Phase Null: Lernraum gemeinsam entwickeln

Kooperatives Erarbeiten von Bildungsbauten

Wenn ein Schulgebäude neu gebaut oder ein bestehendes Gebäude umgebaut werden soll, müssen unterschiedlichste Perspektiven zum Konsens gebracht werden: Architekt*innen, die Schulverwaltung, Lehrende und Lernende. Keine leichte Aufgabe. Kooperative Methoden können helfen, gemeinsam gute Lösungen zu entwickeln.

Vor 20 Jahren hielt Kooperatives Lernen als Prinzip und didaktischer Ansatz Einzug in Europa. Das Arbeitsprinzip beruht auf drei Phasen: Think – Pair / Square – Share. In der ersten Phase arbeitet jede*r für sich alleine. In der zweiten Phase werden die Ergebnisse im Partnerteam oder in der Kleingruppe besprochen, bevor sie in der dritten Phase dem Plenum vorgestellt werden. Dabei ist Kooperatives Lernen keineswegs nur eine Methode, die von Schüler*innen im Unterricht umgesetzt werden kann. Auch in beruflichen Settings trifft man immer häufiger auf dieses Prinzip, insbesondere bei Fragestellungen, die das gemeinsame Wirken in multiprofessionellen Teams erfordern. Teams, deren Mitglieder in dieser Methode erfahren sind, nutzen sie effizient und gewinnbringend. Anwendungsmöglichkeiten sind Fachkonferenzen, Gesamtkonferenzen oder Schulentwicklungsprozesse, zum Beispiel in Zukunftswerkstätten. Die Entwicklung der sogenannten „Phase Null“ verdeutlicht beispielhaft, dass es sich lohnt, Think – Pair / Square – Share nicht nur im Unterricht, sondern auch zur Lernraumentwicklung zu nutzen.

Synergieeffekte von Pädagogik und Raum für das Lehren und Lernen nutzen

Um Schulen als zukunftsfähige Lernräume planen und bauen zu können, hat sich in den vergangenen Jahren ein Verfahren zur Planung von Schulneu- und Umbaumaßnahmen entwickelt, das der eigentlichen Bauplanung und -ausführung – den Phasen 1 bis 9 – vorgeschaltet ist. Deshalb wird diese Planungsphase häufig als Phase Null bezeichnet: Unterstützt durch ein professionelles Schulbauberatungsteam erarbeitet die Schule gemeinsam mit der Schulverwaltung und den Verantwortlichen für die kommunalen Gebäude ein pädagogisch basiertes Raumprogramm für ihre zukünftigen Lern- und Unterrichtsräume. Diese Zusammenarbeit ist in einen für die jeweilige Schule maßgeschneiderten Prozess eingebettet, der in der Regel aus aufeinander aufbauenden Workshops besteht. Das Raumprogramm gibt an, welche Funktionen das zu planende Gebäude erfüllen soll. Es ist die Grundlage zum Beispiel für einen Architekturwettbewerb und für die Entwurfsplanung des Architekturbüros. Der Kommunikation hin auf ein gemeinsames Ziel kommt in der Phase Null ein besonderer Stellenwert zu, sowohl innerhalb der Schulgemeinschaft als auch zwischen den verschiedenen Professionen.
Der Prozess zur Lernraumentwicklung (Abbildung links) beginnt immer mit einer Bestandsaufnahme, die sich in zwei Bereiche gliedert: In der kommunalen und baulichen Bestandsaufnahme werden städtebauliche, sozialräumliche und planerische Gegebenheiten geprüft. In der pädagogischen Bestandsaufnahme wird analysiert, wie das Schulkonzept in die Praxis umgesetzt wird. Dafür werden gemeinsam mit Lehrenden, Lernenden, Eltern, nichtlehrenden Mitarbeiter*innen und weiteren wichtigen Akteur*innen – etwa mit dem  Förderverein der Schule – Schlüsselinterviews durchgeführt. Durch Schulbegehungen und Hospitationen während des Schulalltags wird die reale Nutzung des vorhandenen Gebäudes genau erfasst. Wenn es darum geht, eine Vision für das künftige Schulgebäude zu entwickeln, erweisen sich Exkursionen zu kürzlich neu errichteten oder umgebauten Schulen und Gespräche mit den dortigen Kolleg*innen als wichtige Informationsquellen. Hinzu kommen terminliche und wirtschaftliche Eckdaten, wie die zu erwartenden zukünftigen Schüler*innenzahlen. Auf diese Weise werden Schritt für Schritt interdisziplinär architektonisches, planerisches und pädagogisches Wissen zusammengeführt.
Im weiteren Prozess geht es darum, die zukünftigen Entwicklungsziele für die Schule auch räumlich-konzeptionell zu definieren, mit dem Ziel Synergieeffekte von Pädagogik und Raum für das Lernen und Lehren nutzen zu können. Dazu werden Funktionsbereiche wie Fach- und Klassenräume, Cluster, Lernlandschaften, Aula, Mensa, Eingangsbereich, Verwaltung und Außengelände definiert und ihre Zuordnungen zueinander festgelegt. Multifunktionale Nutzungen der verschiedenen Raumbereiche werden optimiert, indem zum Beispiel Verkehrsflächen mit individuellen Arbeitsplätzen versehen werden oder die Mensa als Erweiterung der Aula genutzt wird.

