Zweiter Bildungsweg: Ein Miteinander auf Augenhöhe

Ein Erfahrungsbericht

Eine schlechte Schülerin war Kristina Weber nicht. Doch in der Lernatmosphäre des Gymnasiums fühlte sie sich nie richtig wohl und machte deshalb nach dem Fachabitur erst einmal Schluss. Als Auszubildende merkte sie schnell, dass sie eigentlich etwas ganz anderes will. Einige Jahre später startete die Dortmunderin im Zweiten Bildungsweg durch – ein Weg, der viel besser zu ihr passte und ihr jetzt neue Möglichkeiten eröffnet.

Zweiter Bildungsweg: Ein Miteinander auf Augenhöhe

„Abitur? Brauche ich nicht.“ Das dachte ich jedenfalls, als ich 2012 nach der 12. Klasse (G9) das Gymnasium mit Fachhochschulreife verließ. Ich war eigentlich keine schlechte Schülerin, abgesehen von meinem obligatorischen Defizit in Mathe, eine Zweier- und Dreierkandidatin, aber ein Studium hätte ich mir damals nicht zugetraut. Außerdem fühlte ich mich einfach unwohl in dem System „gymnasiale Oberstufe“, in dem glamouröse Abibälle und sündhaft teure Kleider wichtiger zu sein schienen als das soziale Miteinander, und beschloss, stattdessen lieber eine „solide Lehre“ zu absolvieren.

Aus dem Job zurück auf die Schulbank

Ich begann eine Ausbildung zur Kauffrau für Spedition und Logistikdienstleistungen, lernte Überstunden, Nachtschichten und den Umgang mit Kund*innen kennen. Obwohl die Kolleg*innen nett waren, merkte ich schnell, dass ich eigentlich etwas anderes wollte: Lehrerin werden. Meine ehrenamtliche Tätigkeit als Teamerin bei verschiedenen Jugendgruppen und -freizeiten zeigten mir das immer wieder. Etwa im zweiten Lehrjahr stand für mich fest, dass ich nach Abschluss der Ausbildung mein Abitur nachmachen und diesen Traum verwirklichen möchte.
Nachdem ich im Januar 2016 die Abschlussprüfung der Industrie- und Handelskammer erfolgreich hinter mich gebracht hatte, begann ich im Februar als sogenannte Quereinsteigerin im dritten Semester des Westfalen-Kollegs Dortmund. Da ich bereits die Fachhochschulreife hatte, konnte ich direkt in die Qualifikationsphase starten. Ich hatte mich für den Bildungsgang Kolleg entschieden, was Unterricht täglich im Vor- und Nachmittagsbereich bedeutet. Montags bis mittwochs dauerte der Unterricht in der Regel bis 17.00 Uhr, donnerstags und freitags nur bis 13.10 Uhr. Das räumt den Studierenden die Zeit ein, um Nebenjobs nachzugehen. Ich selbst habe immer neben der Schule gearbeitet, in den Ferien sogar Vollzeit. In Klausurenphasen konnte das schon mal ein bisschen stressig werden, aber eigentlich war das nie ein Problem für mich, weil ich durch meine Ausbildung 40-Stunden-Wochen gewohnt war. Alternativ zum Bildungsgang Kolleg bietet das Westfalen-Kolleg Dortmund das sogenannte Abi-tur-Online an: Der Unterricht findet dabei dann am Wochenende statt und die Studierenden – hauptsächlich Vollzeitbeschäftigte – eignen sich einen großen Teil des Stoffs im virtuellen Klassenraum an.

Die Atmosphäre macht den Unterschied

Dass das Weiterbildungskolleg als Schulform anders tickt als die gymnasiale Oberstufe, merkte ich schnell. Die Atmosphäre war unglaublich nett und locker, das Verhältnis zwischen Lehrenden und Studierenden war kein Vergleich zu dem, was ich vom Gymnasium kannte. Die Lehrer*innen begegneten uns Studierenden auf Augenhöhe. Man hatte keine Angst, Fragen zu stellen, weil man nie eine blöde Antwort bekam. Und seltsamerweise wirkte sich das auch auf meine Noten aus, denn plötzlich stand ich sogar in Mathe eins.
Auch den Umgang der Studierenden untereinander habe ich stets als außerordentlich freundlich und respektvoll empfunden. Wir haben uns gegenseitig unterstützt und zusammen gelernt und ich habe viele nette Bekanntschaften geschlossen – obwohl die Studierendenschaft nicht heterogener hätte sein können: Wir waren nicht nur altersmäßig gemischt, sondern kamen zudem aus den verschiedenen sozialen Schichten und hatten zuvor sehr unterschiedliche Bildungserfahrungen gemacht.

Lernen im eigenen Tempo

Genauso unterschiedlich wie die Studierenden sind natürlich auch die Lerntempi im Zweiten Bildungsweg: Einigen fällt das Lernen leicht, andere haben es schwerer, aber auch dafür gibt es gute Lösungen. Das Westfalen-Kolleg Dortmund bietet in fast allen Fächern kostenlose Nachhilfe-AGs an und es bestehen Kooperationen mit der Technischen Universität Dortmund und der Ruhr-Universität Bochum. So können die einen nachholen, was ihnen vielleicht noch fehlt, während andere Studierende im Rahmen der sogenannten Schüler-Uni schon vor dem Abitur studieren können. Ich habe zum Beispiel in einem Semester eine Übung aus dem Basismodul in Anglistik besucht und auch die Klausur erfolgreich bestanden. Im Studium wird mir das später angerechnet. Für die Zeit der Übung wurde ich vom Unterricht in der Schule freigestellt und musste den Stoff zu Hause nachholen, was aber kein Problem war.
Rückblickend kann ich nur sagen: Der Zweite Bildungsweg war für mich absolut der richtige. Ich hatte zwar keinen glamourösen Abiball, aber habe dafür jetzt ein Abi mit Schnitt 1,0 und kann meinen Traum verwirklichen. Erstmal fliege ich nun für drei Monate nach Australien und werde zum Sommersemester 2018 anfangen, zu studieren: Englisch und Geschichte auf Lehramt. Vielleicht unterrichte ich ja eines Tages selbst an einem Weiterbildungskolleg. Ich kann nur allen raten, die überlegen, das Abitur nachzuholen: Macht es! Es ist nicht so schwer, wie man denkt, und wenn man weiß, was man will, bekommt man stets Unterstützung.


Kristina Weber
Absolventin des Westfalen-Kollegs Dortmund

Foto: traumfaengerin / photocase.de

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