Sucht in der Familie: Symptome erkennen – Kinder stärken

Kinder aus suchtbelasteten Familien

Psychische Störungen sind in der Bevölkerung weit verbreitet, meist aber noch tabuisiert. Etwa ein Drittel der erwachsenen Bevölkerung leidet an einer behandlungsbedürftigen psychischen Störung. Neben Depressionen und Angststörungen sind Suchterkrankungen besonders häufig. Nicht selten sind die Betroffenen Eltern. Welche Folgen hat die Suchterkrankung für ihre Kinder? Und welche Rolle spielen die Schule und Pädagog*innen in solchen Fällen?

Besonders verbreitet in der erwachsenen Bevölkerung sind Abhängigkeiten von Alkohol und Tabak, gefolgt von cannabisbezogenen Störungen. Aber auch Verhaltenssüchte wie Glücks- oder Computerspielsucht sind in den letzten Jahren häufiger geworden. Für 2016 ist von folgenden Betroffenenzahlen auszugehen:

  • 1,7 Millionen Alkoholabhängige
  • 1,6 Millionen Alkoholmissbrauchende
  • 0,3 Millionen Cannabisabhängige
  • 0,2 Millionen Heroin- und Opiatabhängige
  • 0,8 Millionen Glücksspielsüchtige
  • 0,7 Millionen Internetsüchtige

Bei dieser Vielzahl erwachsener Suchtkranker sind natürlich auch viele Kinder dem elterlichen Problem exponiert, sowohl pränatal in der Schwangerschaft als auch postnatal während Kindheit und Jugend. Kinder in suchtbelasteten Familien sind einem besonderen Risiko ausgesetzt, psychische Schäden zu erleiden. Alkoholkranke Eltern haben fast genauso oft und genauso viele Kinder wie Nicht-Alkoholkranke. Bei Drogenabhängigen ist die Kinderzahl meist niedriger, Ausnahme hier sind Methamphetaminabhängige. Sie haben im Durchschnitt mehr Kinder als die gleichaltrige Normalbevölkerung. Insgesamt ist von bis zu 2,65 Millionen Kindern und Jugendlichen auszugehen, deren Eltern – zumindest zeitweise –
ein relevantes Alkoholproblem in Form von Abhängigkeit oder Missbrauch aufweisen.

Betroffene Kinder unter Dauerstress

In der Umwelt der Kinder suchtkranker Eltern bestehen zahlreiche Risikofaktoren für das Wohlergehen und die Gesundheit der Kinder. Mehr als ein Drittel von ihnen entwickelt selbst eine Suchtstörung, vor allem in Bezug auf Alkohol oder Drogen. Häufig liegen auch Störungen des Essverhaltens vor. Ein knappes Drittel entwickelt andere psychische Störungen, vor allem ADHS, Depression, Angststörungen sowie Auffälligkeiten der Persönlichkeit. Die Hauptprobleme für Kinder suchtkranker Eltern bestehen in einem erhöhten chronischen Stressniveau innerhalb der Familie und in der starken Volatilität – also der schnellen Veränderlichkeit – des Elternverhaltens unter dem Substanzeinfluss.
Beim dysfunktionalen Familienstress wird zwischen dem Toleranzstress und dem Katastrophenstress unterschieden. Toleranzstress bedeutet, dass Kinder dauerhaft Belastungen ausgesetzt sind, die für sie grundsätzlich nicht lange aushaltbar sind, zum Beispiel Disharmonie, Streit, Gewalt, Instabilität, Unberechenbarkeit oder Beziehungskälte. Da aber Angriff oder Flucht als übliche Stressreaktionen nicht möglich sind, entsteht ein ungesunder Dauerstress, der sich in körperlichen Folgen oder in psychischen Folgen ausdrücken kann: Oft leiden die Kinder beispielsweise unter Muskelverkrampfung, Kopf- und Bauchschmerzen, Angst, Depressivität, Selbstabwertung oder Schuldvorwürfen. Diese Reaktionen gelten wiederum als Vorstufe späterer Verhaltensauffälligkeiten und psychischer Störungen beim Kind. Zu Recht gelten Kinder in psychisch dysfunktionalen Systemen als „schwächstes Glied“ und zeigen daher häufig als erste Störungssymptome. Unter Katastrophenstress sind Ereignisse in suchtbelasteten Familien zu verstehen, die unerwartet und plötzlich auftreten. Dazu gehören Unfälle, Suizidversuche und Inhaftierungen der betroffenen Elternteile genauso wie Arbeitsplatzverlust und Trennungen der Eltern. All diese Ereignisse wirken sich auf die Kinder aus im Sinne eines erhöhten Stressniveaus, auf welches häufig mit Angst, Unsicherheit und Rückzug reagiert wird. Auch erhöhte Quoten für selbstverletzendes und parasuizidales Verhalten sind bei den betroffenen Kindern und Jugendlichen bekannt.
In der Folge entwickeln Kinder und Jugendliche in Suchtfamilien oft Anpassungsmuster, die in der Übernahme von Elternaufgaben (Parenti-fizierung), in abweichendem, aggressivem Verhalten (Dissozialität) oder selbstverletzendem Verhalten (Autoaggressivität) bestehen können. Für Fachkräfte im Umfeld gilt es, die Hintergründe dieser Verhaltensweisen zu erkennen, sensibel und einfühlsam zu reagieren und dem Kind längerfristige Beziehungs- und Vertrauensangebote zu machen.

