Junge GEW NRW: Für uns geht es um Solidarität

Die junge GEW NRW beim Gewerkschaftstag

Der Gewerkschaftstag ist für viele Mitglieder ein schwer zu durchschauender Apparat. Ein dickes Antragspaket, Antragskommission, Antragsberatung, Ergänzungs- und Änderungsanträge – das klingt nach Bürokratie, nicht unbedingt nach Spaß. Rike Müller von der jungen GEW NRW war in diesem Jahr zum ersten Mal dabei, als der Bundesgewerkschaftstag der GEW vom 6. bis 10. Mai 2017 in Freiburg tagte. Wie es war, erzählt sie im Interview.

nds: Der Gewerkschaftstag dürfte vor allem für junge Mitglieder eher ein Buch mit sieben Siegeln sein. Wie ist eure Perspektive als junge GEW auf so eine Veranstaltung?

Rike Müller: Da viele von uns zum ersten Mal beim Gewerkschaftstag waren, waren wir mit den Formalitäten nicht vertraut: Bis wann können wir Anträge einreichen? Und wie sollen die überhaupt aussehen? Hier unterstützen wir jungen Delegierten uns gegenseitig, indem wir im engen Austausch mit den Delegierten stehen, die schon mal auf dem Gewerkschaftstag waren. Mit ein bisschen Unterstützung findet man sich dann schnell zurecht.
Um ehrlich zu sein war ich am Anfang schon ein bisschen aufgeregt, besonders beim ersten Redebeitrag. Und prompt bin ich anstatt zum Präsidium zum Tisch der Techniker*innen auf der Bühne gerannt, um meine Wortmeldung anzumelden. Das sind so Sachen, die passieren dir aber auch nur einmal. Außerdem haben wir jungen Delegierten einen total wertschätzenden Umgang miteinander, der mich bestärkt hat, mich und meine Anliegen einzubringen und eben doch auf die Bühne zu gehen und vor etwa 500 Leuten zu sprechen. Die aktive Beteiligung beim Gewerkschaftstag ist für uns wirklich enorm wichtig, da hier die Arbeitsschwerpunkte der nächsten vier Jahre innerhalb der GEW festgelegt werden. Daher ist es für uns von großer Bedeutung, dabei zu sein, unsere Anliegen vorzutragen und die Themen junger Mitglieder in den Fokus zu rücken.
Außerdem ist so ein großes Event für uns auch eine sehr schöne Möglichkeit zum Austausch und zur Vernetzung. Wir haben uns sowohl in einem formellen wie informellen Rahmen kennengelernt und schnell eine Stammkneipe gefunden. Die gemeinsamen Abende fand ich wirklich sehr schön. Sie haben mir gezeigt, wie vielfältig die Arbeitsschwerpunkte in der jungen GEW in den Landesverbänden sind, und haben mich einfach total motiviert, mit all diesen tollen Menschen in Kontakt zu bleiben und die GEW mit vollem Einsatz aktiv zu gestalten.
Außerdem hat der Gewerkschaftstag gezeigt, wie wichtig es ist, junge Strukturen auf Bundesebene zu haben und diese zu unterstützen. Alle Anträge und Aktionen auf dem Gewerkschaftstag wurden von dem Bundesausschuss der jungen GEW und dem Bundesausschuss der Studentinnen und Studenten geplant und mit der Unterstützung von den Landesverbänden durchgeführt. Ohne die Planung und die Koordinierungsarbeit der beiden Bundesausschüsse hätten wir unsere Positionen nicht so erfolgreich in den Fokus bringen können.

Als junge Gewerkschafter*innen senkt ihr den Altersdurchschnitt des Gewerkschaftstags deutlich. Wie funktioniert die Zusammenarbeit mit den älteren Kolleg*innen? Wo müssten sich Strukturen eurer Ansicht nach verändern?

