Fachkompetenz verdient Anerkennung

Weiterbildung

Krankheit, Urlaub, Mutterschutz – was für festangestellte ArbeitnehmerInnen selbstverständlich ist, kann für Honorarkräfte in der Weiterbildung existenzbedrohend werden. Nach dem neuen Integrationsgesetz soll jeder Geflüchtete mit Bleibeperspektive beschult werden. Doch wer übernimmt diese Aufgabe auf Basis der aktuellen Honorarverträge? Die nds sprach mit zwei Lehrkräften und einem Gewerkschafter über die prekäre Situation der Beschäftigten und die Chancen.  

Dozentin Angelika Böhrer macht im Gespräch immer wieder deutlich, wie sehr sie sich Anerkennung für ihre geleistete Arbeit wünscht. Primär in monetärer Form, aber auch durch die Aufhebung der strukturellen Missachtung von Bund, Land und Kommune gegenüber freiberuflichen LehrerInnen im Weiterbildungssektor. „Und zwar nicht nur aus der momentanen Einsicht heraus, dass junge LehrerInnen nicht bereit sind unter solchen Bedingungen zu arbeiten. Auch aus Gerechtigkeit gegenüber den KollegInnen, denen seit Jahrzehnten Geld vorenthalten wurde.“
Sie und ihr Kollege Klaus Mautsch unterrichten Deutsch an der Volkshochschule in Köln. Als EinzelunternehmerInnen arbeiten sie selbstständig und beziehen dafür ein Honorar. Ihr Status entspricht nicht dem von Lehrkräften aus dem Regelschulsystem, was sich auch in der Entlohnung niederschlägt. Sie sind selbst und in vollem Umfang kranken-, pflege- und rentenversicherungspflichtig. Hinzu kommen die Versicherung gegen Erwerbslosigkeit, Berufshaftpflicht und Krankentagegeld. Wirtschaftlich ist das nicht. Verdient eine freiberufliche Lehrkraft mehr als 5.400,- Euro im Jahr, fließen 18,7 Prozent davon in die gesetzliche Rentenkasse ein. Sie profitieren nicht wie LehrerInnen im Regelschulbetrieb davon, dass der Arbeitgeber die Hälfte der Versicherungsbeiträge zahlt.
Im Jahr 2015 unterrichtete Angelika Böhrer 27 Wochenstunden, die Vor- und Nachbereitungszeit der Stunden nicht mit eingerechnet. Ihr Honorar betrug 21,- Euro, in diesem Jahr sind es 23,- Euro pro Stunde. Nach Abzug aller Steuern beläuft sich ihr monatlicher Nettoverdienst auf etwas über 1.000,- Euro. 

Selbständige ohne Lobby

Um die die Öffentlichkeit über die Arbeitsbedingungen zu informieren und eine bessere Vernetzung der Lehrkräfte zu gewährleisten, startete Angelika Böhrer zusammen mit KollegInnen Kreidefresser.org, eine Website, die auf die prekäre Situation der Lehrkräfte aufmerksam macht, deren Forderungen klar darlegt und mediale Berichterstattung dokumentiert.
Was Lehrkräfte in Sprach-und Integrationsklassen leisten müssen, ist eine komplexe Aufgabe. Sie vermitteln Deutschlernenden sprachliches und landeskundliches Wissen, bieten ihnen einen differenzierten Einblick in die deutsche Sprache und Kultur und helfen, das interkulturelle Verständnis zu fördern. Dabei treffen sie auf eine heterogene Zielgruppe, die sich in ihrer Herkunftssprache unterscheidet und sich in der Zielsprache noch nicht verständigen kann. Das heißt, alle Kommunikation läuft von Anfang an ausschließlich über die Lehrenden. FremdsprachenlehrerInnen an deutschen Regelschulen können bei Ratlosigkeit der SchülerInnen jederzeit auf Deutsch umschwenken. Diese Möglichkeit haben DozentInnen, die Deutsch als Zweitsprache unterrichten, nicht. Die KursteilnehmerInnen sind sowohl kulturell und gesellschaftlich als auch vom Stand der Bildung her höchst unterschiedlich sozialisiert. Divergierende Lernvoraussetzungen und -traditionen treffen auf Faktoren wie Alter, Bleibeperspektive, persönliches Engagement – und auch die Frage, ob die Teilnahme freiwillig oder verpflichtend geschieht.
Max-Georg Beier, Sprecher für Weiterbildung im Vorstand des GEW-Stadtverbands Köln, bringt es auf den Punkt: „Die LehrerInnen sind oft die ersten, mit denen die EinwanderInnen ohne behördlichen Hintergrund wertfrei reden. Sie begleiten Menschen auf dem Weg in ein neues Leben und sind LehrerInnen, Beratungs- und Vertrauenspersonen in einem.“ So bespricht Angelika Böhrer abseits des Unterrichts auch Briefe vom Jobcenter, während Klaus Mautsch mit seinen SchülerInnen Bewerbungsschreiben verfasst.

