Fridays for Future: Demos in NRW

Die Stimme der jungen Generation zum Klimawandel

Jeden Freitag demonstrieren bundesweit Schüler*innen nach dem Vorbild von Klimaaktivistin Greta Thunberg für wirksame Maßnahmen gegen den Klimawandel. In NRW organisiert Studentin Carla Reemtsma aus Münster viele Demos mit. Im Interview erklärt sie, warum ihr das Thema so wichtig ist und welche Pläne die junge Klimabewegung für 2019 hat.

Fridays for Future: Demos in NRW

nds: Die Kohlekommission hat im Januar 2019 einen stufenweisen Ausstieg bis 2038 vorgeschlagen. Warum seid ihr mit dem Ergebnis nicht einverstanden?

Carla Reemtsma: Mit der Entscheidung für einen Kohleausstieg weit nach 2030 zeigt die Kohlekommission, dass ihr kurzfristige wirtschaftliche Interessen wichtiger sind als eine konsequente, generationengerechte Klimapolitik. Die Kohlekommission versucht, den Bericht als gelungenen Kompromiss darzustellen, allerdings ist diese Entscheidung kein Konsens: Die Stimme der jungen Generation, die mit den Folgen des Klimawandels leben muss, wurde nicht gehört. Dass jetzt führende Unionspolitiker auch noch diese Entscheidung in Frage stellen, zeigt, dass hier eine auf Konzerninteressen ausgerichtete Politik betrieben wird, anstatt endlich angemessen auf die seit Jahrzehnten bekannte Klimakrise zu reagieren. Wir fordern die Einhaltung der Klimaziele – sowohl des deutschen bis 2030 als auch des internationalen 1,5-Grad-Ziels. Schon jetzt kommt die Klimakrise schneller und mit gravierenderen Konsequenzen als erwartet, weswegen gerade die international beschlossenen Ziele nicht verhandelbar sein dürfen.
Gleichzeitig bedarf es einer entschlossenen Klimapolitik in allen Bereichen. Das heißt konkret: ein schnellstmöglicher Ausstieg aus der Braunkohleverstromung, Förderung des öffentlichen Nahverkehrs und des Fahrradverkehrs, ein Umdenken in der Landwirtschaft und in der Industrieproduktion, eine Reduktion des Flugverkehrs und vieles mehr. Nur dann kann Deutschland nicht nur wirtschaftlicher, sondern auch klimapolitscher Vorreiter sein und international zur Einhaltung des 1,5-Grad-Ziels beitragen. Wir können nicht länger ideologisch über den Klimawandel reden wie über Steuersätze. Dass sich das Klima verändert, ist wissenschaftlicher Fakt. Auch Maßnahmen sind längst bekannt, allerdings mangelt es an politischem Willen, sie umzusetzen. Das braucht Vorstellungskraft und vielleicht auch etwas Mut, aber genau das sollten ja Politiker*innen mitbringen, die Verantwortung für unsere Zukunft tragen. Wenn Deutschland seiner wirtschaftlichen Vorreiterrolle noch länger entsprechen möchte, muss es das auch klimapolitisch tun und international ein echtes Vorbild werden.

Um den politisch Verantwortlichen klar und deutlich eure Meinung zu sagen, demonstriert ihr freitags in unterschiedlichen Städten gegen die aktuelle Klimapolitik. Wie seid ihr auf die Idee gekommen mitzumachen?

Die Idee der Schulstreiks stammt ja gar nicht von uns, sondern von Greta Thunberg. Die 16-jährige Schwedin streikt seit August jeden Freitag vor dem schwedischen Parlament und hat damit eine weltweite Bewegung angestoßen. Wie die Leute zu uns gekommen sind, ist sehr unterschiedlich. Ich selbst bin schon länger klimapolitisch engagiert und habe über Social Media von den Streiks erfahren. Spätestens nach dem Hitze-sommer und der ziemlich ergebnislosen Klimakonferenz  „COP24“ wollte ich etwas bewegen und den Politiker*innen zeigen, dass klima-politisches Nichthandeln keine Möglichkeit mehr ist. Über eine bundesweite WhatsApp-Gruppe habe ich Mitstreiter*innen in Münster gefunden, mit denen wir die Streiks ganz klein begonnen haben und von da an sind wir stetig gewachsen. Einige sind natürlich bereits bei Klimainitiativen oder Nichtregierungsorganisationen aktiv, gleichzeitig erreichen wir durch die breite Mobilisierung viele Schüler*innen: Die Jugendlichen werden nicht nur für die klimapolitischen Fehler sensibilisiert und überdenken ihr eigenes Verhalten, viele engagieren sich auch zum ersten Mal politisch und lernen dadurch viel über Demokratie und Partizipation.