Symptome der Kinder erkennen

Die möglichen Verhaltensauffälligkeiten der betroffenen Kinder sind vielfältig und nicht selten schwierig zu interpretieren. Neben einem verstärkten Rückzug können früher Missbrauch von Substanzen wie Tabak, Alkohol oder Cannabis, gestörtes Essverhalten, Selbstwertprobleme, Aggressivität und Persönlichkeitsentwicklungsstörungen vorherrschende Symptome sein. Aber auch Vernachlässigungssymptome seitens der Eltern hinsichtlich Ernährung, Kleidung, Pflege und Zuwendung können relevante Hinweise sein. Auf jeden Fall sollten Lehrer*innen ihre Wahrnehmungen hinsichtlich möglicherweise gefährdeter Kinder interkollegial beraten und austauschen, ihre Hypothesen durch Beobachtung und Befragung zu validieren versuchen und sich dem Kind vertrauensvoll zuwenden, ohne es zu überfordern, wenn es um Öffnung und Mitteilsamkeit geht. Nonverbal geäußerte Zuwendung und Hinwendung sind gerade in der Anfangsphase wichtiger als allzu bedrängende Befragungen. Wenn Kinder und Jugendliche sich frühzeitig und altersunangemessen mit Alkohol und Drogen auskennen und Detailkenntnisse aufweisen, ist dies auf jeden Fall ein ernst zu nehmender Warnhinweis auf mögliche familiale Suchtbelastungen.

Die psychische Gesundheit stärken

Schule ist der regelhafte Ort, an dem Kinder aus allen sozialen Schichten und allen familiären Lagen zusammenkommen. Dies bedeutet für Kinder suchtkranker Eltern Chance und Risiko
zugleich. Die Chancen bestehen vor allem in angemessenen sozialen Lernerfahrungen und Selbstwertbestätigungen, etwa durch gute Leistungen. Die Risiken sind Ausgrenzung, Stigmatisierung und Bullying. Lehrkräfte sollten, besonders mit Blick auf die Risiken, sensibel sein und schützend für benachteiligte Kinder eingreifen. Aus der Resilienzforschung ist bekannt, dass eine dauerhafte, positive und akzeptierende Zuwendung betroffenen Kindern hilft und ihre  psychische Stressresistenz fördert. In schwerwiegenden Fällen können Lehrkräfte bei den örtlichen Suchtberatungsstellen oder den erfahrenen Fachkräften der Jugendhilfe Fallberatung anfragen. Auch online ist das Informations- und Beratungsangebot groß. Lehrkräfte können keine Therapien durchführen, aber hilfreiche und präventive Prozesse anstoßen sowie in der Resilienzförderung eine wichtige Rolle spielen.
Wichtig ist, dass Lehrkräfte sich nicht mit vorschnellen Reaktionen überfordern, außer es ist von einer akuten Kindeswohlgefährdung auszugehen. Vorzuziehen sind langfristig angelegte Hilfe- und Unterstützungskonzepte für betroffene Kinder und Jugendliche im Sinne selektiver Prävention für Risikogruppen und Frühinter-
vention. Suchtkranke Eltern sollten günstigenfalls eine therapeutische Behandlung aufsuchen. Die Bereitschaft dazu wird aufgrund der Eigendynamik der Suchterkrankung – Abwehr, Scham, Schuldgefühle, Realitätsverzerrung – anfänglich meist nur durch Fremdmotivierung zu erzeugen sein, also durch sozialen Druck seitens Partner*in, Ärzt*in, Jugendamt oder Arbeitgeber. Grundsätzlich befinden sich Suchtkranke lange in einem ambivalenten Prozess der Motivation. Gegenüber Externen reagieren sie anfänglich und teilweise auch über längere Zeit mit Abwehr, Leugnung oder Aggression, wenn sie auf ihr Suchtproblem angepsrochen werden. Darauf sollten Pädagog*innen eingestellt sein und ihre Interventionen mit Schulleitung, Beratungslehrkräften, Schulsozialarbeiter*innen oder externen Fachkräften zum Wohle des betroffenen Kindes abstimmen.
Lehrkräfte sind in ihrer Aus- und Weiterbildung selten auf psychische Problemlagen von Kindern oder gar deren Eltern vorbereitet, obwohl diese einen großen Einfluss auf Schulerfolg und psychisches Wohlergehen haben können. Schule muss hier sensibler für die Psyche von Kindern und Jugendlichen und die biografischen und familialen Hintergründe werden. Dies kann durch gezielte Fort- und Weiterbildungsmaßnahmen im Themenbereich Sucht, psychische Störungen, Familie und Kinder geschehen. Psychische Störungen der Eltern sind der größte Risikofaktor für psychische Störungen von Kindern und Jugendlichen und bedingen damit auch oft Schulleistungsprobleme und -versagen sowie Verhaltensauffälligkeiten im Schulkontext. Betroffene Kinder brauchen frühzeitige und nachhaltige Hilfen, ohne in ihrer Situation stigmatisiert zu werden. Wichtig sind zudem der weitere Ausbau und das flächendeckende Angebot von Präventions- und Hilfemaßnahmen.  
Pädagog*innen sollten ihre spezielle Rolle und Chance bei der Förderung und Entwicklung der psychischen Gesundheit von Kindern und Jugendlichen wahrnehmen und intensivieren. Da die Entwicklung psychischer Gesundheit von Kindern nicht ohne Förderung der Lehrer*innen- und Systemgesundheit zu erreichen ist, sind hier weitgehende Veränderungen in der Realität notwendig – angefangen von der Lehrer*innenausbildung bis hin zur Supervision in der Schule. Zu bemängeln bleibt schließlich, dass psychische Gesundheit immer noch kein primär relevanter Inhalt von Schule ist. Dies ist im Zeitalter der digital vernetzten, modernen Welt, in der Gesundheit und Bildung untrennbar zusammenhängen und einander ergänzen, ein unhaltbarer Zustand. Wenn es Familien immer weniger gelingt, die psychische Gesundheit von Kindern zu fördern, ist Schule als Gegengewicht mehr denn je gefragt.