Kompetenz braucht Wertschätzung

„Wenn Medien über Integrationskurse berichten, wird oft ein falsches Bild vermittelt“, mahnt Angelika Böhrer. „Natürlich sind die vielen Ehrenamtlichen, die vor allem mit Geflüchteten arbeiten, eine Hilfe, wenn es um die erste Einführung in die Sprache geht, aber wir haben dafür studiert und spezielle Weiterbildungen besucht.Es ist die eine Sache sagen zu können ‚Das ist falsch.‘ und eine andere, die Begründung mitzuliefern.“ Zeitungsartikel oder Fernsehberichte, in denen eine Tafel gezeigt wird, auf der „das Auto“ steht, werden der komplexen Aufgabe der studierten Lehrkräfte nicht gerecht.
Neben den vielen neuen Integrationskurs-TeilnehmerInnen gab und gibt es andere, die auf professionellen Unterricht angewiesen sind, weil sie in Deutschland studieren oder arbeiten möchten. In den sogenannten Selbstzahlerkursen bei Dozent Klaus Mautsch lernen Menschen aus einer Vielzahl von Ländern gemeinsam Deutsch. Ihr Ziel ist häufig ein Sprachkursvisum zum Nachweis der Studierfähigkeit an einer deutschen Hochschule. „Die Verantwortung der DozentInnen ist enorm hoch, die Abbruchquote an Universitäten liegt bei 45 Prozent“, sagt Klaus Mautsch. Um Sprachkurse geben zu können, ist neben einem Fachstudium auch die Praxiserfahrung unerlässlich. Seit 20 Jahren unterrichtet der studierte Germanist und Literaturwissenschaftler „Deutsch als Fremdsprache“ an der Volkshochschule Köln und bei anderen Anbietern. Da das Sprachkurssystem kein benotetes System mit Testaten und Prüfungen ist, muss man als DozentIn in der Lage sein, KursteilnehmerInnen transparent über ihre Lernfortschritte zu informieren und über deren Äußerungen ihren Leistungsstand nach dem Gemeinsamen europäischen Refernzrahmen für Sprachen (GeR) zu bestimmen. Seine Arbeit und die seiner KollegInnen wird seit Jahren nicht adäquat honoriert. Oft mischen sich in sein Gefühl dazu Ärger und Wut, weil er seinen Lebensstandard immer weiter absenken muss. Die Relation von Lebenshaltungskosten und Einkommen sah am Beginn von Klaus Mautsches Tätigkeit weit besser aus: „Mein Honorarsatz von 1994 lag bei umgerechnet 20,50 Euro und heute liegt er gerade einen Euro darüber.“ Das macht deutlich, wie wenig sich Honorare in kommunaler Trägerschaft entwickelt haben.
Auch Angelika Böhrer hat „Deutsch als Fremdsprache“ studiert und unterrichtete vorher als Stipendiatin des Deutschen Akademischen Auslandsdienstes an einer Universität in Weißrussland Deutsch. Seit drei Jahren gibt sie hauptsächlich Integrationskurse an der Volkshochschule Köln. Inhaltlich war ihr klar, was für eine Art von Arbeit auf sie zukommt, neu waren ihr jedoch die prekären Rahmenbedingungen. „Dass das Honorar nicht die Welt ist, wusste ich. Mir war nur nicht klar, dass ich als hauptberuflich Lehrende auch Beiträge zur Rentenversicherung abführen muss.“ Trotz ihres Engagements für gerechte Bezahlung versucht sie nicht zu intensiv über ihre eigene Situation nachzudenken. Manchmal kommt aber doch der Ärger hoch, wenn sie statt zwei Wochen Erholungsurlaub gerade zwei Tage wegfahren kann. Rücklagen für Verdienstausfälle oder als Altersvorsorge zu bilden ist nicht möglich. „Ich muss gestehen: An dem Thema Altersarmut fühle ich mich mit Mitte 30 noch nicht so nah dran, obwohl mir rational klar ist, was auf mich zukommt. Das macht mich schon traurig.“

