Lesen durch Schreiben: Mehr Welle als Wasser im Glas

Kontroverse um „Lesen durch Schreiben“

Die öffentliche Debatte über eine Unterrichtsmethode im Deutschunterricht lenkt von den vielfältigen Herausforderungen ab, vor denen Grundschulen stehen und für die sie dringend Unterstützung brauchen. Der Wunsch nach einfachen Lösungen darf nicht den Blick auf die komplexen Ursachen verstellen.

Medienberichten zufolge will Schulministerin Yvonne Gebauer prüfen, wie Grundschulen Rechtschreibung vermitteln, um anschließend zu entscheiden, ob das „Schreiben nach Gehör“ verboten werden soll. Dies scheint Teil einer bundesweiten Kampagne zu sein, die weder die gültigen Lehrpläne, die einschlägigen wissenschaftlichen Publikationen, die Veränderungen in der Lebenswelt der Kinder noch die Erfahrungen in den Schulen zur Kenntnis nimmt.

Pädagogische Maßnahmen wirken konzept- und kontextabhängig

Es fehlt ein wissenschaftlicher Beleg dafür, dass Jürgen Reichens in den 1970er Jahren entwickelte Leselernmethode, die im Übrigen „Lesen durch Schreiben“ heißt, zu mehr Rechtschreibschwierigkeiten führt als andere Methoden. Schon 2008 hat unter anderem der Bildungsforscher, Grundschulpädagoge und Schriftsprachdidaktiker Hans Brügelmann festgestellt, dass die Wirkung pädagogischer Maßnahmen generell konzept- und kontextabhängig ist. Je nachdem, wie ein*e Lehrer*in die Methode einsetzt, und je nach den Bedingungen, unter denen die Lehrkraft arbeitet, kommt es also zu unterschiedlichen Ergebnissen. Wer der Öffentlichkeit suggeriert, dass durch das Verbot einer einzigen Methode die Rechtschreibleistung ganzer Kindergenerationen verbessert werden könne, offenbart sein Nichtwissen über die Arbeit der Grundschulen.
Grundschullehrer*innen beobachten ihre Schüler*innen genau und analysieren die vielfältigen Ursachen für deren Schwierigkeiten beim Lesen und Rechtschreiben. Manche Kinder werden eingeschult, obwohl ihnen basale Fähigkeiten wie visuelle und auditive Differenzierung fehlen. Andere leiden unter generellen Aufmerksamkeitsstörungen, verzögerter Sprach-entwicklung, motorischen Auffälligkeiten. Die Lernbedingungen unterscheiden sich von Ort zu Ort, von Klasse zu Klasse. Auch der Einfluss der häuslichen Situation der Kinder ist bedeutend: Lesen die Eltern ihren Kindern vor? Wie ausgeprägt ist die Nutzung elektronischer Medien?

Grundschulen brauchen Unterstützung statt Methodenverbote

Wer verfolgt, wie sich Texte von Schüler*innen entwickeln, wird feststellen, dass sie keinesfalls beim viel zitierten „Kauderwelsch“ stehen bleiben. An den Grundschulen wird freies Schreiben vielmehr durch einen systematischen Rechtschreibunterricht ergänzt. Auch der Lehrplan Deutsch ist in der Kompetenzerwartung in Bezug auf die Rechtschreibung nicht beliebig, sondern sehr eindeutig.
Grundschullehrkräfte reagieren mit einer großen Methodenvielfalt auf die unterschiedlichen Bedürfnisse und Fähigkeiten der Kinder, die mit sehr großen Entwicklungsunterschieden eingeschult werden. Etliche Kinder kommen bereits mit Lese- und Schreibfähigkeiten in die Schule oder brauchen nur noch einen winzigen Impuls. Nicht nur diesen Kindern eröffnet die Anlauttabelle – eine bebilderte Buchstabentabelle – gute Möglichkeiten.
Die Entwicklung der Rechtschreibkompetenz ist zudem ein Prozess, der in der Grundschule zwar beginnt, aber in allen Schulstufen systematisch fortgesetzt werden muss.
Die Schließung der Schulkindergärten und das durch die letzte schwarz-gelbe Landesregierung vorverlegte Einschulungsalter haben der Förderung der Kinder eher geschadet als genutzt. Sind basale Fähigkeiten wie Körperwahrnehmung, Feinmotorik oder Lautanalyse noch nicht hinreichend entwickelt, so ist eine Förderung dieser Fähigkeiten vorrangig. Dafür braucht es sozialpädagogische Fachkräfte an jeder Grundschule. Was Grundschulen aktuell am dringendsten brauchen, ist Ruhe, um den vielen Herausforderungen gerecht werden zu können, die sich insbesondere aus der Vielfalt der Kinder und ihrer veränderten Lebenswelt ergeben.
Wenn Ministerin Yvonne Gebauer die Lernchancen von Kindern ernsthaft verbessern will, sollte sie die Bedingungen an den Grundschulen verbessern und wirksame Maßnahmen gegen den Lehrkräftemangel ergreifen. Das Verbot einzelner Lehrmethoden hilft nicht weiter.


Susanne Huppke
Mitglied im Leitungsteam der Fachgruppe Grundschule der GEW NRW

Fotos: suze, Marion Vaorin / photocase.de

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