenstunden und auf dessen Stundentafelquote. Die Quote misst das vorgegebene verpflichtende Zeitvolumen für politische Bildung als Anteil an der gesamten Unterrichtszeit der Sekundarstufe I.

Bayern und Thüringen vernachlässigen politische Bildung im Unterricht

Der Vergleich für die Sekundarstufe I des Gymnasiums dokumentiert eine ziemlich klare Rangordnung für die relative Relevanz der in einem Schulfach organisierten politischen Bildung. Man findet eine kleine Gruppe von Ländern, die weit hinter dem Median zurückbleiben, ein breites Mittelfeld, einige recht ambitionierte Länder sowie eine Doppelspitze. Die Schlusslichter Bayern und Thüringen liegen sehr weit unter dem Median, für politische Bildung bleibt dort vergleichsweise sehr wenig Zeit. Das drittschlechteste Bundesland ist Rheinland-Pfalz – im Vergleich bietet Bayern nur ein Drittel der Wochenstundenanteile. Vom breiten Mittelfeld heben sich Bremen, Brandenburg, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen deutlich ab. Schleswig-Holstein und Hessen schneiden im Ländervergleich am besten ab. Mit Brandenburg findet sich nur ein ostdeutsches Land in den Rängen der Ambitionierten und der Spitzengruppe.
Nimmt man die Klassenstufe, in der Politikunterricht beginnt, als zweiten Indikator hinzu, bleiben Bayern und Thüringen auch hier auf den letzten Plätzen (Jahrgangsstufe 10 beziehungsweise 9). Nur das Saarland und Sachsen fangen vergleichsweise spät mit Politik im Unterricht an. Bildungspolitisch zeigt das Ranking für das Gymnasium, dass die Bundesländer weit von einer gemeinsamen Vorstellung entfernt sind, welche Wertschätzung dem Leitfach der politi-schen Bildung in der gymnasialen Stundentafel zukommen soll.

Nordrhein-Westfalen zählt schulformübergreifend zur Spitzengruppe

Für die gesamte Sekundarstufe I gehören wieder Bayern, Thüringen und Rheinland-Pfalz zu den Schlechtesten, Berlin kommt hinzu (siehe Abbildung). Unterdurchschnittlich bleiben Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen und Sachsen-Anhalt. Das Mittelfeld bilden Baden-Württemberg und das Saarland. Die Gruppe der Ambitionierten besteht aus Brandenburg, Niedersachsen und Bremen. Die Bundesländer Hessen, Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein bilden die Spitzengruppe bei den Stundentafelquoten.
Die Ergebnisse des Vergleichs kann man als Hinweise auf Kulturen der politischen Bildung in Schulen interpretieren. Die Kultur der Vernachlässigung – in Bayern und Thüringen muss man wohl eher von Marginalisierung sprechen – bewertet das Leitfach der politischen Bildung als deutlich weniger wichtig als andere Schulfächer. Gemessen an der Stundentafelquote praktiziert ein Viertel der Bundesländer eine Vernachlässigungskultur. In der Kultur der Mittelmäßigkeit steht die politische Bildung im Ländervergleich weder gut noch schlecht da. Dagegen erhält die schulische politische Bildung in der Anerkennungskultur, die in etwa einem guten Drittel der Länder herrscht, deutlich überdurchschnittliche Stundentafelanteile.
Ob die Unterscheidung von drei Kulturen politischer Bildung trägt, ob sie länderspezifisch oder nur zufällige Ergebnisse von Politik sind, müssen Länderstudien zeigen. Stundentafelquoten bieten einerseits Klarheit und Vergleichbarkeit. Andererseits haben sie den Nachteil, dass sie nur den kodifizierten bildungspolitischen Willen, die in Ziffern gegossene normative Vorgabe für die Stundenplanung der Schulen, nicht aber die Praxis der politischen Bildung wiedergeben. Sie können deren Qualität nicht erfassen.

Politikunterricht in der Schulpraxis ist abhängig von Lehrkräften

In der Praxis entscheiden Schulleitungen über Platzierung und Stundenumfang von Schul-
fächern in Stundenplänen. Fachkonferenzen und Lehrkräfte bestimmen über die Umsetzung von Lehrplänen in Unterricht. Damit kann es mehrfach zu Diskrepanzen zwischen Vorgaben und Realität kommen. Das Leitfach kann also gar nicht, kürzer oder später als vorgesehen, mit abweichenden Inhalten oder von fachfremden Lehrkräften unterrichtet werden. Das kommt beim Fach „Politik“ sehr häufig vor, zum Beispiel in NRW. Auch scheint der fachspezifische Unterrichtsausfall überdurchschnittlich hoch zu sein.
Wenn ein Land im Bundesvergleich relativ gut abschneidet, heißt das noch lange nicht, dass die politische Bildung dort in der Schulpraxis gut aufgestellt ist. Auch dafür sind Länderstudien notwendig. Bei den im Ranking nach Stundentafelquoten vergleichsweise gut rangierenden Ländern kann die Realität durchaus deutlich bis dramatisch schlechter ausfallen. Das illustriert der Fall Schleswig-Holstein. Die Stundentafel definiert keine Mindeststundenzahl für „Weltkunde“ oder „Wirtschaft / Politik“. Die Schulen können sogar entscheiden, das Fach gar nicht auf den Stundenplan zu setzen. Dann kommt politische Bildung nur in der Stundentafel vor. Trotzdem bleibt der Stundentafelanteil ein bildungspolitisch hochrelevanter Indikator. Er belegt die relative Bedeutung, die die Bildungspolitik eines Landes dem Leitfach der politischen Bildung zumisst. Er weist nach, dass das bildungspolitische Engagement der Landesregierungen für die politische Bildung in Schulen sehr unterschiedlich ausgeprägt ist. Die politische Bildung von Kindern und Jugendlichen in der Schule ist für Demokratie und Gesellschaft hochrelevant. Das weisen internationale Vergleichsstudien wie die „International Civic and Citizenship Education Study 2016“ nach – an der Deutschland mit Ausnahme von Nordrhein-Westfalen nicht teilgenommen hat. Bei 19 von 24 Ländern existiert ein statistisch signifikanter positiver Zusammenhang zwischen einem offenen Diskussionsklima im Unterricht und der erwarteten bürgerschaftlichen Partizipation. Diskussionsklima und Interesse der Lernenden an gesellschaftlichen und politischen Themen verstärken sich wechselseitig. Politisches Wissen aus dem Unterricht fördert gesellschaftlich-politisches Interesse, insbesondere bei Lernenden mit niedrigerem sozioökonomischem Status. Neben dem Politikunterricht kommt es auf Erfahrungen echter und relevanter Mitbestimmung in der demokratischen Schule an.
Angesichts dieser belegten Zusammenhänge ist die bildungspolitische Geringschätzung der politischen Bildung höchst fahrlässig, sie vernachlässigt die Sicherung der Grundlagen für Demokratie in Politik und Gesellschaft. Eine Bildungsgewerkschaft sollte deshalb nicht müde werden, hier einen Politikwechsel zugunsten politischer Bildung und einer demokratischen Schule zu fordern.


Mahir Gökbudak
Lehrer im Hochschuldienst an der Fakultät für Soziologie der Universität Bielefeld (AG „Didaktik der Sozialwissenschaften“)

Prof. Dr. Reinhold Hedtke
Professur für Wirtschaftssoziologie und Didaktik der Sozialwissenschaften an der Universität Bielefeld

Illustration: Angel Soler Gollon / shutterstock.com
Foto: iStock.com / skynesher

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