Vom Spielbrett zur inklusiven Planung

Schulentwicklungsplanung in Duisburg

Die Umsetzung von Inklusion stellt Schulen und kommunale Schulträger vor komplexe Herausforderungen. Mit Hilfe von Planspielen versucht die Stadt Duisburg, eine erfolgreiche Umsetzung der Inklusion anzustoßen. Wie funktionieren Planspiele und wie können sie sinnvoll in der Schulentwicklungsplanung eingesetzt werden?

Der Anspruch an schulische Inklusion gemäß dem 2013 beschlossenen 9. Schulrechtsänderungsgesetz sieht vor, dass Kinder mit sonderpädagogischem Unterstützungsbedarf – unter der Maßgabe des Elternwunsches – eine Regelschule besuchen können. Die Herausforderungen, eine erfolgreiche Inklusion sicherzustellen, sind vielfältig: Sie umfassen pädagogische Aspekte, Aspekte der sächlichen und personellen Ausstattung der Schulen sowie verwaltungstechnische Aspekte wie die Empfehlung und Zuweisung von SchülerInnen mit sonderpädagogischem Unterstützungsbedarf. Hinzu kommen schulplanerische Aspekte wie die (Weiter-)Entwicklung und gegebenenfalls die Schließung von Förderschulen sowie der Aus- und Umbau von Regelschulen. Hier zeigt sich: Eine Vielzahl von Akteuren mit sehr unterschiedlichen Fragestellungen ist in die Gestaltung und Planung der schulischen Inklusion einzubinden. Um erfolgreich und nachhaltig planen zu können, ist eine möglichst genaue Kenntnis der Rahmenbedingungen und der konkreten Bedarfslage vor Ort notwendig.  

Übersicht verschaffen – Informationen sammeln im Planspiel

Der Duisburger Planungsprozess begann daher mit einer Bestandsaufnahme im Hinblick auf die weiteren Schritte in Richtung einer inklusiven Schullandschaft. Als Planungsinstrument wurden dafür Planspiele durchgeführt, die unter dem Dach von sogenannten Regionalen Planungsforen stattfanden. Vier solcher Planungsforen wurden eingerichtet, die sich jeweils auf ein Teilgebiet der Stadt bezogen. Die TeilnehmerInnen der Planungsforen und damit „SpielerInnen“ der Planspiele waren Schulleitungen der
jeweiligen lokalen Schulen sowie VertreterInnen der Schulaufsicht, der Bezirksregierung und der Stadtverwaltung.
Die Planspiele brachten diese Personen an einen „(Spiel-)Tisch“ mit dem Ziel, zunächst gemeinsam die bestehende (inklusive) Schullandschaft zu erschließen. Darauf aufbauend sollten verschiedene Szenarien durchgespielt werden, wie die schulische Inklusion sich entwickeln könnte. Gespielt wurde in insgesamt drei Phasen auf einem großformatigen Stadtplan von Duisburg.

Die Spielphasen: Inventur – Szenarien – Positionierung

In der ersten Spielphase – der Inventur – wurden ausgewählte inklusionsrelevante Rahmenbedingungen für jede einzelne Schule zusammengetragen. Alle SchulvertreterInnen setzten dazu entsprechende Spielsteine neben ihre Schule auf den Spielplan, die anzeigten, ob die Schule bereits das Gemeinsame Lernen anbietet – falls ja, mit Angabe der Anzahl der momentan beschulten Kinder mit Unterstützungsbedarf –, ob SeiteneinsteigerInnen beschult werden, ob der Schule SozialarbeiterInnen zugeteilt sind und ob es sich um eine Offene Ganztagsschule handelt.
Auch die schulräumliche Situation wurde beurteilt. Auf Setztafeln wurden auf einer dreistufigen  Skala von „gut“ bis „nicht ausreichend“ das Angebot an Differenzierungsräumen und Aspekte der Barrierefreiheit bewertet. In den Rahmenbedingungen zeigten sich – wie zu erwarten war – deutliche innerstädtische Unterschiede, die in einem engen Zusammenhang mit den jeweiligen sozialstrukturellen Einzugsgebieten der Schulen standen. So fanden sich zum Beispiel deutlich mehr SozialarbeiterInnen in Regionen mit einer benachteiligten Bevölkerung. Bei der räumlichen Bewertung sah sich ein großer Anteil der Schulen als nicht ausreichend ausgestattet: Mehr als jede zweite Grundschule zeigte einen Mangel an notwendigen Differenzierungsräumen an. Es wurde aber auch deutlich, dass viele Schulen – je nach Förderschwerpunkt – sich selbst als barrierefrei klassifizierten (siehe Abbildung).
Ergänzt wurde die erste Spielphase durch ein unverbindliches Votum der SchulvertreterInnen, welche Förderschwerpunkte sie abdecken könnten. Hier zeigte sich insgesamt eine große Bereitschaft, eine inklusive Schullandschaft entlang der Förderschwerpunkte stadtweit umzusetzen.
Die zweite Spielphase wagte einen Blick in mögliche zukünftige Entwicklungen der Beschulung von Kindern mit sonderpädagogischem Unterstützungsbedarf. Da zu diesem frühen Zeitpunkt noch nicht abzusehen war, in welchem Umfang die Eltern von dem Recht der gemeinsamen Beschulung Gebrauch machen würden, wurden drei mögliche Szenarien vorgegeben: „Alle Kinder mit Förderbedarf besuchen eine Regelschule!“, „Jedes zweite Förderkind besucht eine Regelschule!“ und „Jedes fünfte Förderkind besucht eine Regelschule!“ Unter der Fragestellung „Was wäre wenn?“ wurde simuliert, wie aufnahmefähig das Regelschulsystem jeweils ist und an welchen Stellen Anpassungen und Erweiterungen notwendig sind. Auch die Auslastung der Förderschulen wurde beleuchtet.Spielsteine stellten die prognostizierte SchülerInnenzahl dar, die in dem jeweiligen Szenario auf die Schulen verteilt wurden.

