Schulwettbewerbe: Papierbrücken und Legoflitzer eröffnen neue Perspektiven

Schulwettbewerbe: Kick für Kreativität und Imagegewinn

„Den Gegner schachmatt setzen“, das macht für Luca den Reiz am Spiel und am Wettbewerb aus. Mit seinen Brüdern Marc und Tim sowie Freund Maximilian hatte sich der Zehnjährige von der Lindenhofschule in Halver für das Finale der deutschen Schachmeisterschaften für Grundschüler*innen qualifiziert. Das war schon ein großer Erfolg. Unter 70 Teams kamen sie auf Platz 24 – und wurden dafür in der Schule gefeiert.

Das Siegesgefühl kennen die Tüftler*innen am Albert-Schweitzer-Gymnasium (ASG) in Plettenberg. Sie haben im Frühjahr 2017 den Brückenbauwettbewerb der Universität Siegen gewonnen. Die nur 152 Gramm schwere Konstruktion aus Papier und Klebstoff hatte das 110-fache ihres Eigengewichts getragen. Schüler*innen und Schulen können sich auf vielen Feldern messen. Die Zahl der Schulwettbewerbe ist immens.

Jugend forscht und sammelt  Erfahrungen

„Jugend forscht“, 1965 vom damaligen Stern-Chefredakteur Henri Nannen ins Leben gerufen, ist einer der ältesten und renommiertesten Schulwettbewerbe. Den Bundessieger*innen winkt ein Preisgeld von 3.000,- Euro. Mal geht es um Geschichte, etwa beim Wettbewerb des Bundespräsidenten, mal um Design oder Literatur. Und auch um regionale Besonderheiten wie das beste Rezept für „Grüne Soße“ – ein Klassiker der hessischen Küche. Oft stehen aber die MINT-Fächer im Mittelpunkt.
Mit ihrem Brückenbauwettbewerb will die Siegener Universität Jugendlichen auf spielerische Weise einen ersten Einblick in die Fragestellungen der Bauingenieure vermitteln, heißt es in der Einladung zu dem Schüler*innenwettbewerb „Papierbrücken“. Neben 150,- Euro Preisgeld für das Siegesteam gewinnen die Teilnehmer*innen eine Menge an Erfahrung.

Wettbewerbe als Teil des Schulprogramms

Die Schüler*innen des Plettenberger ASG nehmen regelmäßig an Wettbewerben teil. Mit Hilfe der benachbarten Firma Novelis haben sie selbst ein Prüfgerät konstruiert, um die Brücken vorab testen zu können. Nebenan im Physikraum basteln Mitschüler*innen an einer Startrampe für Wasserraketen aus leeren PET-Flaschen. Sie suchen die optimale Lösung für lange Flugzeiten – und stellen sich dem Vergleich mit Teams anderer Schulen.
Auf der anderen Seite des Flures tüftelt die Roboter-AG an einem Parcours. Ein Fahrzeug aus Legoelementen muss, einmal programmiert, verschiedene Aufträge abarbeiten – eine komplexe Aufgabe. Die Schüler*innen trainieren im Team für den nächsten Wettbewerb, die „First Lego League“ (FLL). Das Gymnasium möchte Kinder und Jugendliche in einer sportlichen Atmosphäre an Wissenschaft und Technologie heranführen und ihnen den Zugang zu naturwissenschaftlichen Fächern erleichtern. „Die Begeisterung und Motivation für einen Ingenieur- oder IT-Beruf soll so früh geweckt werden“, so die Intention im Schulprogramm. Die Schüler*innen können während ihrer Schulzeit an elf Wettbewerben aus den Bereichen Sprachen, Mathematik, Biologie, Chemie und Technik teilnehmen.

Was motiviert Schüler*innen?

„Interesse“, sagt der 16-jährige Veli vom ASG, motiviere ihn. Wenn er an einem Projekt für einen Wettbewerb arbeitet, bekommt er Einblicke in schwierigere Aufgaben und zusätzliche Bereiche –
und das über den Unterricht hinaus. „Experimente durchführen und Statistiken auswerten. Man kann sich Sachen selbst beibringen“, lässt auch der gleichaltrige Florian Forschergeist erkennen.
Andere heben die Verbindung von Theorie und Praxis hervor. Da investieren sie gerne Freizeit, etwa um das Prüfgerät für die Papierbrücken mit den Novelis-Techniker*innen zu bauen, betont Julian. Der 18-Jährige mag den ganzheitlichen Ansatz: planen, bauen, anwenden, aber auch mit anderen zusammenarbeiten.
Gerade beim Brückenbau waren auch praktische Fähigkeiten gefragt, was manchen entgegenkomme. Die Drillinge aus Halver können in der Ganztagsgrundschule mit ihrem Hobby glänzen. Sie reizt die Konzentration, der Kick, mit einem Zug gewinnen zu können – oder zu verlieren.

Was nützt die Teilnahme den Schüler*innen?

