Lehrerräte setzen sich ein

Co-Management und Kommunikation

Wenn Schulleitung und Lehrerrat eng zusammenarbeiten, kommt dabei viel Gutes heraus: Eine offene Kommunikation. Eine Kultur der Mitbestimmung. Eine Wertschätzung beider Seiten. Dass das nicht nur Wunschdenken ist, zeigen zwei positive Beispiele.

Lehrerräte setzen sich ein

Hunderte SchülerInnen drängeln sich in den Fluren der Integrierten Gesamtschule (IGS) Bonn-Beuel. Es läutet, die Schulglocke erinnert an den Beginn der fünften Stunde. Die meisten verweilen noch kurz, nur einen Moment, dann gehen sie in kleinen Gruppen in die Unterrichtsräume. LehrerInnen schließen geräuschvoll die Türen hinter ihnen, es geht weiter mit Mathe, Englisch oder Musik.
Johannes Henk schließt heute Mittag keine Klassenzimmertür auf. Er öffnet den Arbeitsraum des Lehrerrats. Für den 53-Jährigen, der seit 1999 an der Schule unterrichtet, steht jetzt statt Geschichte und Chemie die wöchentliche Lehrerratssitzung auf dem Programm. Wie jeden Mittwoch in der fünften und sechsten Stunde. Die RatskollegInnen warten schon auf ihn. Insgesamt sind sie zu sechst – fünf ständige Mitglieder und ein Ersatzmitglied, das ebenfalls jede Woche mit den anderen zusammenkommt.

Lehrerrat und Schulleitung: Zusammenarbeit in Bonn-Beuel

Seit fünf Jahren ist Johannes Henk Mitglied des Lehrerrats, vor einem Jahr hat er das Amt des Vorsitzenden übernommen. Er eröffnet die heutige Sitzung. Auf der Agenda: eine Wieder-eingliederung, zwei Teilzeitanfragen, eine Stellenausschreibung und einige kleinere Probleme aus dem Kollegium, die im Rat besprochen werden sollen. Manchmal gibt es auch lang-fristige Aufgaben wie zum Beispiel die Debatte um notwendige Kürzungen im Schulprogrammangebot wegen fehlender Personalressourcen, die bis heute anhält. „Größere Probleme oder weitreichende Konflikte gibt es bei uns eher selten, meist drehen sich die Sitzungen um Personalangelegenheiten“, erklärt Johannes Henk.
Dass das so ist, liegt in der besonderen Struktur der IGS Bonn-Beuel begründet: „Der Lehrerrat gehört bei uns fest zur Schulkultur. Seit 2002 sind wir eine demokratische Schule, das heißt unsere Struktur ist so angelegt, dass Entscheidungen – wenn möglich – im breiten Konsens getroffen werden. Der Lehrerrat arbeitet im engen Co-Management mit der Schulleitung zusammen“, beschreibt Schulleiter Rainer Winand das System. „Das oberste Beschlussgremium ist die Schulkonferenz, in der elf SchülerInnen, elf LehrerInnen sowie elf Elternteile neben dem Schulleiter mitarbeiten.“

Aufgaben des Lehrerrats: Von Alters-teilzeit bis Zukunftswerkstatt

In der Praxis sieht das so aus: Jede Woche nimmt Johannes Henk als Lehrerratsvorsitzender –
oder sein Stellvertreter – an einer erweiterten Sitzung mit der gesamten Schulleitung, den AbteilungsleiterInnen, der Gleichstellungsbeauftragten und dem Koordinator für Inklusion teil. Zudem gibt es in jedem Halbjahr gesondert eine gemeinsame Sitzung von Schulleitung und Lehrerrat. Auch über die offiziellen Treffen hinaus finden regelmäßige Besprechungen zwischen Johannes Henk und Schulleiter Rainer Winand statt. „Wir stehen im engen Austausch miteinander. Offene Kommunikation und gegenseitige Wertschätzung ist uns dabei wichtig“, sagt Rainer Winand.
Neben dem engen Kontakt und der Abstimmung mit der Schulleitung haben die Mitglieder des Lehrerrats vielfältige Aufgaben an der Schule. Besonders die Personalangelegenheiten nehmen – wie in der heutigen Sitzung – viel Raum ein: „Als Selbständige Schule ist der Personalrat für uns nicht zuständig. Wir kümmern uns daher um Stellenausschreibungen, sind verantwortlich für Einstellungsgespräche, legen gemeinsam mit der stellvertretenden Schulleitung Unterrichtsstunden fest oder regeln Vertretungen. Im Krankheitsfall sind wir zudem AnsprechpartnerInnen für die KollegInnen, zum Beispiel wenn es um Wiedereingliederungen geht.“ Darüber hinaus ist der Lehrerrat auch an der Zukunftswerkstatt beteiligt, in der sich alles rund um das Thema „Schule in den nächsten Jahren“ dreht.

