Lehrer*innen: Pausenlos im Einsatz

Erholung für Lehrer*innen

„Was keine Pause kennt, ist nicht dauerhaft.“ Das wusste schon der römische Epiker Ovid. Doch wie und wo verbringen Lehrer*innen eigentlich ihre Schulpausen? Ist unterrichtsfreie Zeit auch Pause? Wie wirken sich fehlende Pausen auf das Engagement am Arbeitsplatz Schule aus? Und was muss sich strukturell ändern, damit nachhaltige Erholung möglich wird?

Lehrer*innen: Pausenlos im Einsatz

Ich treffe Gesamtschullehrer Steffen Himmel* in der kleinen Pause um 8.45 Uhr vor dem Lehrer*innenzimmer und werde ihn zwei Pausen lang begleiten. Auf dem Flur laufen nervöse Schüler*innen auf und ab und warten auf die Verkündung ihrer Abitur- oder Abschlussprüfungsnoten. Steffen Himmel fragt im Vorbeigehen bei einem seiner Schüler nach dem Stand der Dinge. Wir betreten das Lehrer*innenzimmer, sind kaum zwischen den Tischinseln eingetaucht, schon wird der Lehrer von einem Kollegen angesprochen. Pause heißt hier unterrichtsfrei und das bedeutet Organisation und Kommunikation und vor allem: kaum Zeit für sich selbst. Die Tür zum Lehrer*innenzimmer öffnet sich automatisch – ein Zeichen von Offenheit. „Gesamtschule ist Beziehungsarbeit“, sagt Steffen Himmel. Die Schüler*innen haben Zutritt, allerdings nur alleine oder maximal zu zweit und mit dem konkreten Ziel, eine Lehrkraft anzusprechen.
Im Gymnasium Vogelsang in Solingen hingegen gibt schon die Architektur eine gewisse Abgrenzung vor. Das Schulgebäude verfügt über halbversetzte Etagen und das Lehrer*innenzimmer befindet sich auf der
untersten Ebene, zu der man nur über eine Treppe gelangt. „Die Schüler*innen sind aufgefordert, an der Treppe zu warten und eine Lehrkraft anzusprechen. Notfälle natürlich ausgenommen“, erklärt Schulleiter Stephan Mertens.

Setzen Sie sich Grenzen!

Zurück an der Gesamtschule: In Begleitung seines Kollegen laufen wir in das nahegelegene Arbeitszimmer von Steffen Himmel, das er sich mit einer Kollegin teilt. Das Zimmer ist klein, die Schreibtische sind voll, aber es ist ein Rückzugsort. Der Lehrer nutzt sein Büro auch zur Unterrichtsvorbereitung und empfindet das als große Erleichterung. „Andererseits weiß so immer jeder, wo ich bin“, lacht er. Beide verfügen nur deshalb über dieses Büro, weil sie in ihrer unterrichtsfreien Zeit Sonderaufgaben erledigen. Steffen Himmel koordiniert unter anderem die über 30 Arbeitsgemeinschaften der Gesamtschule.
Der Lehrer übergibt seinem Kollegen Plakate und Flyer, nach kurzer Absprache laufen wir weiter durch die Schule. Aus jeder Ecke des verwinkelten Gebäudes kommen Schüler*innen auf uns zu. Der aufsteigende Lärmpegel wird auch von den zahlreichen Pflanzen nicht geschluckt, dank der Oberlichter werden müde Montagsgesichter munter. Die Atmosphäre ist geschäftig, aber freundlich und offen. Zwei Schülerinnen steuern auf uns zu und bitten Steffen Himmel um Hilfe: Für den Projektkurs Sport ist eine Kindergartengruppe abgesprungen. Jetzt muss Ersatz her. Der Lehrer weiß sofort, worum es geht, bekam er doch schon gestern Abend eine SMS mit der Bitte um Hilfe.
Soziologe Dr. Frank Mußmann von der Georg-August-Universität in Göttingen warnt vor diesem Trend zur „Entgrenzung der Arbeit“, von dem die Personengruppe der Lehrkräfte am meisten betroffen ist. Der Arbeitswissenschaftler rät dazu, wo es möglich ist, die Entgrenzung zurückzufahren, sei es durch die Trennung von privatem und dienstlichem Telefon- und E-Mailverkehr oder durch die Festlegung von Sprechstunden mit klaren Kommunikationszeiträumen. So handhabt das auch Steffen Himmel: „Die Schüler*innen haben meine Handynummer, im Klassen-Chat möchte ich aber explizit nicht drin sein. Wichtige Informationen schicke ich an eine Person, von dort aus gehen sie an die Klasse.“
Steffen Himmel und ich passieren erneut die helle Pausenhalle und treffen einige seiner Schüler*innen, in deren Klasse er gleich Philosophie unterrichtet. „Linus, bildet schon mal Vierergruppen und fangt an zu arbeiten, ich komme gleich“, ruft er einem großgewachsenen Schüler zu. Der signalisiert, dass er verstanden hat. Wir entern eine andere Klasse und akquirieren neun Schüler*innen für das Sportprojekt der Mitschülerin. Ist es nicht anstrengend, ständig kommunizieren zu müssen? „Ja und nein“, antwortet Steffen Himmel. „Vor allem macht es Spaß, weil ich eine Verbundenheit mit meinen Schüler*innen spüre.“ Gegessen hat er noch nichts. Am Morgen zuhause haben seine eigenen Kinder vollen Einsatz gefordert, einzig ein Kaffee auf dem Weg zur Arbeit war drin. Jetzt spurtet der Lehrer in den Klassenraum zum Philosophieunterricht.

