Die Quote stagniert

Bochumer Memorandum 2011 bis 2017: Studienabschlüsse

Zu den Zielen, die der nordrhein-westfälischen Bildungspolitik im Bochumer Memorandum für die „nachhaltige Verbesserung der Bildungsteilhabe und des Übergangs von der Schule in Ausbildung und Arbeit“ bis zum Jahr 2015 gesetzt wurden, zählt eine Steigerung der Studienabschlussquote auf den OECD-Durchschnittswert von – im Jahr 2008 – 38 Prozent. Auch wenn derzeit nur die Daten für das Abschlussjahr 2014 verfügbar sind, lässt sich schon jetzt feststellen, dass dieses Ziel bis 2015 mutmaßlich nicht erreicht werden konnte.

Ein Blick in die Daten, die Information und Technik Nordrhein-Westfalen (IT.NRW) aktuell bietet, macht deutlich, wie weit das Land noch von dem 38-Prozent-Ziel entfernt ist (siehe Tabelle 1).

Kaum Veränderungen in NRW

Ausweislich dieser Daten erreichten 2014 insgesamt 30,8 Prozent einen ersten Studienabschluss an Universitäten, Fachhochschulen, Verwaltungsfachhochschulen, Kunst- und Musikhochschulen oder Theologischen Hochschulen. Dieser Prozentwert gibt den Anteil derer an der altersentsprechenden Gesamtbevölkerung wieder, die einen ersten Studienabschluss erreichen konnten.
Bei der Bewertung der Studienabschlussquote als Indikator für das Bochumer Memorandum muss berücksichtigt werden, dass die Statistik der Studienabschlüsse keine Auskunft darüber gibt, in welchem Umfang unter den AbsolventInnen ausländische Studierende sind – sogenannte BildungsausländerInnen –, die ihre Studienberechtigung im Ausland erworben haben. Für Deutschland insgesamt gibt der Bildungsbericht „Bildung in Deutschland 2016“ an, dass vier Prozent der AbsolventInnen eines Erststudiums zur Gruppe der BildungsausländerInnen zu zählen sind. Wenn man diesen Anteil auf Nordrhein-Westfalen überträgt, so liegt die Studienabschlussquote der deutschen Studierenden und der BildungsinländerInnen –
das sind ausländische Studierende, die ihre Studienberechtigung in Deutschland erworben haben – gerade einmal bei 29,6 Prozent.
Betrachtet man die Entwicklung der Studien-abschlussquote – unter Vernachlässigung der in sie eingehenden Zahlen der BildungsausländerInnen – während der vergangenen Jahre, so stellt man fest, dass diese Quote zumindest seit 2009 um 31 Prozent schwankt, dass sie also unbestreitbar stagniert.

Bessere Aussichten für die Zukunft

Zugleich lässt allerdings die Entwicklung der StudienanfängerInnenzahlen für die kommenden Jahre einen deutlichen Anstieg der AbsolventInnenquote erwarten. Wenn man vereinfachend für den Durchschnitt der unterschiedlichen Studiengänge der einbezogenen Hochschulen eine Studiendauer von fünf Jahren unterstellt, so ergibt sich für den AbsolventInnenjahrgang des Jahres 2014: Die AbsolventInnenquote von 30,8 Prozent entspricht 70 Prozent der StudienanfängerInnenquote des Jahres 2009 von damals 44 Prozent. Wenn man diese „Erfolgsquote“ konstant hält, so folgt aus der AnfängerInnenquote des Jahres 2014 in Höhe von 59,6 Prozent fünf Jahre später – also 2019 – eine Absolventenquote von 41,7 Prozent.
Insgesamt lässt sich daher – bei aller Vergröberung, die diesem Rechenansatz eigen ist –
zusammenfassend schließen: Aufgrund der bisherigen Stagnation gilt: Das 38-Prozent-Ziel wurde bis 2015 mit Sicherheit verfehlt. Zugleich aber lässt die unverkennbare Steigerung der StudienanfängerInnenzahlen während der vergangenen Jahre erwarten, dass dieses Ziel gegen Ende des Jahrzehnts erreicht oder sogar übertroffen sein wird.

Akademische Bildung in der Krise?

Über das Ziel, die StudienanfängerInnen- und damit die AbsolventInnenquoten zu steigern, gibt es deutschlandweit spätestens seit 2014 eine kontroverse Diskussion: Damals veröffentlichte der Münchener Philosoph und frühere Kulturstaatsminister im ersten Kabinett Gerhard Schröders Julian Nida-Rümelin sein Buch „Der Akademisierungswahn. Zur Krise beruflicher und akademischer Bildung“. In dieser Schrift beklagt er eine Vernachlässigung der beruflichen Bildung und eine damit einhergehende Beschädigung der akademischen Bildung, bei der er Beliebigkeit und Verflachung wahrzunehmen glaubt.
Auch wenn hier nicht der Platz zu einer gründlichen Auseinandersetzung mit Julian Nida-Rümelins Thesen ist, die zunehmend von PolitikerInnen der unterschiedlichen Parteien geteilt werden, soll in diesem Zusammenhang doch auf zwei aktuelle Untersuchungen aus dem Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit (IAB) aufmerksam gemacht werden: In der Untersuchung „Qualifikationsspezifische Arbeitslosenquoten“ vom Dezember 2015 wird gezeigt, dass das Risiko, arbeitslos zu werden, mit der Höhe der beruflichen Qualifikation deutlich sinkt (siehe Tabelle 2). In einer weiteren Untersuchung des IAB aus dem Jahr 2016 mit dem Titel „Berufsspezifische Lebensentgelte – Qualifikation zahlt sich aus“ wird gezeigt, dass die durchschnittlichen Brutto-Lebensentgelte bei den Beschäftigten mit der Höhe ihrer Qualifikation stark ansteigt (Tabelle 3). Angesichts dieser Befunde ist eine Politik, die den Zugang zu Hochschulen und damit zu Hochschulabschlüssen drosseln will, zynisch – zumal wenn sie von AkademikerInnen kommt 

Prof. em. Dr. Klaus Klemm, Bildungsforscher

Fotos: morgan_studio / iStock.com, owik2 / photocase.de

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