Vom Spielbrett zur inklusiven Planung

Während bei einer Beschulung von jedem fünften Kind mit Förderbedarf an den Regelschulen in den Regionen zumeist die bestehenden (Raum-)Ressourcen ausreichten, wurde es bei einer Beschulung von jedem zweiten Kind bereits eng. Auch der Anspruch an eine möglichst wohnortnahe Beschulung konnte in diesem Szenario nicht überall sichergestellt werden. Für die Grundschulen der nördlichen Planungsregion wurde zum Beispiel deutlich, dass mit dem aktuellen Angebot der Schulen des Gemeinsamen Lernens 132 Kinder inklusiv beschult werden könnten, aber gemäß dem Szenario von einem Bedarf von etwa 170 Kindern auszugehen wäre. Eine Anpassung der baulichen als auch personellen Infrastruktur wäre demnach nötig. Die Simulation zeigte so allen Akteuren anschaulich die Potenziale der jeweiligen Region, aber auch die ganz konkreten Defizite vor Ort. In der abschließenden dritten Spielphase wurden die Schulen gebeten, sich bezüglich ihrer zukünftigen Rolle im Inklusionsprozess – ausgehend von ihren bisherigen Erfahrungen und Möglichkeiten – zwischen „beobachtend“ und „Schwerpunktschule“ zu positionieren. Das deutliche Ergebnis: Viele Schulen waren bereit, sich den neuen Herausforderungen zu stellen und positionierten sich als zukünftige inklusive Schule.       

Gemeinsames Wissen und Raum für Neues schaffen

Das Durchspielen dieser drei Phasen führte zu einer umfassenden Übersicht für alle Akteure und stellte einen grundlegenden Einstieg in die Inklusionsthematik dar. Schon während des Planspiels zeigte die Methodik Wirkung:

  • So unterschiedlich die Akteure in Bezug auf ihre Rolle, Erwartungen und Ziele zu Beginn der Planungsforen waren, am Spieltisch wurde ihre Aufmerksamkeit auf die sich potenziell entwickelnde inklusive Schullandschaft gebündelt.
  • Der Austausch zwischen ExpertInnen des Gemeinsamen Lernens an Regelschulen sowie denen aus Förderschulen, die bereits umfangreiches Wissen einbringen konnten, und denen, die bisher kaum mit Themen der inklusiven Beschulung in Berührung gekommen waren, konnte so methodisch gehändelt werden.
  • Durch das stadtweite Sichtbarmachen der Strukturen und der möglichen Konsequenzen der Inklusion wurde das Verständnis einer gemeinsamen Bildungsregion geschärft. 
  • Der spielerische Aspekt ermöglichte den Schulleitungen eine erste unverbindliche Einschätzung der Möglichkeiten der Beschulung von Kindern mit Förderbedarf und der jeweiligen Rahmenbedingungen an ihren Schulen.
  • Der Abgleich der Einschätzungen untereinander bot zudem die Gelegenheit, die eigene Positionierung in Relation zu denen der anderen zu setzen und gegebenenfalls zu modifizieren.
  • Die spielerische Atmosphäre schuf den Rahmen für weitere Gespräche zwischen den Schulen über Vorgehensweisen, Probleme und bereits erprobte Lösungen.
  • Das Planspiel bot den Raum für überraschende Lösungen, ohne sofort auf ein vorab festgelegtes Resultat zu zielen. Dies erwies sich gerade in schwierigen und unlösbar erscheinenden Situationen als hilfreich.

Damit Planspiele wie auch die praktische Umsetzung ihrer Ergebnisse in der Praxis erfolgreich sein können, müssen die Akteure in der Lage sein, fachlichen Austausch und Rollenerwartungen allseits transparent und gestalterisch auszubalancieren. Im Ergebnis – und das zeigt auch der inklusive Schulentwicklungsplan der Stadt Duisburg – haben sich die Planspiele als Analyse- und Partizipationsinstrument bewährt. Auch im weiteren Prozess sollen sie bei Bedarf und gegebenenfalls mit angepassten Fragestellungen und Spielmechanismen wiederholt werden.

Eva Kaewnetara
Leiterin der Abteilung Kommunale Schulentwicklung im Amt für Schulische Bildung der Stadt Duisburg

Dr. Tobias Terpoorten
Referent im Bereich der Schulentwicklungsplanung im Amt für Schulische Bildung der Stadt Duisburg

Fotos (v. o. n. u.): ebednarek / Fotolia.com, Stadt Duisburg

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