Lehrer*innen: Pausenlos im Einsatz

Große Pause – das klingt vielversprechend

Dass Steffen Himmel es in der großen Pause die Treppe runterschafft, ohne angesprochen zu werden, grenzt an ein Wunder. Schüler*innen und Lehrkräfte schieben aneinander vorbei durch die Flure, wir tauchen ein in den Pulk und bringen Unterlagen in sein Arbeitszimmer. Wie lange dauert eigentlich sein Arbeitstag in der Schule? „Meist von halb acht bis 16 Uhr. Oft bin ich erst um halb fünf hier raus, weil ich mich noch mit Kolleg*innen absprechen muss.“ Pause hat er dann nicht, obwohl „die Akkus leer sind“, denn zuhause wartet das Familienleben. „Gut daran ist, dass ich dann nicht direkt E-Mails checken oder weiterarbeiten kann, andererseits muss ich in den Korrekturphasen spätabends noch einmal an den Schreibtisch.“
Dr. Frank Mußmann macht deutlich, dass das auch anders sein kann, denn Ausprägungen betreffen meist nicht 100 Prozent einer Personengruppe, sondern es gibt Streuungen in beide Richtungen. Die Arbeitszeiten einiger Lehrer*innen liegen deutlich oberhalb der Norm, bei anderen liegen sie deutlich darunter. Während wir reden, sortiert Steffen Himmel Unterlagen auf einem Tisch vor seinem Büro. Der Lehrer wirkt trotz der vielen Aufgaben sehr ruhig und wenig gestresst.

Maßgeschneiderte Lösungen sind zeitgemäß

Um die Pausensituation für Lehrkräfte zu entzerren, kann eine Verlängerung der Pausenzeiten helfen. So macht es zum Beispiel das Solinger Gymnasium Vogelsang: „Durch unser Zeitraster von 67 Unterrichtsminuten haben wir die kleinen Pausen von fünf auf acht Minuten verlängert und meine Kolleg*innen spiegeln mir, dass die Wechselpausen dadurch entspannter ablaufen“, erzählt Schulleiter Stephan Mertens. 86 Prozent aller Lehrkräfte fühlen sich durch fehlende Erholung in den Schulpausen eher stark beansprucht. Das zeigt die „Arbeitsbelastungsstudie an niedersächsischen Schulen 2016“, die Dr. Frank Mußmann durchgeführt hat. Die vermeintlichen Pausen sind hauptsächlich dafür gedacht, einen Raumwechsel und Gespräche mit Schüler*innen, aber auch immer wieder Elterngespräche durchzuführen und pädagogische Kommunikation stattfinden zu lassen.
Steffen, weißt du...? Herr Himmel, kann ich...? Hast du Elke gesehen? Ich fahre jetzt in die Grundschule... Aus allen Ecken rufen sie sich Fragen oder Informationen zu. „Das ist Alltag, so ist das immer hier“, lacht Steffen Himmel. Wir sind wieder im Lehrer*innenzimmer angelangt. In der großen Pause ist hier deutlich mehr los als in der kleinen: Kolleg*innen eilen hinein und hinaus, balancieren Arbeitsmaterial auf dem Arm oder ziehen Rollkoffer hinter sich her. In der separaten Küche wird Kaffee gekocht, manche beißen in ihr Brot, andere reden in Kleingruppen. Rund 150 Lehrer*innen arbeiten hier, sind aber dank des Stundenrasters nie alle auf einmal da. In Ruhe gearbeitet werden kann außerdem in einem separaten Arbeitszimmer.
Wieder auf dem Flur treffen wir eine Kollegin, die ebenfalls über die neue Sportsituation informiert werden muss. Ein anderer Lehrer gesellt sich dazu: „Steffen, hast du den Raum hinter der Aula für morgen geblockt?“ Eine Schülerin fragt sichtlich nervös nach ihrem Notenstand. Steffen Himmel redet beruhigend auf sie ein und verspricht Klärung. Mittlerweile hat er eine Brezel gegessen, die ihm eine Kollegin angeboten hat. Es ist 9.45 Uhr.
Wird er eine Mittagspause machen? „Die Stundenplanorganisation ist gehalten, jeder Lehrkraft, die in der fünften, sechsten und siebten Stunde hier ist, eine Stunde zu blocken, um in die Mensa essen gehen zu können“, erklärt der Lehrer, „und das nutze ich auch.“ Ich begleite Steffen Himmel noch bis zum nächsten Klassenraum und verabschiede mich. Es ist kurz vor 10 Uhr. Ich bin völlig geschafft von all den Eindrücken, dem Lärmpegel, dem Tempo und den vielen Menschen. Ich brauche eine Pause und ich kann sie mir nehmen. Aber können Lehrer*innen das auch?

