Vom Ende einer Hoffnung

Demografische Rendite

m November 2015 stellte das nordrhein-westfälische Ministerium für Schule und Weiterbildung (MSW NRW) seine aktuelle „Schülerprognose und Schulabgängerprognose bis zum Schuljahr 2049 / 2050“ vor. Konfrontiert man die Ergebnisse der Schülerzahlenprognose für die Zeit bis zum Schuljahr 2020 / 2021 – also für die unmittelbar kommenden Jahre – mit Daten der aktuellen Bevölkerungsentwicklung, wird schnell deutlich: Die demografische Entwicklung hat die demografische Rendite zu Grabe getragen.

Ein Vergleich der Ist-Werte des Schuljahres 2014 / 2015 mit den Prognosewerten für das Schuljahr 2020 / 2021 zeigt, dass das MSW NRW weiterhin sinkende Schülerzahlen vorhersagt (s. Tabelle 1). Folgt man dieser Prognose, so wird es auch noch in den Jahren bis 2020 / 2021 einen Schülerzahlenrückgang geben, wenn auch gegenüber den vergangenen Jahren deutlich abgeschwächt. In der Primarstufe gehen die Schülerzahlen noch auf 97,1 Prozent, in der Sekundarstufe I auf 92,2 Prozent und in der Sekundarstufe II auf 94,6 Prozent zurück. Der Hoffnung, aus den durch den Schülerzahlenrückgang frei werdenden Mitteln Verbesserungen im Schulwesen finanzieren zu können, wird damit die Basis weitgehend entzogen.

Die Realität übertrifft die Prognosen

Nun zeigt ein Blick in die neuere demografische Entwicklung, dass dieser Rückgang der Schülerzahlen noch geringer sein oder sogar ganz ausfallen wird. Einen ersten Hinweis darauf liefert ein Vergleich der Bevölkerungsprognose, die der nordrhein-westfälischen Schülerzahlenprognose zugrunde liegt, mit der im Herbst 2015 vom Statistischen Bundesamt in Abstimmung mit den Statistischen Landesämtern für NRW vorgelegten Bevölkerungsprognose (s. Tabelle 2). Dieser Vergleich ist besonders aufschlussreich, weil beide Prognosen vom Basisjahr 2013 ausgehen. Die „13. Koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung“ – so heißt die Prognose des Statistischen Bundesamtes – erwartet in der hier herangezogenen Variante 2 bei den voraussichtlichen Geburtenzahlen ebenso wie in den drei Altersgruppen, die die demografischen Bezugsjahrgänge der Schulstufen sind, deutlich höhere Werte: Schon für das erste Prognosejahr 2014 liegen die Prognosewerte aus Wiesbaden um etwa 6.300 höher als die Werte, von denen das MSW NRW für seine Schülerzahlenprognose ausgeht. Für 2020 übersteigt sie die entsprechenden Werte aus NRW um etwa 51.900. Aber auch die höheren Werte des Statistischen Bundesamtes werden bereits 2014 durch die tatsächliche Entwicklung übertroffen (s. Tabelle 3): Insgesamt übersteigen in der Gruppe der 6- bis unter 19-Jährigen die Ist-Werte des Jahres 2014 die Wiesbadener Prognosewerte für 2014 um etwa 6.500 – wobei diese Prognosewerte des Statistischen Bundesamtes die aus Nordrhein-Westfalen bereits um etwa 6.400 übersteigen. Besonders beeindruckend sind aber die Abweichungen bei den unter Einjährigen. Die Prognose aus NRW geht von 145.147 unter Einjährigen aus, die des Statistischen Bundesamtes von 147.500, während der tatsächliche Wert 2014 mit 155.019 den Landesprognosewert für dieses Jahr um 9.872 und den Prognosewert des Statistischen Bundesamtes um 7.519 übersteigt. Damit liegt NRW im Trend: Deutschlandweit lag 2014 die Zahl der Geburten um 32.858 höher als 2013. Auch wenn die Geburtenzahlen des Jahres 2015 noch nicht bekannt sind, lassen doch erste Hinweise aus einzelnen Städten erwarten, dass auch 2015 die Zahl der Geburten im Vergleich zu früheren Jahren zumindest auf dem 2014 erreichten hohen Niveau verharren wird. Begleitet wird dieser Wiederanstieg der Geburtenzahlen durch die 2015 stark angestiegene Zuwanderung von Geflüchteten. Wenn man davon ausgeht, dass etwa 15 Prozent der Geflüchteten in Nordrhein-Westfalen bleiben werden – so hoch ist der Anteil derer, die hier einen Asylantrag gestellt haben –, so ergibt sich, dass von den bundesweit 1,1 Millionen Geflüchteten 165.000 in NRW leben werden. Von ihnen werden in der Altersgruppe der potenziellen SchülerInnen etwa 36.500 zusätzliche Kinder und Jugendliche Schulen besuchen.

