SchülerInnen leiden unter Stress und Überforderung

Umfrage der SchülerInnenvertretung der Erich-Fried-Gesamtschule Herne

Würden Sie Ihre Tochter zu Veranstaltungen schicken, die psychische Probleme verursachen? Würden Sie Ihren Sohn Bedingungen aussetzen, die Kopfschmerzen oder Konzentrationsprobleme auslösen? Nein? Warum schicken Sie Ihr Kind dann in die Schule? Zugegeben – die Vergleiche sind zugespitzt, aber im Wesentlichen treffen sie die Erfahrungen vieler Heranwachsender. Die SchülerInnenvertretung der Erich-Fried-Gesamtschule Herne hat die Klagen über Schulstress zum Anlass .

„Wie geht es dir in der Schule?“, steht seit etwa einem Jahr über einem Link auf der Homepage der Schule, der zu einem Fragebogen mit 24 Unterpunkten führt. Mittlerweile haben  landesweit über 1.000 Kinder und Jugendliche aus den Jahrgangsstufen 5 bis 13 an der Online-Umfrage teilgenommen. Die meisten Rückmeldungen kamen aus dem mittleren Ruhrgebiet. Das Mitmachen ist freiwillig, eine Auswahl der TeilnehmerInnen nach repräsentativen Kriterien findet nicht statt. Dennoch ergeben die Daten ein Bild, welches aufmerken lässt. Parallel zur SchülerInnenbefragung wurden auch psycho-logische, psychiatrische und allgemeine medizinische Beratungsstellen sowie Institutionen der Kinder- und Jugendarbeit, der Sportjugendarbeit und der Musik- oder Kunstpädagogik befragt.

Ausgewählte Ergebnisse: Stress, Angst und wenig Freizeit

Fast 60 Prozent der befragten SchülerInnen geben an, sich von ihrer derzeitigen Schulsituation stark oder sehr stark belastet zu fühlen, hinzu kommen weitere fast 20 Prozent, die sich eher belastet als nicht belastet fühlen. Fragt man an dieser Stelle detaillierter nach, verbinden die Heranwachsenden mit Schule Stress (81 Prozent), Druck (75 Prozent) und Überforderung (54 Prozent). Ein Drittel gibt hier Angst an, fast 25 Prozent sogar Ausweglosigkeit. Positiv besetzte Assoziationen werden lediglich mit neun Prozent (Glück), vier Prozent (Ausgelassenheit) und 3,5 Prozent (Entspannung) angegeben, einzig deutlich stärker positiv assoziiert werden FreundInnen mit 57 Prozent. Als Folgen dieser Belastungssituation geben über 60 Prozent der Teilnehmenden an, mit Schule körperliche beziehungsweise psychische Belastungen zu verbinden. Auch hier genauer: 77 Prozent geben Müdigkeit und Erschöpfung an, 68 Prozent Kopfschmerzen, über 52 Prozent Schlaflosigkeit und 35 Prozent Traurigkeit. Besonders zynisch: Bei 57 Prozent der Jugendlichen verursacht Schule Konzentrationsprobleme. 80 Prozent der Jugendlichen bekunden, dass lange Unterrichtszeiten und viele Klausuren stark bis sehr stark zu diesen Belastungen beitragen. Über die Hälfte gibt an, dass auch ihre familiäre Situation durch die Schule belastet wird. Nur ungefähr ein Drittel fühlt sich in der Schule wohl oder ist glücklich. Diese positiven Gefühle werden fast überwiegend mit der Anwesenheit von FreundInnen (87 Prozent) oder der Teilnahme an Klassenfahrten (70 Prozent) oder Ausflügen begründet. Immerhin nennt auch knapp ein Drittel in diesem Zusammenhang das gute Verhältnis zu LehrerInnen. 
Ungefähr die Hälfte der befragten Jugendlichen treibt keinen regelmäßigen Sport und besucht keine Jugendgruppen. 60 Prozent würden dies zwar gerne tun, haben aber keine Zeit dafür. 86 Prozent geben an, für ehrenamtliche Arbeit keine Zeit zu haben, obwohl 40 Prozent davon sich gerne in diesem Bereich engagieren würden. Insgesamt sagen 65 Prozent der Befragten, dass sie wegen der Schule eher zu wenig oder sogar viel zu wenig Zeit für Freizeitbeschäftigungen haben. Die dargestellten Angaben dramatisieren sich noch, betrachtet man ausschließlich die Angaben aus den Abschlussklassen 10 bis 13. 90 Prozent dieser Jugendlichen assoziieren mit Schule Stress und 64 Prozent Überforderung – und zwar nahezu übereinstimmend bei allen Schulformen. In den Abschlussjahrgängen fallen die Bekundungen bei allen abgefragten Aspekten um circa fünf Prozent extremer aus – ein deutlicher Trend. Die Angaben der Beratungsstellen und Einrichtungen der Jugendarbeit passen sehr stimmig zu den Ergebnissen der SchülerInnenbefragung. Viele Beratungsstellen geben an, dass die schulischen Belastungssymptome in den letzten zehn Jahren „häufiger und heftiger“ geworden seien. 75 Prozent der Jugendeinrichtungen sehen die Breite der Angebote für die Zukunft aufgrund der sich verändernden Mitglieder- und Besucherzahlen sowie fehlender ehrenamtlicher MitarbeiterInnen als stark bis sehr stark gefährdet an. 

