Doppelte Herausforderung: Referendariat mit Kind

Im Gespräch mit Jenny und Marvin Weißmann

Jenny und Marvin Weißmann sind frisch gebackene Eltern. Und beide sind im Referendariat – mit Kind eine doppelte Herausforderung. Im Gespräch mit der nds erzählen sie, wie sie die Elternzeit und die Zeit danach planen und welche Unterstützung sie sich vom Land NRW als Arbeitgeber wünschen.

Doppelte Herausforderung: Referendariat mit Kind
Doppelte Herausforderung: Referendariat mit Kind

nds: Ihr seid gerade Eltern geworden – herzlichen Glückwunsch! Und ihr seid beide im Referendariat. Wie regelt ihr die Elternzeit und auch die Zeit danach?

Jenny Weißmann: Vielen Dank. Für die Elternzeit haben wir gemeinsam besprochen, welche die sinnvollere Variante ist. Ich habe mein Referendariat erst im November 2017 begonnen und bin nach zwei Wochen schon in den Mutterschutz gegangen. Wir haben uns daher dazu entschieden, dass ich die Elternzeit und das Elterngeld in Anspruch nehme und ein Jahr lang pausiere. Für die Zeit danach sind wir auf einen Betreuungsplatz angewiesen. Denn ich möchte gerne im November oder Dezember 2018 wieder mein Referendariat aufnehmen.
Marvin Weißmann: Mein Plan war es eigentlich mein Referendariat durchzuziehen, um fertig zu sein, wenn Jenny wieder einsteigt. Zu zweit im Referendariat – das ist bestimmt schon eine immense Belastung, aber mit einem kleinen Kind dazu möchte ich mir das nicht vorstellen. Ich hoffe natürlich, dass ich nach meinem Examen irgendwo eine Vertretungsstelle bekomme und nicht drei Monate überbrücken muss. Mit so einem kleinen Knirps zu Hause ist da der Druck natürlich etwas größer.

Ist das für euch eine gute Lösung oder hättet ihr euch etwas anders gewünscht?

Jenny Weißmann: Mit der Lösung, die wir für uns gefunden haben, bin ich zufrieden. Dennoch wäre ich gerne für ein paar Monate länger in die Elternzeit gegangen, da unser Sohn gerade knapp ein Jahr alt sein wird, wenn er in die Betreuung geht. Und ich wäre sehr gerne dabei, wenn er beispielsweise seine ersten Schritte macht. Auch für mich als Mutter würde ich die Zeit nutzen, denn gerade das erste Babyjahr ist ziemlich anstrengend für frisch gebackene Eltern. Doch eine Elternzeit über das Elterngeld hinaus wird finanziell wohl nicht möglich sein. Wir sind auf zwei (Referendariats-)Einkommen angewiesen und das Elterngeld fällt nach einem Jahr bereits wieder weg.
Marvin Weißmann: Mittlerweile bereue ich es etwas, nicht direkt nach der Geburt einen oder zwei Monate Elternzeit genommen zu haben, um von den Partner*innenmonaten zu profitieren. Zu dem Zeitpunkt wäre das noch gut möglich gewesen. Jetzt habe noch neun Monate Referendariat vor mir und bin mir nicht wirklich sicher, wo ich einen oder zwei Monate Elternzeit unterbringen soll. Ich würde die Zeit zur Vorbereitung in den Kursen für mein Examen sicher nachholen können, aber ich bin mir nicht sicher, ob ich zwei Monate nach allen anderen Referendar*innen noch eine freie Vertretungsstelle finde. Außerdem ist der ganze Zeitplan sehr eng zwischen den Ferien gestrickt und ich bin mir nicht ganz sicher, wie ich dann noch meine Unterrichtsbesuche unterbringen soll.

Welche Aspekte spielen aus eurer Sicht für die Familienplanung junger Lehrer*innen und Referendar*innen eine Rolle?