Wie reagieren Lehrer*innen auf die Freitagsdemos? Zeigen sie Verständnis dafür? Wie überzeugt ihr sie?

Die Reaktionen von Lehrer*innen, Schulleitungen und Behörden sind sehr unterschiedlich: Teilweise wurde es ihnen verboten, Beurlaubungsanträge von Schüler*innen anzunehmen. Die Schulleitungen stecken oft in einem Dilemma, da die rechtliche Lage unklar ist. Viele Lehrer*innen unterstützen das Anliegen und freuen sich über das Engagement. Viele Schüler*innen suchen das direkte Gespräch mit der Schulleitung, um eine Lösung zu finden, die es allen ermöglicht, ohne Angst vor Strafen am Streik teilzunehmen. Im persönlichen Austausch verstehen die Schulleitungen und Lehrer*innen viel besser, wie sehr den Schüler*innen das Thema am Herzen liegt und oft kann ein Kompromiss gefunden werden.
An einer Schule in Münster ist es beispielsweise so geregelt, dass die Schüler*innen ohne Probleme am Streik teilnehmen können, wenn sie den Stoff nacharbeiten und einen Aufsatz abgeben, warum und wofür sie streiken. Andere Schulen gestalten die Teilnahme auch als Projekt der Schüler*innenvertretung oder als Ausflug mit allen interessierten Schüler*innen und greifen die Themen noch einmal im Unterricht auf.

Welche Pläne habt ihr für dieses Jahr, um den Kampf gegen den Klimawandel weiter voranzubringen und die Politik unter Druck zu setzen?

Zuerst einmal werden wir weiter streiken. Die Stimme der jungen Generation ist im politischen Diskurs unterrepräsentiert, bei der Diskussion über Klimapolitik aber umso wichtiger, denn wir sind die letzte Generation, die noch etwas ändern kann. Gleichzeitig sind wir die Ersten, die mit den Folgen der Klimakrise leben müssen. Die Streiks geben der Jugend eine Stimme, die sie in dieser Form noch nie hatte und die wir jetzt nutzen werden.
Innerhalb der Bewegung passiert gerade viel: Wir diskutieren über mögliche Ausrichtungen und konkrete Forderungen. Bleiben wir eine reine Protestbewegung oder vertreten wir gewisse Positionen? Sollen andere Altersgruppen eingebunden werden und soll eine gesamtgesellschaftliche Bewegung entstehen? Wie wollen und können wir politisch agieren? Auch über Organisationsstrukturen wird viel gesprochen, da momentan vieles wegen der kurzen Entstehungszeit etwas chaotisch läuft. Daneben tragen viele von uns ihren eigenen Teil zum Kampf gegen den Klimawandel bei, achten schon jetzt in ihrem persönlichen Konsumverhalten, bei der Ernährung oder der Wahl der Fortbewegungsmittel auf Nachhaltigkeit. Die Schüler*innen tragen das Thema in die Schulen, wo es noch einmal wissenschaftlich aufgearbeitet wird, aber auch in ihre Familien. Dort werden plötzlich Überlegungen angestellt, wie das Leben klimafreundlicher gestaltet werden kann. Hierbei gilt das, was Greta Thunberg in ihrer Rede auf der Klimakonferenz gesagt hat: „Man ist nie zu klein dafür, um einen Unterschied zu machen.“


Die Fragen stellte Jessica Küppers.

Fotos: J. Michaletz

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