Julian (ASG) bringt die Wettbewerbsteilnahme neue Erfahrungen und Bestätigung. „Wenn man lange darauf hingearbeitet hat, ist es umso schöner“, genießt er den Sieg beim Brückenbau. Die Arbeit mit den Techniker*innen habe ihm zudem gezeigt, wie in einem Unternehmen kooperiert werde. Für Veli aus der Roboter-AG klären sich die Berufsziele. Ein MINT-Fach als Studium, ja, aber Biologie hat er durch die Arbeit für den Roboterwettbewerb bereits ausgeschlossen. Auch Florian sieht neben dem Spaß am Entdecken die pragmatische Seite, „schneller studieren zu können. Man kann den NC verbessern, wenn man an Wettbewerben teilgenommen hat“, sagt er.
Claudia Limper-Stracke, Leiterin der Sekundarschule Olpe-Drolshagen, hat bei Schüler*innen „eine unglaubliche Energie und Dynamik“ festgestellt, „die auch die Berufswege von Schüler*innen beeinflusst hat“. Firmen, die Wettbewerbe betreut haben, hätten Schüler*innen danach gleich Ausbildungsplätze angeboten.

Was bringen Wettbewerbe für den Unterricht?

Versuche und Experimente, wie sie oft mit Wettbewerben verbunden sind, „sind gut für Schüler*innen, die gerne praktisch arbeiten“, sagt Bastian Rinke, MINT-Beauftragter am Plettenberger ASG. Wenn sich das Thema mit den Interessen decke, freuten sich die Schüler*innen auf die Herausforderung. „Das gilt auch für das Kollegium“, weiß Rinke und sieht darin einen Motivationskick für die Pädagog*innen, „wenn man merkt, es geht gut vorwärts.“ Erfolge – es muss ja nicht immer der erste Platz sein – weckt auch Interesse in den jüngeren Jahrgängen. „Es macht Spaß, mit interessierten Schüler*innen zu arbeiten“ und es sei schön zu sehen, wenn sich etwas entwickelt und das so weit als möglich in den Unterricht zu integrieren. „Es macht den Unterricht angenehmer“, betont Bastian Rinke.
Wettbewerbe haben eine pädagogische Funktion – davon ist Barbara Horvay, Leiterin der Gesamtschule Reichshof-Eckenhagen, überzeugt. „Sie ermutigen Schüler*innen und zeigen ihnen, was in ihnen steckt.“ Und: Diese Schüler*innen sind Vorbild für andere, Herausforderungen anzunehmen. „Der Erfolg ist auch wichtig für das Selbstvertrauen in anderen Bereichen“, sieht Monika Lauterbach, Leiterin der Halveraner Lindenhofschule, die Wettbewerbe als Beitrag zur Persönlichkeitsentwicklung der Grundschüler*innen.

Warum macht die Schule mit?

Für Elisabeth Minner, Leiterin des ASG, gibt es gute Gründe für die Teilnahme an Wettbewerben. Schule müsse die Schüler*innen an Herausforderungen heranführen, sie bekannt machen mit außerschulischen Feldern, ihre Kreativität fördern. Wettbewerbe sieht sie „als eine gute Möglichkeit, im Team zu lernen und mit Praktiker*innen in Kontakt zu kommen“. Schule soll aber auch Orientierung bieten: „Schule dient als Türöffner, um Schüler*innen auf andere Dinge aufmerksam zu machen.“
Wettbewerbe entfalteten eine Sogwirkung. „Man möchte gerne dabei sein“, sagt sie und verweist auf die große Resonanz beim Mathematik-Känguru-Wettbewerb. Von den 800 Schüler*innen am ASG nehmen jährlich etwa 500 am Wettbewerb teil, davon über 300 freiwillig. Zudem könnten Lehrkräfte und Eltern bei den Wettbewerben die Schüler*innen auch in anderen Rollen erleben.
Für Barbara Horvay sind Wettbewerbe auch ein Weg, Schüler*innen individuell zu fördern und somit Teil des Lehrauftrags. Sie hat den Spaßfaktor im Blick: „Wettbewerbe sind eine angenehme Unterbrechung der Unterrichtsroutine.“

Wie profitiert die Schule von Wettbewerben?

Sich mit anderen zu messen, ist auch ohne Sieg ein Gewinn. „Wir haben tolle Gespräche gehabt und viele Anregungen bekommen“, ist Claudia Limper-Strackes Resonanz nach dem Wettbewerb „Gute, gesunde Schule“. Ohne in die Endrunde gekommen zu sein, hat die Schule von den Ideen und Beispielen aus dem Wettbewerb und dem Austausch mit anderen Schulen profitiert.
Wettbewerbe schärfen das Profil. „Das tut den Schüler*innenn gut, das tut der Schule gut“, sagt Barbara Horvay. Auch für Monika Lauterbach ist klar: „Erfolge werden mit der Schule in Verbindung gebracht.“ Sie helfen zudem beim Werben um Schüler*innen und bei der Rekrutierung von Lehrkräften. „Planstellen zu besetzen ist kein Problem“, sagt Elisabeth Minner und sieht einen Grund dafür auch im guten Standing und den guten Arbeitsmöglichkeiten in der Schule. Sie verweist auf die starke Unterstützung durch den Förderverein. „Gute Leistungen pushen auch die Spendenbereitschaft“, da sieht sie durchaus einen Zusammenhang mit dem guten Abschneiden bei Wettbewerben.
Für Claudia Limper-Stracke „reicht es nicht, eine Plakette an die Tür zu hängen“. Eltern müssten spüren, „dass die Schule etwas bietet, den Anspruch und Ehrgeiz hat, gute Arbeit zu leisten. Wettbewerbe sind da ein Baustein“.

Rüdiger Kahlke
freier Journalist

Fotos: complize / photocase.de; R. Kahlke

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