Marvin Weißmann: Meiner Meinung nach ist es ein himmelweiter Unterschied, ob es sich um junge Lehrer*innen mit möglicherweise einer festen Stelle oder Referendar*innen handelt. Natürlich wird in gewissem Maß auch im Referendariat auf so freudige Ereignisse wie die Geburt eines Kindes Rücksicht genommen, aber der (Bewertungs-)Druck bleibt bestehen und auch die Vorbereitungszeit für den eigenen Unterricht wird nicht weniger. Fast alle meine Referendarskolleg*innen haben auch ohne Kind genug Stress und zu wenig Zeit für die Vorbereitung von Unterricht und insbesondere Unterrichtsbesuchen. Vor der Geburt habe ich auch abends und bis in die Nacht hinein gearbeitet, um das Pensum zu bewältigen. Jetzt gehören die Abende in der Regel dem Kleinen, auch um meiner Frau eine Pause oder etwas Schlaf zu gönnen. Für Unterrichtsvorbereitung bleibt da wenig Zeit. Ich habe mich deshalb dafür entschieden, in der Schule zu arbeiten und dort alle Vorbereitungen und Planungen zu erledigen, soweit das möglich ist. So komme ich zwar später nach Hause, kann dann aber meist voll für meine Familie da sein. Die neue Arbeitsstruktur muss sich natürlich erst einpendeln, aber ich bin optimistisch.
Junge Lehrer*innen hingegen sind nach dem Referendariat natürlich auch oft durch eine Vollzeitstelle eingespannt, aber der im Referendariat noch allgegenwärtige Gedanke an den nächsten Unterrichtsbesuch ist passé – abgesehen natürlich von Revisionen. Mit einer festen Stelle wäre dann auch die Elternzeit einfacher zu planen und eventuell auch ein Umstellen auf Teilzeit möglich.
Jenny Weißmann: Ich denke, dass die Finanzfrage und Betreuungsmöglichkeiten eine wesentliche Rolle bei der Familienplanung spielen. Für Referendar*innen berechnet sich zum Beispiel das Elterngeld nach dem Vorjahreseinkommen. War man im Vorjahr noch Student*in, ergibt sich daraus der Mindestsatz an Elterngeld: Das sind gerade einmal 300,- Euro. Für mich gilt das zum Glück nicht, weil ich seit Februar 2017 bis zum Beginn des Referendariats als Vertretungslehrerin gearbeitet habe – dieses Gehalt wird dem Elterngeld jetzt zugrundegelegt.
Eine viel entscheidendere Rolle spielt in unserer Situation die Kinderbetreuung: Bereits im September habe ich mich hochschwanger um einen Kitaplatz für unser ungeborenes Kind beworben. Die Platzvergabe läuft in unserer Kommune über ein externes Betreuungsportal. Bis heute habe ich nur Absagen erhalten, da die Plätze für unter einjährige Kinder bereits vergeben sind. Damit ich mein Referendariat wieder aufnehmen kann und Marvin eine Stelle an einer Schule annehmen kann, benötigen wir jedoch unbedingt einen Betreuungsplatz. Ich denke, dass jungen Menschen, die noch mitten in einer Ausbildung stecken, bei der Vergabe von Betreuungsplätzen für ihre Kinder ein Vorzug gewährt werden sollte. Das ist eine wichtige Voraussetzung, damit sie ihre Ausbildung abschließen können.

Bemüht sich das Land NRW als Arbeitgeber ausreichend darum, dass junge Eltern Familie und Beruf gut vereinbaren können? Wo hakt es eurer Meinung nach?

Jenny Weißmann: Bisher habe ich nicht das Gefühl, dass das Land NRW uns eine gute Möglichkeit bietet, Familie und Beruf miteinander zu vereinbaren. Vor allem in eine sichere finanzielle Lage und in die Kinderbetreuung sollte das Land NRW einiges an Arbeit investieren. Die Politik fordert doch immer wieder, dass die Geburtenrate wieder steigen solle! Junge Lehrer*innen und Referendar*innen können dazu allerdings nichts beitragen, wenn die Unterstützung ausbleibt. Das Land könnte Eltern zum Beispiel finanzielle Unterstützung bieten, wenn das Elterngeld, das ja eine Leistung auf Bundesebene ist, nicht mehr gezahlt wird.

In NRW sind gerade das Teilzeitreferendariat und eine entsprechende Änderung der „Ordnung des Vorbereitungsdienstes und der Staatsprüfung“ in Planung. Wie würde für euch ein optimales Modell aussehen?