Kooperative Methoden: Gewinn für die Lernraumentwicklung

In allen Phasen und auf allen Ebenen der Lernraumentwicklung kommen kooperative Methoden zum Einsatz (Abbildung oben), denn Think – Pair/Square – Share bewährt sich immer dann, wenn verschiedene Perspektiven gewinnbringend ausgetauscht und abgestimmt werden sollen. Die Antworten auf die Schlüsselfragen werden in den Phasen Pair/Square und Share gemeinsam diskutiert. So entwickelt sich Schritt für Schritt ein Konsens, der Redundantes und Nebensächliches eliminiert, Nichtkonsensfähiges identifiziert und zum Konsent herausarbeitet, Wesentliches benennt und dokumentiert. Alle Beteiligten lernen die Kompetenzen der jeweils anderen in Face-to-Face-Gesprächen schätzen, kennen deren Entscheidungsbegründungen, lernen voneinander und erweitern ihre eigenen Perspektiven.
Nicht nur die Sachebene wird dabei berücksichtigt, sondern auch die emotionale Ebene. Die Prozesssteuerung bindet jede*n mit ein, stülpt einem Kollegium nicht einen Raum über, sondern nutzt die Expertise der einzelnen Akteur*innen, um gemeinsam einen zukunftsfähigen Lernort zu gestalten. Jeder Lernraumentwicklungsprozess erfordert dabei ein eigenes Prozessdesign, das an den Schultyp und die Bedürfnisse der Schule genau angepasst und sukzessive im laufenden Prozess feinjustiert wird.

Das Ergebnis: praktischer Kompass und verändertes (Raum-)Bewusstsein

Das Endergebnis der Phase Null ist ein Raumfunktionsprogramm, das die bindende Planungsgrundlage für den Entwurfsprozess der Architektur darstellt. Gleichzeitig ist es ein  pädagogisch-räumlicher Kompass, der weiteren Entscheidungen der Verwaltungs- und politischen Entscheidungsgremien als Grundlage dient.
Aus architektonischer Sicht ist der Prozess erfolgreich, wenn die Aktivitäten der Nutzer*innen klar herausgearbeitet und in Bedürfnisse übersetzt worden sind. So können Vorstellungen über räumliche Beziehungen und Raumqualitäten entwickelt werden.
Aus der Perspektive der Verwaltung soll eine möglichst genaue Passung zwischen Bedarf und Produkt am jeweiligen Standort entwickelt werden, damit die im Allgemeinen nicht unerheblichen öffentlichen Mittel effizient, wirksam und verantwortlich eingesetzt werden können.
Aus pädagogischer Sicht formuliert das Raumfunktionsprogramm klar, wie die räumliche Anordnung das pädagogische Konzept unterstützen kann. Unter dem Gesichtspunkt, dass pädagogische Methoden sich wandeln können, müssen gut durchdachte Entscheidungen getroffen und priorisiert werden, die für die Lebensdauer eines Schulgebäudes – also etwa 50 Jahre lang – gelten sollen.
Ein wichtiger Effekt eines partizipativ durchgeführten Lernraumentwicklungsprozess ist, dass die Beteiligten sich weniger als Betroffene und mehr als Akteur*innen begreifen, die gezielt darauf hinarbeiten, dass pädagogische Konzepte in die Gestaltung von Schulraum einfließen. In der Regel stellt sich im Kollegium eine veränderte Raumwahrnehmung ein, die dazu führt, dass Räume aktiv „gelesen“ und in der Folge verstärkt pädagogisch genutzt werden.
Im Ergebnis werden Individualitäten (in Einzel-phasen) und Gemeinsamkeiten (Austauschphasen in Paar- oder Gruppenkonstellationen) wahrgenommen, Unterschiedliches ermöglicht und Konsens gefunden. Dadurch entstehen Verantwortung und Identifikation aller mit „ihrem“ Gebäude und dessen Freifläche. Dieses Mitwachsen in einem Planungsprozess bringt neben der Identifikation der Einzelnen mit dem komplexen Vorhaben auch die Erweiterung des individuellen Blickwinkels der Teilnehmenden. Die Toleranz gegenüber künftig nötigen Adaptionen und Veränderungen wie Mehrfachnutzungen und das Verständnis für die Notwendigkeit von Einsparungen fördern den Dialog zwischen Lernenden, Lehrenden und Verwaltung. Kooperative Prinzipien gehören zum unverzichtbaren Handwerkszeug in realen Lernprozessen.

Dr. Petra Regina Moog
Leitung der SOPHIA Akademie Düsseldorf, Schulentwicklungsbegleiterin und Schulbauberaterin, Dozentin für Begabungsförderung am CCB Düsseldorf

Marayle Küpper
Lehrerin für Gestaltungstechnik und Deutsch, Fachleiterin Gestaltungstechnik am ZfsL Düsseldorf, Moderatorin für Kooperatives Lernen am Green-Institut Rhein-Ruhr

 

Illustration: PureSolution / shutterstock.com

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