(Un-)Politische Jugend?

Bei Jugendlichen in Deutschland hat das Interesse an Politik wieder deutlich zugenommen. Im Rahmen eines breiteren Politikverständnisses herrscht dabei eine weiterhin große Bereitschaft vor, sich selbst auch politisch zu engagieren. Davon profitieren jedoch insbesondere die politischen Parteien nicht: Die viel beschworene Politikverdrossenheit geht zurück, die Parteienverdrossenheit bleibt.

(Un-)Politische Jugend?

Immerhin 41 Prozent der 12- bis 25-Jährigen in Deutschland gaben in der Shell Jugendstudie 2015 an, sich für Politik zu interessieren. Dieser Wert liegt zwar noch deutlich unterhalb der Spitzenwerte mit über 50 Prozent zur Zeit der deutschen Wiedervereinigung. Er stellt aber eine deutliche Steigerung zum historischen Tiefstand mit 30 Prozent in 2002 dar.

Die Welt rückt näher

Die Jugendlichen interessieren sich dabei nicht mehr nur für das politische Geschehen in Deutschland. 49 Prozent geben an, dass sie dem Weltgeschehen in den letzten Jahren ein größeres Interesse entgegenbringen. Den Jugendlichen ist bewusst, dass die Welt mit ihren Problemen näher an Deutschland herangerückt ist. Die Ukraine-Krise, Terroranschläge und die massiv zunehmende Anzahl geflüchteter Menschen in Deutschland spiegeln sich in den stark gestiegenen Ängsten vor Krieg in Europa und vor Terroranschlägen wider, während etwa die Ängste vor der zukünftigen wirtschaftlichen Entwicklung stark zurückgehen. Bemerkenswert ist, dass zwar auch Ängste vor Zuwanderung zunehmen, aber noch mehr und auf höherem Niveau ebenfalls die Ängste vor Ausländerfeindlichkeit.

Vertrauen in Demokratie

Die Jugendlichen äußern heute eine äußerst hohe Zufriedenheit mit dem demokratischen System und bringen staatlichen Institutionen ein sehr hohes Vertrauen entgegen. Von all diesen Entwicklungen können die politischen Parteien jedoch nicht profitieren, denen Jugendliche weiterhin ein nur sehr geringes Vertrauen entgegenbringen.
Das Engagement Jugendlicher für gesellschaftliche Belange nimmt in den letzten Jahren ab, was vor allem mit der Zeitverknappung zu tun hat – Stichwort G8. Allerdings geben immerhin noch 38 Prozent der Jugendlichen an, oft oder gelegentlich in einem Verein aktiv zu sein. 32 Prozent geben an, sich alleine durch persönliche Aktivität einzubringen, 22 Prozent sind etwa an Schule oder Hochschule und 15 Prozent in Projektgruppen aktiv. Die politischen Parteien bleiben hier mit zwei Prozent weit abgeschlagen. 

Politik ist mehr als Parteiarbeit

Jugendliche engagieren sich dabei vor allem für Jugendliche. Aktivitäten für die Interessen und eine sinnvolle Freizeitgestaltung von Jugendlichen stehen beispielsweise vor dem Engagement für hilfsbedürftige ältere Menschen oder den Umweltschutz. Dies mag zunächst kaum als politisches Engagement erscheinen. Es ist jedoch wichtig festzuhalten, dass Jugendliche gemeinhin ein sehr breites Politikverständnis pflegen und bei näherer Nachfrage oft Bereiche allgemeinen gesellschaftlichen Engagements als „politisch“ einstufen. Die Frage nach dem politischen Interesse wird dabei eher mit der „großen“ Politik assoziiert.
Diese „weiche“ Form politischer Aktivität zeigt sich auch, wenn man etwas genauer fragt, auf welche Weise sich Jugendliche schon einmal politisch betätigt haben. So geben zwar nur vier Prozent an, sich schon einmal in einer politischen Gruppe oder Partei engagiert zu haben, aber immerhin 34 Prozent sagen, sie hätten schon einmal bestimmte Waren aus politischen Gründen nicht gekauft.
Die Jugendlichen in Deutschland sind heute politischer als noch vor fünf oder zehn Jahren. Es ist keine revoltierende, sondern mit dem System sehr zufriedene Generation. Wenn sich der Trend der Zunahme des politischen Interesses in den nächsten Jahren fortsetzen sollte, wäre es erstaunlich, wenn dieser Trend nicht auch bald auf das Niveau politischen Engagements durchschlagen würde.

Prof. Dr. Mathias Albert
ist Politikwissenschaftler an der Universität Bielefeld und einer der Autoren der Shell Jugendstudie. 

Foto: hreniuca / Fotolia.com

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