Vierbeiner stärken die Persönlichkeit und bauen Ängste ab

Schulhunde: Gewinn für die Lernatmosphäre

Sie intensivieren Förderprozesse, geben der Persönlichkeitsentwicklung einen Schub und sorgen für ein gutes soziales Klima im Klassenraum: Schulhunde. Die positive Wirkung von Hunden im Unterricht haben auch das Gymnasium Hohenlimburg und die St. Laurentius-Schule Attendorn längst erkannt. Nana, Woodstock und Störtebecker gehören dort zum pädagogischen Personal.

Hunde? – Bloß nicht. Jedenfalls nichts für Ömer. Vierbeiner machten dem Sechstklässler Angst. Da ging er auf Distanz. Jetzt hockt er auf dem Boden neben Nana, krault den Zwerg-pudel, lässt ihn später Leckerli auf seinem Körper suchen. „Manchmal kann Ömer nicht mehr die Finger von Nana lassen“, schmunzelt Dr. Sabine Kersken, die ihren Pudel mit in den Unterricht bringt. Ömers anfängliche Angst ist einem innigen Verhältnis gewichen. Durch zunehmende Vertrautheit mit Nana hat der Schüler des Gymnasiums Hohenlimburg auch seine Angst vor anderen Hunden verloren. Bei der Arbeit mit dem Schulhund hat er gelernt, das Verhalten der Hunde zu lesen, weiß jetzt, wie er mit ihnen umgehen kann.
 „Tiergestützte Pädagogik“, „Vierbeinige Co-Pädagog*innen“ oder „Hilfslehrer Hund“ lauten die Schlagzeilen, wenn von Hunden im Unterricht die Rede ist. Sie werden in der Frühförderung ebenso eingesetzt wie als Therapiehunde, die in therapeutische Prozesse integriert werden, etwa in der Motopädie. „Durch die Anwesenheit des Hundes wird der Förderprozess intensiviert“, heißt es dazu im Konzept der St. Laurentius-Förderschule in Attendorn.
Motopädin Lydia Tuschmann verdeutlicht die Theorie am Beispiel Jolinas. Die Sechsjährige lief nur mit Rollator, als sie eingeschult wurde. Jetzt bewegt sie sich frei im Trainingsraum, geht auf den Hund zu. Zuerst geht es zur Rutsche. Oben wartet schon Dackel-Pudel-Mischling Woodstock. Etwas unsicher folgt Jolina dem Hund die Stufen hoch. Gemeinsam rutschen sie herunter. Der Hund als Motivator und Stütze. Der siebenjährige Maximilian kurvt währenddessen auf dem Rollbrett mit Rauhaardackel Störtebecker durch einen Hindernisparcours. Den Hund huckepack muss der Schüler Verantwortung für das Tier übernehmen, darauf achten, dass die beiden nirgends anecken oder aus der Kurve fliegen.

Förderprozesse werden intensiviert

Woodstock und Störtebecker kommen regelmäßig mit in die Therapieeinheiten. Die Motopädin sieht es als Vorteil an, dass die Hunde durch die Arbeit im Wechsel auch Ruhepausen und Rückzugsmöglichkeiten haben. „Zielgerichtete Aktivitäten verbessern Lebensqualität, Handlungskompetenz, Sozialkompetenz und stärken die Persönlichkeitsentwicklung“, heißt es im Konzept der St. Laurentius-Schule zur tiergestützten Motopädie.
Inzwischen versteckt Jolina Leckerli in bunten Schraubbechern. Die Hunde müssen die richtigen Behälter suchen, die Schülerin muss sie aufschrauben und Farben benennen. So werden kognitive und motorische Fähigkeiten geschult. Wenn Förderschüler*innen mit motorischen Problemen in einem mit Matten ausgepolsterten Rad rollen, sind Gleichgewichtssinn, aber auch Achtsamkeit für das Tier gefordert. Die Therapiestunden bei Lydia Tuschmann, Woodstock und Störtebecker machen den Schüler*innen offensichtlich Spaß. „Kolleg*innen sagen, wenn die Kinder danach in den Unterricht kommen, sind sie noch gepusht“, schildert Lydia Tuschmann die Effekte. Die haben auch Dr. Christof Langenbach überzeugt: Durch die tiergestützte Pädagogik „sind Schüler*innen auch auf anderen Ebenen zu erreichen“, so der Förderschulleiter. Eine seiner ersten Aktionen als neuer Schulleiter war die Umsetzung des Förderkonzepts. Der Grund: Die Schüler*innen sammelten besondere Erfahrungen und probierten neue Interaktions-formen aus. Es gebe Transfereffekte auch in anderen Bereichen. Schüler*innen machten mit Greiferfahrungen motorische Fortschritte.
Seit eineinhalb Jahren ist die tiergestützte Pädagogik an der St. Laurentius-Schule etabliert. Bei Tagen der offenen Tür wirbt die Schule mit dem Konzept. Feedbacks aus Kollegium und
Elternschaft bestätigen die positiven Erfahrungen, so Dr. Christof Langenbach.