Ihr könnt euch doch in den Ferien erholen!

„Ihr habt doch dauernd Ferien!“ Lehrer*innen schüttelt es bei solchen Aussagen. „Alle Ferien – die Sommerferien ausgenommen – sind je nach Schulform für bis zu 30 Prozent der Lehrkräfte intensive Arbeitsphasen“, so Dr. Frank Mußmann. Das betrifft vor allem Lehrer*innen mit korrektur-intensiven Fächern, die oft an allen Werktagen in den Herbst- oder Osterferien durcharbeiten. Die Sommerferien sind meist komplett frei, bis auf die Planung neuer Unterrichtsreihen.
„Wichtiger sind tägliche Erholungsphasen“, macht Nicole Lazar, Diplom-Psychologin am Institut für Betriebliche Gesundheitsförderung in Köln, klar. Auf Basis der Erhebungsdaten des „iga.Report 34: Regeneration, Erholung, Pausengestaltung – alte Rezepte für moderne Arbeitswelten?“ empfiehlt sie, Erholung nicht auf eine Phase im Sommer zu konzentrieren. Menschen brauchen den Wechsel zwischen Anspannung und Entspannung, doch für Lehrer*innen ist es oft schwierig, Pausen einzulegen. Darunter leidet die Konzentrationsfähigkeit, die Fehlerhäufigkeit nimmt zu und die Kreativität ab. „Gerade engagierte Beschäftigte arbeiten oft über ihre Belastungsgrenzen hinaus. Wir sprechen hier von interessierter Selbstgefährdung“, so die Psychologin.

Langfristig gesund durch den Schullalltag

Das Gymnasium Vogelsang in Solingen richtet nach Möglichkeit unterrichtsfreie Tage ein und mindert so die Belastung durch strukturelle Gegebenheiten besonders bei Kolleg*innen, die häufiger am Nachmittag eingesetzt werden oder keine volle Stelle besetzen. „Das wird sehr geschätzt“, weiß Schulleiter Stephan Mertens. Trotzdem ist Wochenendarbeit für Lehrer*innen die Regel. „Es gibt keine klassische Fünftage-woche, sondern einen hohen Druck zur Sechs- oder Siebentagewoche. Studien zeigen es: In der Regel arbeiten Lehrer*innen auch am Sonntag vier bis fünf Stunden“, sagt Dr. Frank Mußmann.
Dr. Torsten Habbel, Schulleiter der Gesamtschule Havixbeck, ist es wichtig, für seine rund 100 Kolleg*innen gute Arbeitsbedingungen, aber auch wertvolle Ruhephasen zu schaffen. Ein Element ist der Ruheraum, der nach einer Untersuchung zur Lehrer*innengesundheit an der Schule entstanden ist. Dafür wurden Durchgangsräume und das Dachgeschoss nach den Bedürfnissen der Lehrer*innen umgestaltet. In den Freistunden nutzt ein fester Stamm von Kolleg*innen den Ruheraum, der mit Sesseln mit Massagefunktion und Liegen ausgestattet ist, die man durch Paravents abtrennen kann. „Die Kolleg*innen erkennen einander schon anhand des Atmens“, lacht der Schulleiter. Seit sechs Jahren ist der Raum eine Selbstverständlichkeit – auch für die Schüler*innen, die ihre Lehrer*innen in der Pause nicht stören.


Roma Hering
freie Journalistin

Foto: morningside, kallejipp  / photocase.de

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