Fachkompetenz verdient Anerkennung

Honorare unter dem Minimum

Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) verspricht den IntegrationskursbesucherInnen regelmäßigen Unterricht und gut ausgebildete LehrerInnen. Eine hauseigene Bewertungskommission, zu der angeblich auch Kräfte aus der Praxis gehören sollen, setzt sich mit der Gestaltung der Kurse auseinander. „Lehrkräfte sind allerdings nicht darunter“, sagt Angelika Böhrer. „Man hört nur: Die Struktur wird verbessert und wir stecken mehr Geld in die Kurse. Faktisch wurden aber die Zulassungsbedingungen für Lehrkräfte abgesenkt und die Teilnehmerzahl von 20 auf 25 erhöht.“
Klaus Mautsch macht deutlich: „BerufseinsteigerInnen in Integrationskursen erhalten demnächst ein Honorar von 35,- Euro während langjährige DozentInnen für Deutsch als Fremd- und Deutsch als Zweitsprache wohl auf absehbare Zeit niedriger honoriert werden.“ Seit das BAMF 2005 die Integrationskurse vorgegeben hat, gibt es bei den unterschiedlichen Trägern eine vergleichbare Honorarstruktur, weil die Inhalte der Kurse für alle gleich sind.
Die meisten Weiterbildungsträger zahlen ihren DozentInnen den Mindesthonorarsatz von 23,- Euro. Das ist genau der Satz, der vom BAMF an sie überwiesen wurde. Nur wenige Träger zahlen mehr. Der Honorarsatz von LehrerInnen für Deutsch als Fremd- oder Deutsch als Zweitsprache wie Klaus Mautsch liegt meist darunter. Das heißt: Die Weiterbildungsträger – oft die Kommunen – orientieren sich noch nicht einmal am Minimum. Und noch etwas unterscheidet freiberufliche Lehrkräfte von ihren festangestellten KollegInnen: Mit steigendem Alter wird ihr Krankenkassenbeitrag immer teurer, weswegen viele von ihnen mehr unterrichten müssen. LehrerInnen an Regelschulen hingegen werden mit steigendem Alter stundenweise entlastet. 

Eine handlungsfähige Mehrheit schaffen

Warum lassen sich DozentInnen das gefallen? Angelika Böhrer sieht ein großes Problem in der unzureichenden Vernetzung und der mangelnden Zeit. „Die KollegInnen sind EinzelkämpferInnen und müssen oft weitere Aufträge akquirieren. Viele haben neben Arbeit und Familie schlicht keine Kapazität, um sich zu engagieren. Auch die Angst vor Entlassung ist groß: Die Verträge mit den Volkshochschulen enden alle drei Monate, die Gefahr, nicht weiter beschäftigt zu werden, ist groß.“ Ein weiterer Stolperstein: An wen sollen Forderungen überhaupt adressiert werden? Zum einen unterscheidet sich das Weiterbildungsgesetz von Bundesland zu Bundesland, zum anderen werden die DozentInnen der Integrationskurse über ihren Träger vom BAMF bezahlt, während die Lehrkräfte für Deutsch als Fremd- und Deutsch als Zweitsprache ihr Honorar von der Kommune erhalten. Unter diesen Voraussetzungen ist es schwer, sich zu verbünden.
„Momentan besteht die Chance auf einen Wandel“, wirft Max-Georg Beier ein. „Allerdings kann auch die Gewerkschaft nur etwas mit den Betroffenen machen und nicht für sie.“ Aufgrund der aktuellen Situation können sich Weiterbildungsträger Rausschmisse und das Nichtverlängern von Arbeitsverträgen nicht erlauben, denn es gibt nicht genug gut ausgebildete DozentInnen, die unter den miserablen Umständen lehren wollen. Die meisten Lehrkräfte verdienen mehr als 50 Prozent ihres Einkommens bei einem Träger, weswegen ihnen dort auch Urlaubsentgelt zusteht. Dazu existiert sogar ein Gerichtsurteil, das dem Kläger Urlaubsgeld zugesprochen hatte.
Dass sich in einer starken Gemeinschaft mehr erreichen lässt, haben rund 40 KollegInnen der Volkshochschule Köln gezeigt, die sich 2015 zusammengetan und ihre Urlaubsgeldanträge gemeinsam eingereicht haben. Tatsächlich zahlte der Träger relativ unbürokratisch einen ersten vorfinanzierten Teil. Die zweite Hälfte erhielten die Honorarkräfte nach der Jahresabrechnung. Es gelang ihnen außerdem, Urlaubsgeldansprüche aus den Jahren 2012 bis 2014 rückwirkend geltend zu machen.