Jenny Weißmann: Das Teilzeitreferendariat scheint auf den ersten Blick eine gute Möglichkeit zu sein, um Familie und Beruf miteinander vereinbaren zu können. Es kommt aber auf die genaue Ausgestaltung an: Ein Referendariat mit einem Teilzeitgrad von 75 Prozent wäre für mich zum Beispiel keine Option. Das stellt für mich keine Teilzeit dar – besonders nicht mit einem Baby –, denn die Arbeit im Referendariat bleibt noch immer die gleiche.
Ein optimales Modell wäre für mich ein Teilzeitreferendariat mit einer 50-Prozent-Stelle und einem Seminartag pro Woche. Die Seminare sollten dann nicht in die späten Abendstunden fallen. Die letzten Veranstaltungen finden dort nicht selten von 18.30 bis 20.00 Uhr statt – keine Kinderbetreuung hat so lange Betreuungszeiten. Außerdem fände ich eine Form der betriebseigenen Kindertageseinrichtung klasse. Das Land könnte als Arbeitgeber für Kinder seiner Beschäftigten Betreuungsplätze anbieten und so den Einstieg in den Beruf leichter ermöglichen.
Marvin Weißmann: Ein optimales Modell muss meiner Meinung nach flexible Abstufungen ermöglichen. Referendar*innen müssen derzeit ein Jahr lang mindestens neun Stunden bedarfsdeckenden Unterricht pro Woche und zusätzlich fünf Stunden Ausbildungsunterricht pro Woche einbringen. Warum sollte es nicht möglich sein, zum Beispiel zum Halbjahr die Stunden um 25 oder 50 Prozent zu reduzieren und dafür die Dauer der Ausbildung um die entsprechende Zeit zu verlängern? Die verbleibenden Unterrichtsbesuche würden sich dann auf die restliche Zeit verteilen. Im Idealfall sollte diese Teilzeitoption allen Referendar*innen offenstehen – unabhängig davon, ob sie Kinder betreuen oder Angehörige pflegen.

Die Fragen für die nds stellte Anja Heifel.

Fotos: obeyleesin, David-W- / photocase.de

 

GEW NRW fordert schnelle Umsetzung

Teilzeitreferendariat in NRW – jetzt!

Um eine Vereinbarkeit von Familie und Ausbildungszeit zu ermöglichen, muss auch der Vorbereitungsdienst in Teilzeit absolviert werden können. Damit mehr junge Menschen Lehrer*in werden möchten, müssen die Bedingungen stimmen – erst recht in Zeiten des Lehrkräftemangels. Das Teilzeitreferen-dariat ist deshalb eine langjährige Forderung der GEW NRW.
Die Dienstrechtsreform von 2016 hat den Anspruch auf ein Teilzeitreferendariat bereits unterstrichen. Das Landesbeamtengesetz sieht seitdem vor, dass Beamt*innen auf Widerruf, die ihren Vorbereitungsdienst nach dem 31. Dezember 2017 begonnen haben, eine Teilzeitbeschäftigung aus familiären Gründen bewilligt werden kann. Dies gilt auch für den Vorbereitungsdienst für ein Lehramt an Schulen. Mit der Reform wurde somit die Ermächtigungsgrundlage für das Teilzeitreferendariat in NRW geschaffen. Ein voller Erfolg der jahrelangen Verhandlungen der GEW NRW!
Es fehlen jedoch immer noch die Ausführungsbestimmungen für den konkreten Ablauf der Ausbildung in Teilzeit. Mit einer entsprechenden Verordnung und Änderung der „Ordnung des Vorbereitungsdienstes und der Staatsprüfung“ (OVP) lässt sich das Schulministerium Zeit. Eigentlich sollte mit dem Einstellungstermin im Mai 2018 erstmalig ein Referendariat in Teilzeit möglich sein. Viele angehende Referendar*innen haben sich darauf verlassen, einige sogar abgewartet. Einen konkreten Zeitplan des Ministeriums gibt es trotzdem noch nicht. Es bleibt zu hoffen, dass zumindest für den Einstellungstermin  im November 2018 die Ausführungsbestimmungen für ein Teilzeitreferendariat vorliegen werden. Wer effektive Maßnahmen gegen den Lehrer*innenmangel in NRW ergreifen will, sollte schleunigst auch die Ausbildungsbedingungen verbessern. Andere Bundesländer haben bereits vorgemacht wie es geht!

Julia Löhr
Jugendbildungsreferentin der GEW NRW

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