Vom Ende der Hoffnung

Bedarf bleibt – Finanzierungspotenzial verschwunden

Aus den Prognosewerten des Statistischen Bundesamtes ergibt sich für 2020, dass die Zahl der Kinder und Jugendlichen in NRW um etwa 51.900 ansteigen wird. Vermutlich werden die Zahlen jedoch aus drei Gründen noch höher ausfallen:  
Bereits die Ist-Werte des Jahres 2014 liegen um etwa 6.500 höher als die vom Statistischen Bundesamt für 2014 prognostizierten Werte. Die Geburtenzahlen des Jahres 2015 liegen um etwa 7.500 höher als vom Statistischen Bundesamt erwartet. Die Zahl der geflüchteten Kinder, die allein 2015 nach Nordrhein-Westfalen gekommen sind, liegt in der Altersgruppe der Sechs- bis unter 19-Jährigen bei 36.500. Diese Zusammenschau aktueller demografischer Daten macht deutlich: In den kommenden Jahren sind Mitteleinsparungen aus einem demografisch verursachten Rückgang der Schülerzahlen kaum mehr zu erwarten. Damit muss auch die in 2013 im Auftrag der GEW NRW erstellte Expertise „Perspektiven und Chancen. Zur demografischen Entwicklung und zum Lehrerbedarf in Nordrhein-Westfalen“ in Teilen als überholt eingeschätzt werden. Der damals aufgezeigte Lehrerstellenbedarf für Inklusion, für Ganztagsschulen, für Schul- und Unterrichtsentwicklung, für die im Schulkonsens vereinbarten Maßnahmen sowie für den dringend erforderlichen Ausbau der Krippenangebote für unter Dreijährige bleibt zwar unverändert bestehen, wird aber nicht aus einer demografischen Rendite finanziert werden können. Ohne eine Ausweitung des Bildungshaushalts drohen in Nordrhein-Westfalen Stillstand oder auch Rückschritt.

Prof. em. Dr. Klaus Klemm
Bildungsforscher

Foto: knallgrün, Muckomat34 / photocase.de

 

Stellenforderung der GEW NRW

Gute Bildung braucht mehr

„Gute Bildungspolitik ist zugleich präventive Sozial-, Wirtschafts- und Integrationspolitik.“ So steht es im Koalitionsvertrag der Landesregierung. Angesichts der Zuwanderung von Geflüchteten kommt dieser Aussage noch mehr Aktualität zu. Doch durch die Sparpolitik des Landes kommen die Ausgaben für Bildung bei Weitem zu kurz.
Auf dem Dresdner Bildungsgipfel wurde schon 2008 vereinbart, bis 2015 zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts für Bildung und Forschung aufzuwenden. Von diesem Ziel sind wir trotz wachsender bildungspolitischer Aufgaben noch weit entfernt: Der Anteil für diesen Bereich beträgt in Deutschland lediglich 5,1 Prozent. Im Ländervergleich kämpft NRW mit Schleswig-Holstein um die rote Laterne. Laut Statistischem Bundesamt gab NRW für die Ausbildung je SchülerIn im Jahr 2013 durchschnittlich 6.200,- Euro aus und belegt nach Schleswig-Holstein mit 6.300,- Euro den letzten Platz. Der Bundesdurchschnitt liegt bei 7.100,- Euro pro Kopf.Ausgelöst durch die Bildungsreformen der Landesregierung – individuelle Förderung, Inklusion, Integration, Schulstruktur, Zunahme von Teilstandorten und notwendige Fortbildungen – ist es sukzessive zu einer Ausweitung der Aufgaben und der damit einhergehenden Arbeitsbelastung der LehrerInnen gekommen. Eine erfolgreiche Umsetzung dieser zu leistenden Arbeit stößt an die Grenzen der Belastbarkeit der KollegInnen. Deshalb brauchen wir dringend mehr Ressourcen für die Umsetzung der Inklusion, für Integration durch Bildung und muttersprachlichen Unterricht, für eine Reduzierung der Arbeitszeit, für eine Verdoppelung der Anrechnungsstunden und für den Ausbau der Vertretungsreserve auf sieben Prozent. Allein für das Schließen der Kienbaumlücke werden 3.432 Stellen benötigt. Die Kienbaumlücke beschreibt die Differenz zwischen dem berechneten und tatsächlichen Bedarf an Lehrerstellen. In die Berechnung fließen die Parameter Klassenfrequenzrichtwert, Lehrerwochenstunden je Stelle und Bedarf an Lehrerwochenstunden je Klasse ein. Mit einer gerechteren Steuerpolitik, die höhere Einkommen und Vermögen stärker heranzieht, kann das auch vor dem Hintergrund der Schuldenbremse umgesetzt werden.

Anette Mevenkamp
Leiterin des Referats C (Schulrecht, Bildungsfinanzierung und -statistik) der GEW NRW

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