Englisch in der Grundschule: Auf dem Prüfstand

Früher Englischunterricht hat sich bewährt

Seit 15 Jahren gibt es den Englischunterricht in den Grundschulen – zunächst probeweise für die Klassen 3 und 4, dann ab 2008 von der damaligen schwarz-gelben Regierung ausgeweitet auf die Klassen 1 und 2 mit Einführung eines neuen Lehrplans. Nun soll nach der Koalitionsvereinbarung von CDU und FDP „die Erteilung des Englischunterrichts in den Grundschulen überprüft werden“.

Englisch in der Grundschule: Auf dem Prüfstand

Konkrete Hinweise zum Anlass für diese Überprüfung oder deren Ziel gibt es nicht. Zu vermuten ist, dass die schon bei der Einführung des Fachs vorgetragene Kritik aus den weiterführenden Schulen eine Rolle spielt, besonders aus den Gymnasien. Sie waren gezwungen, ihre Lehrpläne für das Fach Englisch zu ändern, was nur verzögert geschah. Die Erwartungen an den Kenntnisstand der Schüler*innen nach Klasse 4 sind dabei sehr unterschiedlich, genau wie der Umgang mit dem in der Grundschule erworbenen Wissen: von „Vergesst alles, was ihr in der Grundschule gelernt habt!“ bis zu „Ihr habt doch schon dreieinhalb Jahre Englischunterricht gehabt, da müsst ihr doch schon viel mehr können“.
Die Kompetenzerwartungen für das Fach Englisch am Ende der Klasse 4 ergeben sich nun mal nicht einfach aus der Summe der erteilten Unterrichtsstunden. Und Englischunterricht in der Grundschule unterscheidet sich von dem in der Sekundarstufe I, wie ein Blick in die Richtlinien und Lehrpläne sehr deutlich macht: Zu Beginn steht der überwiegend mündlich erteilte Unterricht, in dem sich die Schüler*innen in einem Sprachbad auf die neue Sprache einlassen.

Englisch ist in der Grundschule angekommen

Der Englischunterricht in der Grundschule hatte keinen einfachen Start: zu wenig Englischlehrer*innen, Bedenken wegen einer möglichen Überforderung der Kinder mit anderer Herkunftssprache, Pläne für
eine tägliche Unterrichtssequenz in englischer Sprache, ein neuer Lehrplan, fehlende Lehrmaterialien.
Heute sieht die Situation anders aus:  Viele Kolleg*innen haben sich für das Fach und vor in den eigenen Sprachkenntnissen weiterqualifiziert – teilweise auf eigene Kosten. Die zwei Stunden Englischunterricht
pro Woche werden als Fachunterricht erteilt und die Kinder haben Spaß an der neuen Sprache. Nur das Problem mit den Schulbüchern ist immer noch nicht gelöst: Die Anschaffung von notwendigen Unterrichtsmaterialien bleibt schwierig, solange  die Schulbuchpauschale nicht anteilig erhöht wird.
Der Lehrplan formuliert deutlich Kompetenzerwartungen am Ende der Schuleingangsphase und der Klasse 4. Die zu vermittelnden Sprachkenntnisse orientieren sich am „Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmen für Sprachen“ Stufe A 1. Die Schüler*innen sollen demnach vertraute, alltägliche Ausdrücke und ganz einfache Sätze verstehen und verwenden, die der Befriedigung konkreter Bedürfnisse dienen. Dabei zielt der Englischunterricht zum einen auf den Erwerb grundlegender elementarer sprachlicher Mittel sowie konkreter kommunikativer Fähigkeiten und Fertigkeiten, die die Schüler*innen in situativ erproben und festigen können.

Englischunterricht ist mehr als Sprachen lernen

Aus der Tradition der Begegnungssprache heraus geht es im Englischunterricht auch darum, Grundschüler*innen zu vermitteln, dass sprachliche und kulturelle Vielfalt ihre Lebenswelt bestimmt und bereichert. Kinder kommen mit unterschiedlichen Spracherfahrungen in die Schule. Dies bezieht sich auf ihre eigene Herkunftssprache ebenso wie auf weitere Sprachen, wobei sie alle selbstverständlich schon Erfahrungen mit englischen Begriffen gemacht haben.
Bei den Grundschüler*innen wird die Begeisterung für das Lernen von Fremdsprachen geweckt, von der
die weiterführenden Schulen nur profitieren können. Gerade in multikulturellen Klassen hat sich das gemeinsame Lernen einer neuen Sprache bewährt, da die Kinder mit deutscher oder anderer Herkunftssprache die vermittelten Strategien zum Sprachen lernen vielfältig anwenden und mit ihren Mitschüler*innen auf gleicher Ebene zu kommunizieren lernen. Wie in allen Fächern sind die Vorkenntnisse genauso heterogen wie die Lernfortschritte. Das müssen die weiterführenden Schulen beim Übergang beachten wie in allen anderen Fächern auch.
Sicherlich gibt es weiterhin die Kritik, dass nicht alle Kompetenzerwartungen im Rahmen eines „nur“ zweistündigen Fachunterrichts pro Woche zu erreichen sind, aber das Fach ist aus der Grundschule nicht mehr wegzudenken.

Rixa Borns
Leitungsteam der Fachgruppe Grundschule der GEW NRW

Illustration: Designed by Freepik

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