Prof. Dr. Michael Klein
Leiter des Masterstudiengangs Suchthilfe/Suchttherapie an der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen in Köln

Fotos: Airene, oculocentric / photocase.de

 

FITKIDS

Hilfe für Kinder, Eltern und Pädagog*innen

Seit 1996 beschäftigt sich die FITKIDS-Beratungsstelle in Wesel mit Kindern aus suchtbelasteten Lebensgemeinschaften und gibt ihr Fachwissen in einem mehrfach ausgezeichneten Organisationsentwicklungsprogramm an Suchtberatungsstellen in ganz Deutschland weiter. So ist ein bundesweites Netzwerk aus FITKIDS-Standorten mit Schwerpunkt in NRW entstanden, die auch Anlaufstelle für Erzieher*innen und Lehrkräfte sind.
In Deutschland sind mindestens drei Millionen Kinder und Jugendliche – also mindestens jedes sechste Kind – von einer Suchterkrankung eines oder beider Elternteile betroffen. Um diesen Kindern und Jugendlichen eine gesunde Entwicklung mit ihren Eltern zu ermöglichen, ist es wichtig, Fachkräfte, die in den verschiedenen Lebensbereichen von Familien tätig sind, für Lebenssituationen von Suchtfamilien zu sensibilisieren, auch wenn sie nicht im Suchthilfesystem tätig sind. So kann es beispielsweise Erzieher*innen und Lehrer*innen gelingen, diese Kinder leichter und eher in den Blick zu bekommen, um sie in passende Hilfen zu begleiten und Handlungssicherheit zu entwickeln.
Die FITKIDS-Standorte bieten Beratung und Unterstützung für Kinder und Jugendliche, für suchtkranke Eltern und für werdende Eltern. Aber auch Fachkräfte aus Kita, Schule sowie Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe finden hier speziell auf ihre Arbeit zugeschnittene Angebote:

  • Informations- und Fortbildungsveranstaltungen
  • suchtspezifische Fall- und Teamberatungen
  • Entwicklung von Handlungskonzepten und Arbeitshilfen

Infos zum FITKIDS-Programm sowie eine Übersicht aller Standorte gibt es unter www.fitkids.de. Infos zur Umsetzung des Programms gibt beispielhaft die Drogenberatungsstelle in Wesel: www.tinyurl.com/fitkids-wesel

Anja Heifel
nds-Redaktion

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