Die Jugendarbeit ist von Landesverband zu Landesverband anders geregelt. Wir in NRW haben mit unserer Jugendbildungsreferentin Julia Löhr schon eine sehr unterstützende Struktur für die Arbeit der jungen GEW auf Landesebene. Die jungen Mitglieder in NRW können sich über die Hochschulinformationsbüros an den Unis und die Jugendkoordinator*innen in den Stadt- und Ortsverbänden über die Arbeit und Schwerpunkte der GEW informieren und finden hier auch Ansprechpartner*innen, wenn sie sich einbringen wollen.
Leider läuft die Jugendarbeit nicht überall so rund. Der Bundesausschuss der jungen GEW, der die Struktur der Jugendarbeit auf Bundesebene darstellt, hat deshalb zusammen mit dem Bundesausschuss der Studentinnen und Studenten einen Antrag gestellt, der in den Landesverbänden eine Diskussion darüber fordert, wie mehr junge Mitglieder in die Gremienarbeit eingebunden werden können. Die GEW will einen nachhaltigen und erfolgreichen Generationendialog – aber bisher sind junge Mitglieder in der Gremienarbeit viel zu wenig vertreten! Daher freuen wir uns, dass dieser Antrag vom Gewerkschaftstag beschlossen wurde. Zudem wurde ein Antrag zur Organisationsentwicklung gestellt, der die Jugendarbeit in der GEW mehr in den Fokus rückt. Auch dieser Antrag wurde beschlossen, was uns wirklich sehr freut.
Doch bleibt auch ein fader Beigeschmack, denn ein zentraler Antrag, der den Generationenwechsel voranbringen sollte, wurde leider abgelehnt: Die junge GEW hat einen satzungsändernden Antrag gestellt, der eine Quote junger Delegierter auf dem Gewerkschaftstag analog zu den Mitgliedszahlen junger Mitglieder in den Landesverbänden fordert. Diese Quote würde zu einer angemessenen Repräsentation im höchsten Beschlussgremium der GEW führen und einen für die GEW unerlässlichen und ernst gemeinten Generationendialog unterstützen. Denn für einen Dialog auf Augenhöhe braucht es die Partizipationsmöglichkeiten beider Gesprächsparteien.
Der Bundesausschuss der jungen GEW hat zusammen mit dem Bundesausschuss der Studentinnen und Studenten eine Online-Umfrage unter allen jungen Mitgliedern durchgeführt, die fragt, was junge Mitglieder zu einer aktiven GEW-Mitarbeit motiviert und was sie hemmt. Wir haben 7.000 Rückläufer zu dieser Umfrage bekommen, sie war damit also ein voller Erfolg. Die Ergebnisse dieser Umfrage haben wir auf dem Gewerkschaftstag an unserem Stand vorgestellt und werden sie in einem Workshop auch bei der GEW-aktiv-Tagung im September in Gelsenkirchen vorstellen.

Ihr seid unter anderem mit einem Antrag zu SHK-Räten im Gepäck nach Freiburg gefahren – ein klassisches Gewerkschaftsthema. Wie ist die Antragsberatung verlaufen?

Jedes Bundesland hat eine andere Regelung für die Interessenvertretung der studentischen Hilfskräfte (SHK) getroffen. In Berlin gibt es zum Beispiel einen Tarifvertrag und eine angemessene Personalvertretung. In NRW ist das nicht der Fall. Daher haben wir einen bundesweiten Aktionsplan für eine angemessene Interessenvertretung gefordert. Dieser Antrag wurde beschlossen und wir sind sehr gespannt auf die Ergebnisse des Aktionsprogramms – wir werden uns im Erarbeitungsprozess selbstverständlich einbringen und unsere Ideen und Erfahrungen in das Aktionsprogramm einarbeiten. Wir finden es super, dass NRW am Thema dran ist und eine Schulung für die neuen SHK-Räte durchgeführt hat.

Ihr besetzt beim Gewerkschaftstag auch allgemeine gesellschaftspolitische Themen, zum Beispiel mit eurem Antrag zur deutlicheren Abgrenzung der GEW von der AfD. Warum ist euch wichtig, dass es in der GEW nicht „nur“ um Arbeitsplatzpolitik geht? Welches Bild von Gewerkschaft habt ihr?