Lehrerräte setzen sich ein

Erfolgreiches Konzept: Der Weg zum Co-Management

Dass das Konzept des Co-Managements an der IGS Bonn-Beuel so gut zum Einsatz kommt, ist den Grundsätzen zu verdanken, die vor fast 15 Jahren bereits entwickelt wurden: Dirk Prinz, ehemaliger Lehrer und damaliger Vorsitzender des Rates an der IGS, erinnert sich noch gut an die Anfänge: „Als wir uns 2002 an der Gesamtschule dazu entschieden haben, an dem zu diesem Zeitpunkt viel debattierten Modellversuch ‚Selbständige Schule’ teilzunehmen, war es für uns Voraussetzung, dass der Lehrerrat eine starke Position erhält. Entscheidend war dabei zum einen, dass die Schulleitung dem positiv gegenübersteht, und zum anderen, dass die Mitglieder des Rates eine gewisse Stundenentlastung bekommen.“
Auf dem Weg zum erfolgreichen Co-Management brauchte es viel Engagement und Einsatz von allen Beteiligten. „Es ging um eine grundlegende Kulturänderung“, erklärt Dirk Prinz. „An erster Stelle stand, dass die Lehrerkonferenz von allen Seiten mehr wertgeschätzt wird, denn hier wird über die relevanten Dinge für den Arbeitsplatz Schule entschieden.“ Zahlreiche Abläufe mussten damals an der IGS neu gedacht werden: Vertretungskonzepte, Grundsätze der Unterrichtsverteilung, die Frage nach der Stundenplangestaltung oder Fortbildungsregelungen – alles Themen, die für den Arbeitsalltag aller LehrerInnen existenziell sind. „Nichts davon war selbstverständlich. Wir haben dann als Lehrerrat die Initiative ergriffen, die Punkte mit der Schulleitung besprochen und anschließend der Lehrerkonferenz vorgeschlagen.“
Dass es dabei nicht immer harmonisch ablief und auch mal Konflikte auftraten, liegt auf der Hand: „Bis die beschäftigungsfreundlichen Grundsätze für das Co-Management feststanden, hat es insgesamt sicher zwei Jahre gedauert. So mussten wir uns beispielsweise ganz schön dafür einsetzen, dass wir als Lehrerrat an der wöchentlichen Schulsitzung mit einem Mitglied teilnehmen. Dass sich die Arbeit wirklich gelohnt hat, erkennt man auch daran, dass die Grundsätze heute noch immer tragfähig sind“, freut sich Dirk Prinz. Dem kann der aktuelle Vorsitzende Johannes Henk nur zustimmen: „Seit fast 15 Jahren ist das System ein positives und konstruktives Miteinander. Ein großer Vorteil der guten Zusammenarbeit ist, dass wir aufgrund unserer Struktur viele Sichtweisen des Lehrerkollegiums schon frühzeitig einfließen lassen können. Dadurch kommt es wenig zu Konflikten, da eben das Meiste schon vorab besprochen wird.“ 

Mitspracherecht einfordern: Ein Blick zur Europaschule Bornheim 

Die Bedingungen an der IGS Bonn-Beuel unterscheiden sich durch das Co-Management zur Lehrerratsarbeit an den meisten Schulen in NRW. Doch wie kann der Lehrerrat auch dort mit anderen, traditionelleren Strukturen sinnvoll und mit möglichst großen Effekten arbeiten? Ein Blick zur Europaschule in Bornheim zeigt, dass es gelingen kann: Der derzeitige fünfköpfige Lehrerrat ist seit fast vier Jahren im Amt und ebenfalls fest in der Schulkultur etabliert.
„Der Umgang mit der Schulleitung ist sehr progressiv. Das liegt vor allem daran, dass unser Schulleiter es wertschätzt, mit dem Lehrerrat ein Gremium zu haben, das ihn in seiner Arbeit unterstützt“, erzählt Guido Mädje, der seit 2012 als Mitglied dabei ist. Entscheidend für ein gutes Miteinander ist auch in Bornheim ein regel-mäßiges Zusammenkommen von Schulleitung und Lehrerrat. „Alle vier bis sechs Wochen gibt es einen Jour-Fix, in dem wir über Themen wie Inklusion und die damit verbundenen Personalfragen sowie den aktuellen Stand der Lehrerversorgung sprechen. Wir erfahren viel Unterstützung durch die Schulleitung – zum Beispiel bei der Entwicklung unseres Teilzeitkonzepts. Wir fühlen uns dadurch ernst genommen, dass uns die Tagesordnungen der Lehrerkonferenzen vorab nicht nur bekannt gegeben werden, sondern der Lehrerrat auch Änderungsvorschläge einbringen kann.“
Die RatskollegInnen mussten sich die Stellung, die der Lehrerrat heute innehat, erst einmal erarbeiten: „Sicher hat alles seine Zeit gedauert und wir mussten bei bestimmten Themen wie zum Beispiel der Mehrarbeit öfter an unser Mitspracherecht erinnern. Das ist alles ein Prozess, der mit einer positiven Grundhaltung von Schulleitung und Lehrerräten aber erfolgreich verläuft.“  

