Nachhaltige Integration

Nachhaltige Integration

Unter der knappen Million Geflüchteter und Asylsuchender überwiegt der Anteil junger Menschen, die Schutz und neue Perspektiven suchen. Sprache und Arbeit sind die wichtigsten Integrationsschienen. Eine interkulturell kompetente Begleitung darf dabei nicht fehlen. Deshalb muss die Bundesrepublik, muss Nordrhein-Westfalen geflüchteten Menschen so früh, schnell und intensiv wie möglich den Weg zu Schulbildung, sprachlicher Förderung und beruflicher Weiterbildung eröffnen. Gleichzeitig braucht es Zeit und Raum zur gemeinsamen Erarbeitung individueller, sinnstiftender Ziele. Die kommunalen Bildungslandschaften fördern insbesondere dort ein gelingendes Ankommen in der Aufnahmegesellschaft, wo echte Begegnungen ermöglicht werden. Der Herausforderung der stetig steigenden Zahl von Neuankommenden sind Schulen und Bildungsträger gewachsen, wenn sie von den jahrzehntelangen Erfahrungen der in ihrem direkten Umfeld erfolgreich agierenden Institutionen lernen – zum Beispiel vom Zusammenspiel mit freien Trägern der Sozial- und Flüchtlingshilfe. Der Bund gibt bis 2019 rund vier Milliarden Euro für Integrationskurse, Kitas, Schulen und neuen Wohnraum an die Länder. Dass diese Hilfe ohne Einbindung lokaler Netzwerke verpuffen könnte, zeigt sich bei Schulen und Sprachkursträgern.

Verantwortlich gestalten statt bloß versorgen

Im Schulbereich favorisieren einige Kommunen zu Recht integrative Modelle des frühen Lernens, bei denen Unterschied zu den separierenden Vorbereitungsklassen geflüchtete Kinder und Jugendliche trotz anfänglicher Sprachbarrieren vom ersten Tag in der Regelklasse unterrichtet werden. In Bochum zum Beispiel machen alle vier Gesamtschulen beste Erfahrungen dabei, wie das gemeinsame Lernen mit deutschsprachigen Gleichaltrigen das gegenseitige Interesse stärkt und Freundschaften entstehen lässt, die zum Lernerfolg motivieren. Der Erfolg basiert auf der Zusammenarbeit mit Bildungsträgern, die den Prozess mit qualifizierten Lehrkräften für Deutsch als Zweitsprache oder Fremdsprache (DaZ / DaF) und interkultureller Kompetenz begleiten. Es liegt nicht an den Kindern und Jugendlichen, wenn Integration nicht gelingt – Schulen müssen in die Lage versetzt werden, verantwortlich gestalten und nicht bloß versorgen zu können.

Verstehen, Verständnis und Verständigung

Der hohe Bedarf an maßgeschneiderten Deutschkursen für Erwachsene kann aufgrund des Mangels an qualifizierten Lehrkräften für DaF / DaZ kaum gedeckt werden, da sich ein Großteil der DozentInnen aufgrund der prekären Beschäftigungsverhältnisse umorientiert haben. Die Unterversorgung führte zu einer Verschiebung von professionellen zu beratungsaufwendigen ehrenamtlichen Angeboten. Die große Vielfalt der tatsächlich durchgeführten Deutschkurse basiert weniger auf Konzepten aus der Politik als vielmehr auf der Symbiose zwischen sozialen Bildungsträgern und verständnisvollen freiwillig Engagierten. Sie ermöglichen Sprach- undBegegnungscafés sowie Nischenprojekte, in denen Deutschkenntnisse auf ungezwungene Weise gefestigt und spielerisch ausprobiert werden.
Nicht nur Asylberechtigte mit guter Bleibeperspektive zeigen eine hohe Motivation selbst aktiv zu werden, was durch Projekte wie „Early Intervention NRW+“ mit dem Ziel aufgefangen wird, sie auf den Arbeitsmarkt zu führen. Ohne gut funktionierende Netzwerkpartner mit engmaschiger Betreuung fänden diese Kursteilnehmende kaum in Qualifizierungsmaßnahmen mit Praktika. Die Einbindung von lokalen Flüchtlingsinitiativen ist zielführend und fördert gegenseitige Verständigung.
Auch wenn dieses partizipative Wirken mit Anstrengungen verbunden ist, birgt es eine konstruktive Dynamik, die die Bildungslandschaft für alle LernerInnen verbessert, nicht nur für Neuankommende. Teilhabe ist das entscheidende Kriterium für nachhaltige Integration. Ressourcen müssen an den Stellen gestärkt werden, wo das Ankommen in unserer Gesellschaft im Dreischrittverfahren gelingt: Verstehen, Verständnis und Verständigung.

Roman Ronald Gerhold
Bildungsreferent bei IFAK e. V. – Verein für multikulturelle Kinder- und Jugendhilfe – Migrationsarbeit

Foto: barbaclara/photocase.de

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