Ministerium: Tiergestützte Pädagogik verbessert soziales Klima

Das nordrhein-westfälische Schulministerium befürwortet das Konzept der tiergestützten Pädagogik. Orientierung soll eine Handreichung des Ministeriums geben, die über rechtliche Voraussetzungen sowie zu Fragen der Hygiene und Sicherheit Auskunft gibt. Für den Einsatz von Schulhunden seien eine entsprechende Fortbildung der Lehrkräfte und eine Einbindung ins pädagogische Konzept der Schule wichtig. Auch das Ministerium betont die positive Wirkung, die der Einsatz von Tieren im Unterricht auf Schüler*innen habe. Er könne der Förderung der emotional-sozialen wie auch der allgemein geistigen Entwicklung dienen. „Ein wertschätzender, verantwortungsvoller Umgang mit anderen Lebewesen verbessert das soziale Klima in den Klassen und ist die Basis einer starken Schulkultur“, heißt es dazu weiter aus dem Schulministerium.
Neben engagierten Lehrkräften müssen auch die Eltern mitziehen – und die Hunde. „Qualitätssicherung ist wichtig“, betont Lydia Tuschmann und setzt auf „Ausbildung so früh wie möglich und so lange wie möglich“. Man müsse auch die Entwicklungsphasen der Hunde berücksichtigen. Wenn Kinder sich mal vergreifen, zu fest zupacken, krampfen oder schreien, kollidiert der Einsatz als Schulhund auch mal mit dem Tierschutz. „Man muss die Hunde schon sehr gut kennen und merkt ihnen dann an, wenn  sie keinen Bock mehr haben“, sagt Lydia Tuschmann. Die Körpersprache des Tieres lesen zu können, vermittelt sie auch ihren Schüler*innen. Auch die müssen lernen, wo die Grenzen sind, lernen, dass sie auch Verantwortung für den Vierbeiner haben.
Bei Spaziergängen in der Stadt werden Alltagssituationen trainiert. Darf der Hund  mit ins Geschäft? Darf er frei laufen? „Schüler*innen sind schon auf Leute zugegangen, die ihren Hund nicht angeleint hatten, aus Angst er könnte auf die Straße laufen“, schildert Lydia Tuschmann eine Szene. Ihre Schüler*innen – oft selbst auf Hilfe angewiesen – fühlen sich verantwortlich, beweisen soziale Kompetenz und Empathie.

Blinzeln heißt: Ich will nichts Böses

In der Inklusionsgruppe des Gymnasiums Hohenlimburg sitzen die Schüler*innen im Halbkreis. Dr. Sabine Kersken stellt den Wassernapf hin. „Darf ich ihn vollmachen?“, fragt eine Schülerin. Eine andere hängt das Schild mit dem Bild Nanas an die Tür: „Ich bin auch hier.“ Damit niemand unvorbereitet auf den Hund trifft und sich oder das Tier erschreckt. Vorstellungsrunde: Jeder ruft Nana, gibt dem Pudel ein Leckerli. Der kann schon mal schnuppern, sich orientieren, mit wem er es heute zu tun hat. Für die Schüler*innen bedeutet das Disziplin. Sie haben im Umgang mit dem Schulhund gelernt, dass es keinen Sinn macht, durcheinander zu rufen. Das verwirrt Nana. Sie weiß dann nicht, wohin sie gehen soll.
Wenn die Schüler*innen mit angewinkelten Knien in einer Reihe sitzen, läuft Nana durch den Tunnel aus Beinen. Die Schüler*innen benennen Körperteile, die der Hund dabei berührt. So fes-tigen die Fünft- und Sechstklässer*innen ihre sprachliche Kompetenz. In Rollenspielen haben sie vorher geübt, wie sie dem Hund begegnen; sie haben gelernt, sein Verhalten zu lesen, um zu wissen, wie Nana „drauf ist“. Wenn der Zwergpudel blinzelt, ist auch Ömer ganz entspannt und weiß: „Sie will nichts Böses.“ In der Gruppe geht es ruhig zu. Die Lautstärke ist moderat, laufen oder trampeln ist nicht. Die Schüler*innen nehmen Rücksicht, haben Regeln verinnerlicht. Im Unterricht setzt Dr. Sabine Kersken den Pudel mit Satteltaschen auch als Boten ein, um Arbeitsblätter zu verteilen. Auch dabei geht es ruhig und diszipliniert zu. Klar, Nana wüsste ja sonst nicht, wohin sie zuerst laufen müsste.
Beobachtungen wie im Unterricht hat Dr. Sabine Kersken auch im Kollegium gemacht. „Im Lehrerzimmer ist die Atmosphäre entspannter mit Hund. Man wundert sich, wer sich alles kümmert und sich mit Nana beschäftigt.“


Rüdiger Kahlke

freier Journalist

Fotos: Patrick Lienin / photocase.de; R. Kahlke

 

Ziele der hundegestützten Arbeit

Im Schulhundekonzept der Offenen Ganztagsschule Am Elbsee in Hilden ist festgehalten, welche positiven Effekte die Anwesenheit der Hunde im Unterricht hat. Die Ziele der Arbeit mit den Vierbeinern sind:

  • der richtige Umgang mit dem Hund
  • Rücksichtnahme auf Bedürfnisse anderer
  • Abbau von Ängsten                                                            
  • Umgang mit Strukturen, Grenzen und Regeln
  • Stärkung von Selbstvertrauen und Selbst-bewusstsein
  • Verbesserung von Gruppensituationen                                               
  • Förderung von Emotionalität und Sozial-verhalten
  • Optimierung des Lern- und Arbeitsverhaltens
  • Förderung der Wahrnehmung
  • Förderung der Motorik
  • der Hund als Motivator bei der Vermittlung schulischer Inhalte


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