Junge Frauen stärken und fördern

Zielgruppenspezifische Angebote und Mentoring

Mehr junge Frauen! Das ist der Wunsch vieler Gewerkschaften – nicht nur in der Mitgliederdatenbank, sondern vor allem in Gremien und Funktionen. Auch die GEW NRW beschäftigt sich intensiv mit Gleichstellung. Doch wie lassen sich junge Frauen überzeugen, in Organisationen aktiv zu werden? Ein erfolgreicher Ansatz sind Mentoringprogramme und maßgeschneiderte Veranstaltungsangebote.

Junge Frauen stärken und fördern

Ausschlaggebend waren die Zahlen: Nur 25,4 Prozent der Gewerkschaftsmitglieder unter 27 Jahren sind weiblich, in der Gesamtorganisation sind es 30 Prozent. Deshalb hat die 20. DGB Bezirkskonferenz 2014 beschlossen, das Thema Lebens-, Berufsweg- und Karriereplanung junger Frauen und Männer im Projekt „Es geht um‘s Ganze, Constanze!“ thematisch zu bearbeiten. Formulierte Ziele waren und sind unter anderem, die Personengruppenarbeit zu beleben und zu stärken, mehr junge Frauen und Männer zu aktivieren, Strukturen zu überdenken und mutiger genderpolitische Forderungen zu formulieren. Nicht zuletzt war und ist das Ziel, mehr junge Frauen als Mitglieder zu gewinnen.

Männer dominieren viele Gremien in Gewerkschaften

Doch wie können wir es erreichen, dass nicht nur mehr Frauen als Gewerkschaftsmitglieder gewonnen werden, sondern sie sich auch aktiv in den Gewerkschaften engagieren? In vielen gewerkschaftlichen Gremien sind Frauen und vor allem junge Frauen heute immer noch kaum vertreten. Strukturen und Angebote müssen dahingehend kritisch hinterfragt werden, ob sie auch wirklich für alle Menschen attraktiv sind.
Bei unseren gewerkschaftlichen Veranstaltungen gibt es noch immer häufig rein männlich besetzte Podien, gendergerechte Sprache wird nicht überall verwendet und Themen oft nur aus einem männlichen Blickwinkel betrachtet. Es ist die Aufgabe der Gewerkschaften, ihre Formate selbstkritisch zu prüfen und Anpassungen vorzunehmen. Nur so können unsere Gewerkschaften diverser werden und auch neue Zielgruppen ansprechen.

Junge Frauen – eine Zielgruppe mit besonderen Bedürfnissen

Es lohnt sich besonders, die Zielgruppe junger Frauen genauer in den Blick zu nehmen und diese zu fragen, was aktuelle Probleme, Wünsche und Forderungen sind. Unsere Aufgabe als Gewerkschaften ist es, junge Frauen für ihren Arbeitsalltag und die Mitarbeit in den Gewerkschaften zu stärken. Leider ist Sexismus am Arbeitsplatz noch immer täglich präsent. Frauen werden in ihrer Lebens- und Karriereplanung zu wenig unterstützt und übernehmen den größten Teil der Care-Arbeit. Auch sind viele Branchen, in denen vor allem Frauen tätig sind, besonders geprägt von schlechten Arbeitsbedingungen und die Arbeit wird viel zu gering entlohnt.
Diese Themen sprechen Gewerkschaften schon lange an und setzten sich für Veränderungen ein. Doch auch insbesondere für Frauen in prekären Beschäftigungsverhältnissen ist es in bestehenden Strukturen oft kaum möglich, sich gewerkschaftlich zu engagieren, da sich beispielsweise Sitzungen oder Veranstaltungen nicht mit der Arbeitszeit oder den familiären Verpflichtungen vereinbaren lassen.

Junge Frauen stärken und fördern

Mentoringprogramme stärken junge Frauen in Gewerkschaften

In den Gewerkschaften gibt es schon viele gute Ansätze, (junge) Frauen im Berufsleben oder in ihrem gewerkschaftlichen Engagement zu unterstützen. Ein Ansatz sind Mentoringprogramme, bei denen Frauen gezielt gestärkt werden und eine Mentorin zur Seite gestellt bekommen. Sie profitieren von den Erfahrungen und bestehenden Netzwerken ihrer Mentorinnen und der Einstieg in neue Aufgaben wird erleichtert. Mentoring gibt es sowohl im betrieblichen Bereich – für neu gewählte Mitglieder der Jugend- und Auszubildendenvertretungen oder der Betriebs- und Personalräte – als auch in verschiedenen Gewerkschaftsstrukturen für junge Frauen, die ihr Engagement beginnen. So sind sie nicht auf sich allein gestellt in oft männerdominierten Strukturen.
Ein weiterer Baustein zur Förderung von Frauen in Organisationen ist der aktive Austausch mit anderen engagierten Frauen. Im Projekt „Constanze“ bieten wir auf Landesebene regelmäßig Veranstaltungen an. Im Jahr 2015 startete das Projekt mit einer Lesung von Anne Wizorek zum Thema „Weil ein #Aufschrei nicht reicht – für einen Feminismus von heute“. Neue Wege sind wir mit unserer Berlinfahrt 2017 gegangen: Ein Wochenende lang haben junge Gewerkschafterinnen aus ganz NRW in der Hauptstadt zu frauen- und genderpolitischen Fragen diskutiert. Jenseits der üblichen Seminar-atmosphäre fand ein lebhafter Austausch mit Szeneakteur*innen und -initiativen statt. In den vergangenen zwei Jahren wurden Seminare in Hattingen veranstaltet, die auf den Wünschen der aktiven jungen Gewerkschafterinnen basierten. Beim Seminar „We can do it! Selbstbehauptung am Arbeitsplatz“ tauschten sich die Teilnehmerinnen über die Erfahrungen mit Sexismus am Arbeitsplatz aus und entwickelten mit einer Trainerin gemeinsam praktische Lösungsansätze. Im vergangenen Sommer beschäftigten wir uns ein Wochenende lang mit der Frage „A woman‘s work is never done?!“ und besprachen, wie Gleichstellung im Großen und Kleinen langfristig gelingen kann.