Der wichtigste Wert innerhalb der GEW ist für uns die Solidarität – und die hört eben nicht am Arbeitsplatz auf. Der Gewerkschaftstag hat uns in dieser Einstellung absolut bestätigt! So haben wir zum Beispiel einen Antrag zur internationalen Solidarität beschlossen. Auch ein Antrag dazu, dass sich die GEW aktiv gegen Rechts einsetzt und auch unser Anti-AfD-Antrag hat große Zustimmung gefunden.
Solidarität bedeutet aber auch, die gleichen Bildungschancen für alle zu fordern. Daher lehnen wir jede Form von Studiengebühren ab, was wir auf dem Gewerkschaftstag auch Winfried Kretschmann deutlich gemacht haben. Unter ihm hat der Landtag in Baden-Württemberg Studiengebühren für international Studierende und Zweitstudierende beschlossen. Das geht natürlich gar nicht und ist besonders perfide, da diese Personengruppen eine kleinere Lobby haben als andere Studierendengruppen. Außerdem werden hier Personengruppen mit Studiengebühren belastet, dies sowieso schon höhere Kosten für ein Studium aufbringen müssen.

Von den politischen Debatten mal ganz abgesehen: Welche Eindrücke nehmt ihr aus Freiburg mit nach Hause?

Tatsächlich waren wir erstaunt, wie lange sich das Wahlverfahren hingezogen hat und wie wenig Zeit letztendlich für inhaltliche Diskussionen geblieben ist. Wir hatten vorher gedacht, dass wir mehr inhaltliche Debatten führen, doch dann ging es nach den Wahlen relativ flott und viele Anträge wurden einfach im Block abgestimmt.
Besonders beeindruckt hat mich die schöne und wertschätzende Atmosphäre zwischen den jungen Delegierten! Wir haben gemeinsam richtig was auf die Beine gestellt: Wir hatten eine Würfelaktion vorbereitet, um den Kandidat*innen des geschäftsführenden Vorstands unsere Forderungen für eine GEW mit auf den Weg zu geben, die offen ist für junge Mitglieder. Auch unsere Aktion gegen die in Baden-Württemberg eingeführten Studiengebühren und unsere Beteiligung an den Protesten gegen den CDU-Redner Thomas Strobl waren volle Erfolge. In einer weiteren Aktion haben wir mit Papierbooten aus übrig gebliebenen Antragspapieren darauf aufmerksam gemacht, dass unsere Gewerkschaft unbedingt ein Nachhaltigkeitskonzept braucht – unser Antrag dazu wurde angenommen. Jeden Abend haben wir ein kleines Video in den sozialen Netzwerken veröffentlicht, das den Tag aus Sicht der jungen GEW zusammengefasst und unsere Arbeit für die Zuhausegebliebenen sichtbar gemacht hat. All das waren wirklich schöne Erfahrungen, die mich enorm in meiner Arbeit für die GEW bestärkt haben.

Ungefähr 7.000 Mitglieder der GEW NRW sind zwischen 25 und 34 Jahre alt – doch nur wenige von ihnen bringen sich aktiv in die Gewerkschaftsarbeit ein. Was würdest du ihnen sagen, um sie zu überzeugen, mitzumachen?

Das Schöne an der GEW ist, dass sie wenig bürokratisch ist und man sich dadurch schnell einbringen kann. Egal in welcher Phase deiner Ausbildung oder deines Berufslebens du gerade stehst: Die GEW ist so vielfältig, dass du immer etwas beitragen kannst und deine Stimme auch gehört wird.Außerdem sind wir in der jungen GEW NRW einfach ein super nettes Team, mit dem das Zusammenarbeiten mega Spaß macht. Wenn ihr mal schauen wollt, was wir so machen und wie wir arbeiten, könnt ihr auch mal in den sozialen Netzwerken nach junge GEW NRW oder junge GEW suchen und euch dort ein Bild machen. Sprich einfach mal dein Hochschulinformationsbüro oder deine*n Jugendkoordinator*in vor Ort an und komm vorbei. Wir freuen uns schon auf dich.

 

Die Fragen für die nds stellte Anja Heifel.

 

Fotos: Faniemage, Flügelwesen / photocase.de

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