Und in Zukunft?

„Mit der Struktur des BAMF von vor fünf Jahren kommt man heute nicht weiter“, schließt Max-Georg Beier. Wir werden in Deutschland weiterhin Zuwanderung haben und müssen auch die Eingewanderten, die schon in Deutschland sind, mit Kursen versorgen. Doch scheinbar stellt sich niemand aus Politik und Verwaltung diesen wichtigen Fragen: Ist die Volkshochschule der richtige Träger für Integrationskurse? Verkommt die Idee der Weiterbildungseinrichtung nicht zu einer Sprachschule mit Anhang, die das breit gefächerte Angebot aus Kultur, Sport, Politik, Informatik und Musik nicht mehr zulässt? Sind Sprachlernzentren mit festangestellten Lehrkräften eine Alternative oder ist die Zahlung von Honoraren wirklich die richtige Entlohnungsmethode?

Roma Hering
Freie Journalistin

Fotos: A. Etges

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  1. Horst BöhnleinEs ist gut und absolut notwendig diese Situation und Fakten auf den Tisch zu bringen - daher "Gefällt mir". Es ist eine Unverschämtheit wie hier mir den "Beschäftigten" umgesprungen wird. Aber leider kein Einzelfall - das Gefällt mir garnicht! Über die "Selbständigkeit" werden hier Kosten zu Lasten der Lehrkräfte gespart. Und dann sind diese selbst Schuld an ihrer schlechten Absicherung und Altersarmut. Dieses System kann nicht funktionieren.
  2. Wendelin BöhrerEs ist ein Hohn mit wieviel Mißachtung und wenig Anerkennung die Arbeitgeber gegenüber den freiberuflichen Lehrerinnen auftreten und ihnen seit Jahrzehnten einen gerechten Lohn vorenthalten. Ihr Status steht in krassem verletzendem Widerspruch gegenüber den Lehrkräften aus dem Regelschulsystem. Die freiberuflichen Lehrkräfte sind vollinhaltlich kranken- pflege- und rentenversicherungspflichtig, im Gegensatz zu den Lehrkräften im Regelschulbetrieb, denen die Arbeitgeber die Hälfte der Versicherungsbeiträgge zahlt. Es darf nicht vergessen werden, was die Lehkräfte in den Sprach- und Integrationsklassen an komplexen Aufgabenbereichen zu leisten haben. Politik und Gesellschaft sind gefordert, bessere und gerechte Integrationskurse anzubieten für die Lehrkräfte und die Beschulten.
  3. Anne-Lena BläserDie Entlohnung dieser Lehrkräfte entspricht nicht im Mindesten der Komplexität ihrer Aufgaben oder der gesellschaftlichen Bedeutung ihrer Tätigkeit. Es erfordert nicht nur eine spezifische Qualifikation, sondern auch ein überdurchschnittliches Engagement und eine enorme Flexibilität unter den gegebenen Bedingungen mit einer maximal heterogenen Schülerschaft erfolgreich arbeiten zu können. Gerechte Entlohnung und angemessene Rahmenbedingungen sind lange überfällige und notwendige Voraussetzungen, um den erhöhten Bedarf an hochqualifizierten und motivierten Lehrkräften in Zukunft zu decken!
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