Alle mitnehmen – Lernen im Zweiten Bildungsweg

Der Zweite Bildungsweg in Nordrhein-Westfalen ist ein überschaubarer, aber nicht wegzudenkender Bereich der Schullandschaft. Ein Blick in die Vergangenheit macht dies deutlich: Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es viele Menschen, die aufgrund der Kriegsereignisse ihre Schullaufbahn nicht abschließen konnten.

Das führte zur Gründung von Abendgymnasien, Kollegs und Abendrealschulen. In dieser Zeit entstand zum Beispiel das Westfalen-Kolleg Dortmund. In den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts bestand ein großer Bedarf an schulischer Weiterbildung, weil viele Menschen aufgrund finanzieller Engpässe und dem Wunsch, schnell Geld zu verdienen, ihre schulische Laufbahn früh abgebrochen hatten. Weitere Weiterbildungskollegs gingen an den Start, zum Beispiel die Abendschule Unna und das Sauerland-Kolleg Arnsberg.

Gelebte Inklusion und flexible Lernmodelle

Die aktuelle Situation stellt sich anders dar: Ein Großteil der Jugendlichen strebt direkt das Abitur an. Umso mehr fällt auf, dass es dem ersten Bildungsweg nicht gelingt, alle Jugendlichen mitzunehmen. Viel zu häufig wird „abgeschult“. Das mag teilweise an persönlichen Gründen liegen, sehr viel häufiger aber an der Unfähigkeit des gegliederten Schulsystems, sich auf die unterschiedlichen Voraussetzungen der jungen Menschen einzugehen. Diese Lücke wird von den Weiterbildungskollegs in NRW erfolgreich geschlossen.
Weiterbildungskollegs sind häufig Schulen, die alle drei Bildungsgänge – Abendrealschule, Abendgymnasium und Kolleg – unter einem Dach vereinen. Die Lehrer*innen sind es gewohnt, auf die unterschiedlichen Bedürfnisse ihrer Studierenden einzugehen. So kann es vorkommen, dass in einem Kurs Teilnehmer*innen sitzen, die bereits eine einschlägige, hochwertige Berufsausbildung haben, und gleichzeitig andere, die aufgrund persönlicher Schwierigkeiten die Schule früh abgebrochen haben. Ein extremes Beispiel ist ein junger Mann, der bis zum Alter von 18 Jahren an einer Förderschule für geistige Entwicklung war. Anschließend kam er auf meine Abendrealschule und machte dort seinen Realschulabschluss inklusive zentraler Prüfung. Diese gestiegene Flexibilität der Bildungsbiografien ist eine Herausforderung, die von den Weiterbildungskollegs aktiv aufgegriffen wird. Unterschiedliche Modelle, wie Arbeit in Modulen, Blended Learning oder flexibilisierter Unterricht für Schichtarbeiter*innen, sind strukturelle Lösungen. Der Fokus auf Kompetenzen und exemplarischen Lerninhalten ist ein Schwerpunkt der Unterrichtsentwicklung.

Sprachliche Grundsteinlegung und digitale Vorreiterrolle

Eine Herausforderung für den Zweiten Bildungsweg ist der stetig wachsende Anteil von Menschen mit geringen Sprachkenntnissen – und davon betroffen sind nicht nur Studierende mit Migrationshintergrund. Die deutsche Sprache ist eine notwendige Voraussetzung, um im Beruf erfolgreich zu sein. Die durchgängige Sprachbildung ist deshalb ein weiteres Merkmal des Zweiten Bildungswegs. Die Sprachförderung für Menschen mit Migrationshintergrund und für Teilnehmer*innen, deren Sprachbildung lückenhaft ist,
muss dringend weiter ausgebaut werden.
Wenn es um die fortschreitende Digitalisierung der Gesellschaft geht, nimmt der Zweite Bildungsweg eine Vorreiterrolle ein: Die Nutzung digitaler Medien ist einer seiner elementaren Bausteine, zum Beispiel mit dem Angebot abitur-online.nrw. Die Weiterentwicklung des Unterrichts in Modulen lässt sich mit digitaler Unterstützung vorantreiben. Studierende können so ihre persönliche Lebenssituation mit Beruf, Familie und Hobbys mit der Schule in Einklang bringen. Das Lernen in Modulen wird bereits in einigen Abendrealschulen erprobt und ist in anderen Ländern – etwa in Österreich – schon Standard. Es ermöglicht ein deutlich passgenaueres Eingehen auf die individuellen Voraussetzungen der Studierenden und unterstützt ein wesentliches Ziel des Zweiten Bildungswegs: alle mitzunehmen.


Axel Bruns
stellvertretender Sprecher des Dachverbands der Weiterbildungskollegs in NRW, Sprecher des Rings der Kollegs NRW und Schulleiter des Sauerland-Kollegs Arnsberg

Foto: doris-w / photocase

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