Attraktive Angebote für junge Frauen vor Ort schaffen

Ein wichtiges Ziel ist es, die Zielgruppe auch in den Regionen, also direkt vor Ort, in den Blick zu nehmen. Denn dort findet die Gremienarbeit statt und die wichtigen kommunalen Themen werden besprochen. Zunächst müssen Angebote geschaffen werden, die für die Zielgruppe interessant sind und durch die neue Mitglieder gewonnen oder auch bestehende Mitglieder aktiviert werden. Gleichzeitig müssen vorhandene Strukturen sensibilisiert und verändert werden, um einen wirklichen Wandel von Gesprächskulturen oder Veranstaltungsformaten zu erreichen. In vielen Regionen gibt es bereits erfolgreiche Ansätze. So finden beispielsweise regelmäßige After-Work-Treffen statt, bei denen in lockerer Runde über (frauen-)politische Themen diskutiert wird. Auch gibt es eine feministische Filmreihe mit anschließenden Diskussionsrunden. In einigen Städten wurden auch Seminare, die zuvor auf Landesebene stattgefunden hatten, direkt vor Ort angeboten. Wichtig ist es, nachdem wir neue Mitglieder gewonnen haben und einige auch für die Mit-arbeit begeistern konnten, dass wir gute Perspektiven bieten. Dabei müssen wir die Wünsche und Interessen ernstnehmen, nur so kann eine langfristige Bindung entstehen. Wir können von neuen Ideen und angepassten Beteiligungsformaten nur profitieren. Gut und erfolgreich wird unsere gewerkschaftliche Arbeit nur dann, wenn wir möglichst viele Perspektiven einbinden und gemeinsam, unter Berücksichtigung der unterschiedlichen Blickwinkel und Erfahrungen, Themen, Aktionen oder Kampag-nen entwickeln.
Wir sind auf einem guten Weg, Gewerkschaften und auch die aktive Mitarbeit für junge Frauen attraktiver zu machen. Es gibt viele gute Beispiele, wo dies schon funktioniert, und auch das Bewusstsein, dass wir uns verändern müssen, nimmt immer mehr zu. Ich wünsche mir, dass die Gewerkschaften diesen richtigen Weg weitergehen, denn nur so können wir zukunftsfähig sein und bleiben.


Clea Stille
Jugendbildungsreferentin der DGB-Region NRW Süd-West

Fotos: iStock.com / Viesinsh, jbkfotos / photocase.de

 

Mentoringprogamm der GEW Rheinland-Pfalz

Im Tandem voneinander lernen

Wie Mentoring in Gewerkschaften funktioniert und was es den Teilnehmerinnen bringt, hat die GEW Rheinland-Pfalz 2014 ausprobiert.
Das Programm startete im Frühjahr 2014 mit elf Teilnehmerinnen aus verschiedenen Regionen von Rheinland-Pfalz. Es bildeten sich vier Tandems und ein Trio, die ihre individuellen Vorstellungen in einer schriftlichen Vereinbarung über Ziele, Inhalte und Kommunikationswege festhielten.
Nach einem halben Jahr wurde geprüft, ob und wie die Vereinbarungen umgesetzt wurden und an welchen Stellen es zu Problemen kam. Die Rückmeldungen zeigten deutlich, dass es für viele Kolleginnen schwierig war, während des Schuljahrs über Mails und Telefonate hinaus persönliche Kontakte zur Mentoringpartnerin aufrechtzuerhalten. Dennoch hat das Projekt einen Erfolg gebracht: Mittlerweile sind drei Kolleginnen näher in die Bezirks- oder Kreisarbeit vor Ort eingebunden.
Das war auch das Ziel und die Motivation der Mentorinnen: Sie wollten eine junge Kollegin für die Mitarbeit in der GEW gewinnen, diese durch den Austausch von Erfahrungen unterstützen und durch bessere Einblicke in deren Vorstellungen auch selbst von der Zusammenarbeit profitieren. Die wichtigsten Erwartungen der Mentees waren, Einblicke in die GEW zu erhalten, die Strukturen und Gremien besser zu verstehen und thematische Arbeitsfelder kennenzulernen.

GEW RLP
 

Kommentieren
Die mit (*) gekennzeichneten Felder sind Pflichtfelder.

Kommentare (0)

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen? Lassen Sie es uns wissen. Wir freuen uns auf Ihr Feedback!
24
Ihre Meinung? Jetzt kommentieren