Berufseinstieg und Rente: Generation Sorglos?

Berufseinstieg und Rente

Dass eine einzige Begegnung meine Perspektive auf Altersvorsorge ändern würde, hätte ich nicht gedacht, als ich im Juni 2013 eine Bochumerin besuchte, die ihre bettlägerige Mutter pflegte – zu dem Zeitpunkt schon seit neun Jahren. Keine Freizeit, kein Beruf, wenig Privatleben. Stattdessen Tag-und-Nacht-Betreuung, inklusive waschen und kochen. Aufopfernde Liebe, weil das Geld für private Pflege nie gereicht hatte.

Nach vier Stunden mit der damals 52-Jährigen und ihrer Mutter fühlte ich vor allem zwei Dinge: Bewunderung und Angst. Bewunderung, weil die beiden ein eingespieltes Team waren und die Frau trotz des Fulltime-Pflegejobs mit ihrem Leben zufrieden zu sein schien. Angst, weil ich nicht wollte, dass mein Kind eines Tages das eigene Leben für mich aufopfern würde, weil meine Rente nicht reicht. Also schloss ich, gerade neben dem Studium im Job als Journalistin gestartet, mit Anfang 20 eine Pflegeversicherung und damit meine erste eigens entschiedene Altersvorsorge ab. Auf Studierendenbasis und mit flexibler Laufzeit, damit sie zu meinem noch unausgereiften Lebensmodell passte.

Sparen für übermorgen oder doch lieber ein Zimmer auf Bali?

Altersvorsorge ist auch für uns unter 35-Jährige möglich, wenn sie sich denn mit dem Thema beschäftigen wollen. Medien werben dafür mit Stichwörtern wie „Strategie zum Zurücklegen“. Doch wenn wir ehrlich sind, fehlt es uns jungen Leuten oft einfach an Motivation, vorzusorgen. Viele junge Menschen der Generation Y leben im Hier und Jetzt. Carpe diem forever und so. Bei Dingen wie Riesterrente, Bausparvertrag oder Rentengarantiezeit rollen wir mit den Augen, das finden wir „lame“. Andere wiederum investieren Zeit und Geld lieber in Aktienfonds, das macht wenigstens Spaß und bringt einen gewissen Kick. Das „Handelsblatt“ schreibt, man solle so früh wie möglich mit dem Sparen anfangen. Schließe man beispielsweise mit 20 Jahren eine Rentenversicherung über den Betrag von 16,20 Euro mit einer Garantiezeit von zehn Jahren ab, bekäme man später 100,- Euro monatlich mehr raus. Da klingt ein Zimmer auf Bali für denselben Preis doch irgendwie verlockender. Unser Struggle, also womit wir ringen, ist nicht per se, an die Zukunft zu denken. Wir sehen schlichtweg den Sinn nicht im stupiden Geldsparen. Und ausgerechnet die Sinnsuche ist der größte Identitätspunkt dieser Generation.

Wir brauchen eine Garantie für weniger Zukunftsangst

In jungen Jahren ist das Alter oft so unnahbar, dass wir mit hypothetischen Rentenideen nicht klarkommen. Wir sind in der Digitalisierung zu Hause und wir halten künstliche Intelligenz nicht für ein Hirngespinst, sondern wissen, dass sie die Arbeitswelt verändern wird – natürlich ist es vor diesem Hintergrund wichtig, sich über die Zukunft Gedanken zu machen. 2020 sollen Frauen eine Lebenserwartung von 84 Jahren haben, Männer von 79 Jahren. Studien der Gewerkschaft ver.di zufolge liegt bis dahin der zu erwartende Rentenbetrag für mindestens jede*n Zweite*n bei unter 1.000,- Euro. In den westlichen Bundesländern wären 58 Prozent der Renter*innen betroffen, im Osten sogar 70 Prozent. Wenn sich das bewahrheitet, haben sehr viele Menschen im Alter verdammt wenig Geld zur Verfügung. Um dies zu verhindern, muss jedoch nicht nur ein Umdenken in den Köpfen der Menschen stattfinden – auch die Politik in Deutschland muss uns helfen: bei der Vorsorge an sich sowie bei der Motivation, vorzusorgen. Eine Idee wäre, nicht nur über ein bedingungsloses Grundeinkommen nachzudenken, wie es von vielen Politiker*innen derzeit getan wird, sondern auch über eine monatliche Grundrente. Denn im Hier und Jetzt arbeiten wir und verdienen das Geld, das wir dann für teure Stadtmieten oder hippe Urlaubstrips mit Instagram-Faktor ausgeben. Gebe es eine für uns unantastbare monatliche Grundrente, könnten wir möglicherweise mit weniger Zukunftsangst und mehr Motivation an das Thema Altersvorsorge herangehen. Schließlich weiß ich von meiner Pflegeversicherung: Für manches brauchen wir Jungen eben einen Schubs.


Laura Waßermann

Journalistin aus Bochum und 1992 geboren, mitten hinein in die Generation Y.

Foto: manun / photocase.de

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