Kommunikation ist das Wichtigste!

Ob Bonn-Beuel oder Bornheim – den Mitgliedern beider Lehrerräte ist eins bewusst: „Die konstruktive und meist harmonische Zusammenarbeit, wie wir sie erleben, ist bei Weitem nicht selbstverständlich.“ Johannes Henk und Guido Mädje sind sich einig: „Gerade wenn der Lehrerrat noch nicht so lange an der Schule besteht und die Strukturen erst einmal aufgebaut werden müssen, ist diese Arbeit oft kein Zuckerschlecken.“ Und auch Dirk Prinz, der heute Hauptpersonalrat ist und seine Erfahrungen seit vielen Jahren an Lehrerräte weitergibt, weiß, dass an vielen Schulen die Praxis oft anders aussieht: „Oft liegt es leider daran, dass Schulleitungen den Wert einer guten Kooperationskultur an der Schule gar nicht einschätzen können. Das Wichtigste ist eine gute Kommunikation und gegenseitige Wertschätzung, nur dann kann Lehrerratsarbeit erfolgreich sein.“

Denise Heidenreich
Freie Journalistin

Fotos (v. o. n. u.): vege / fotolia.com, han.lei / photocase.de

 

Fortbildungen der GEW NRW

Konflikte bewältigen

Wenn es im Lehrerratsseminar um „Kooperation und Konflikt – Zusammenarbeit des Lehrerrats mit schulischen Akteuren“ geht, können sich die ReferentInnen auf die TeilnehmerInnen verlassen: Denn zum Einstieg werden Fallbeispiele benötigt, Alltagspraxis ist gefragt. Und der Schulalltag bietet Konflikte in Hülle und Fülle.Was ist zu tun, wenn die Schulleitung mit Lob sehr sparsam umgeht, nur im Anweisungston kommuniziert und keine Zeit für Gespräche mit dem Lehrerrat hat? Wie soll es in einem Kollegium weitergehen, das den Eindruck hat, die Aufgaben seien ungleich verteilt und die Zuteilung der Anrechnungsstunden zur Entlastung sei nicht fair? Manche Schulleitungen und auch Kollegien wissen ohne Hilfestellung nicht, wie produktiv eine demokratische, auf Partizipation setzende Schulkultur sein kann. Im Workshop werden solche Konflikt-szenarien systematisch aufgearbeitet.Schnell wird klar: Unter dem Druck knapper Ressourcen und hoher individueller Arbeitsbelastung wird Kommunikation zur Schlüsselqualifikation. Auf persönlicher Ebene: Wie gehe ich mit Angriffen und Gefühlen von Verletzung und Geringschätzung um? Auf Schulebene: Wie gewinnt der Lehrerrat Verhandlungsmacht und wird von der Schulleitung als Partner akzeptiert? In den Workshops werden sowohl Hindernisse im Bereich der Kommunikation bearbeitet als auch Verhandlungsstrategien erprobt, die zu für alle Beteiligten akzeptablen Lösungen führen. Konflikte können so als positives Moment der Entwicklung angesehen werden. Die Bandbreite der Kommunikationsstrukturen zwischen Leitung und Lehrerrat ist unglaublich groß: Sie reicht von Leuchttürmen wie in den Schulen in Bonn-Beuel und Bornheim, in denen der Lehrrerat über beste Arbeitsbedingungen in einem Klima der Kooperation verfügt, bis zu Schulen, in denen der Lehrerrat eher als Störfaktor wahrgenommen wird und um jedes Stückchen Transparenz kämpfen muss. In den Seminaren der GEW NRW begegnen sich diese unterschiedlichen Kulturen. Und auch das kann sehr lehrreich sein. www.lehrerrat-online.de

Manfred Diekenbrock und Georg Bickmann-Krebber

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