Schüler*innenzahlen: NRW erwartet einen Boom

Prognose der Schüler*innenzahlen in NRW

Steigende Geburtenraten und immer mehr junge Einwanderer*innen: In den nächsten 15 Jahren steht NRW ein Boom der Schüler*innenzahl bevor, der die offiziellen Prognosen deutlich übertreffen wird. Das belegt eine aktuelle Studie der Bildungsforscher Prof. Dr. Klaus Klemm und Dr. Dirk Zorn. Mehr Lernende brauchen mehr Lehrkräfte – eine einfache Rechnung, die enormen Handlungsdruck erzeugt.

Im Januar 2017 veröffentlichte das NRW-Schulministerium seine Prognose zur Entwicklung der Schüler*innenzahlen – gestützt auf eine Bevölkerungsprognose des Statistischen Landesamtes (IT.NRW) von 2015 mit Ausgangsdaten des Jahres 2013. Für die Primarstufe erwartet das Ministerium gegenüber 2015 bis 2030 einen leichten Anstieg auf 102 Prozent: von 653.380 Schüler*innen in 2015 über 659.210 in 2020, 661.640 in 2025 auf 666.750 in 2030. Dieser Zuwachs entspricht ziemlich genau der zugrunde liegenden Bevölkerungsprognose, die für die Altersgruppe der Sechs- bis unter Zehnjährigen im gleichen Zeitraum einen Zuwachs auf 102,4 Prozent erwartet.
So weit, so gut – wäre da nicht auch noch die Realität: Die Prognose des Ministeriums geht davon aus, dass 2015 in Nordrhein-Westfalen 146.990 noch nicht einjährige Kinder lebten. Tatsächlich waren jedoch 162.430 gemeldet. Auch für die Ein- bis unter Zweijährigen liegen die der Prognose zugrunde gelegten Werte um 14.802 Kinder unter den Ist-Werten. Damit nicht genug: Die Geburtenzahl des Jahres 2016, die noch nicht abschließend vorliegt, wird mit min-destens 171.000 Kindern die Jahrgangsstärke von 147.985, von der die MSW-Prognose ausgeht, um 23.000 Kinder übertreffen.
Die Diskrepanz zwischen Prognose und tatsächlicher Entwicklung erklärt sich durch die in jüngster Zeit stark gestiegenen Geburtenzahlen: 2013 wurden in NRW 146.400 Kinder geboren, 2014 waren es 155.100, 2015 dann 160.500 und 2017 wurden bisher sogar etwa 171.000 Geburten verzeichnet. Hinzu kommen deutlich gestiegene Werte der Wanderungsbilanz: 2013 sind etwa 81.000 Menschen mehr nach NRW zu- als abgewandert. 2014 waren es 108.000 Menschen und 2015 etwa 274.000. Die Bilanzdaten für 2016 liegen derzeit noch nicht vor.
Angesichts dieser Entwicklung ist eine aktuelle Prognose der Schüler*innenzahlen mehr als überfällig, die bisher weder die Kultusministerkonferenz für Deutschland noch das Schulministerium für NRW geleistet haben. Die Studie „Demographische Rendite adé“ im Auftrag der Bertelsmann Stiftung schließt diese Lücke und liefert eine aktuelle Vorausschätzung der Bevölkerungs- und Schüler*innenzahlen, die sich auf Deutschland insgesamt sowie auf die Flächenländer West und Ost und die drei Stadtstaaten bezieht.
Rechnet man die darin für die westlichen Flächenländer enthaltene Prognose auf Nordrhein-Westfalen herunter, ergibt sich: Bis 2020 wird sich die Anzahl der Kinder in der Primarstufe gegenüber 2015 um etwa 19.000 erhöhen, 2025 liegt diese Zahl um fast 92.000 höher als 2015, denn dann wirken sich die stark gestiegenen Geburtenzahlen aus. Danach wird die Schüler*innenzahl wieder leicht zurückgehen, aber die des Jahres 2015 mit etwa 741.000 immer noch um etwa 88.000 Schüler*innen übertreffen. Dieser demografisch bedingte Anstieg kommt erst nach 2025 in der Sekundarstufe I an, in der Sekundarstufe II ist eine Auswirkung der jüngeren Bevölkerungsentwicklung erst für die Jahre nach 2030 zu erwarten.
Für die Schulen der Primarstufe sind diese Daten besonders alarmierend: Bei konstanten Klassenfrequenzen und Schüler*innen-je-Stelle-Relationen müssen bis 2025 etwa 3.950 neue Klassen gebildet und dafür etwa 5.400 zusätzliche Stellen für Lehrkräfte geschaffen werden.


Prof. i. R. Dr. Klaus Klemm
Bildungsforscher

Foto: Mr. Nico / photocase.de

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