Schule löst keine Probleme – sie ist Teil des Problems

Traut man den Angaben der SchülerInnen und nimmt sie ernst, dann stellt sich Schule in vielen Aspekten nicht als Teil von Lösungen im Leben junger Menschen dar, sondern als Teil zahlreicher Probleme. Schule wird von ihren KlientInnen deutlich als belastend wahrgenommen und das in einem Umfang, der mehr als besorgniserregend erscheint. Zahlreiche Untersuchungen und Veröffentlichungen thematisieren die alarmierenden Zahlen von Jugendlichen mit Schlaf- und Essstörungen, mit Drogenproblemen oder psychischen Belastungen. Die Befragung der Herner SchülerInnenvertretung zeigt, dass viele Jugendliche Schule als eine Institution wahrnehmen, die ihnen in diesen Bereichen nicht nur unzureichend hilft, sondern diese Probleme mit verursacht. Für den Lebensbereich Schule geben die Befragten auch positive Rückmeldungen. Sie fühlen sich in Schule also auch wohl. Diese Aussagen beziehen sich aber fast ausschließlich auf individuelle, personalisierte und zwischenmenschliche Zusammenhänge wie FreundInnen oder das gute Verhältnis zu LehrerInnen. Systemische Setzungen – etwa die Anzahl von Klausuren, die Länge der Schultage, Menge und Inhalt des Unterrichtsstoffs oder die Ausstattung von Schule – leisten hier kaum einen Beitrag. So kann die These lauten: Die aufgezeigten Probleme ergeben sich durch systemische Setzungen, die Lösungen werden aber in weiten Teilen personalisiert, also auf einzelne Personen abgewälzt.
Dass die wahrgenommenen Bedingungen für die Umsetzung schulsystemischer Setzungen völlig unzureichend sind – etwa bei der Inklusion oder der Integration von SeiteneinsteigerInnen –,ist längst kein Geheimnis mehr. Bei der im Februar 2016 veröffentlichten forsa-Umfrage zur Zufriedenheit im Lehrerberuf lässt sich zum Beispiel einerseits die hohe Arbeitsmotivation von Lehrkräften nachlesen, während gleichzeitig die Schulpolitik fatal bewertet wird – in NRW mit der Schulnote 4,2. Lernende und Lehrende sitzen hier im selben Boot, denn in schwierigen Situationen mit schlechten Gelingensbedingungen sind die Kinder oftmals ebenso überfordert wie die LehrerInnen. Für SchülerInnen kann dies zu Stress und Überforderung beitragen, denn zu einem nicht unwesentlichen Teil sind sie diejenigen, die personalisiert die systemischen Mängel mit lösen (müssen).

Paradoxe Zielsetzungen

Die Schulpolitik formuliert immer wieder hochrangige Ziele, schafft aber gleichzeitig Strukturen, die das Erreichen dieser Vorgaben unmöglich machen. Will Schule demokratisch handelnde Menschen heranbilden, dann müssen Strukturen geschaffen werden, die diesen Menschen Teilhabe ermöglichen. Es reicht nicht aus, zu betonen, wie wichtig ehrenamtliches Engagement ist oder wie bedeutsam die Mitgliedschaft in Sportvereinen, wenn gleichzeitig ein großer Teil der Jugendlichen wegen der Schule gar keine Zeit mehr dafür hat. Einerseits werden große Summen in vorbildliche Projekte wie „Jedem Kind ein Instrument“ investiert, andererseits werden Bedingungen geschaffen, die eine Weiterführung der gelegten Grundlagen torpedieren. Schulische Bedingungen tragen dazu bei, dass Sportvereine, Kirchengemeinden oder Jugendverbände weniger Ehrenamtliche finden. Hier wird oft Gutes gesagt, aber das Gegenteil getan. Offensichtlich braucht es nicht nur wesentlich bessere personelle, räumliche und sächliche Bedingungen, es braucht in gleichem Ausmaß auch deutlich andere Ausrichtungen, orientiert an einem tatsächlich ganzheitlichen Bildungsverständnis.


Carsten Piechnik
Schülervertretungslehrer an derErich-Fried-Gesamtschule in Herne

Foto: suze / photocase.de

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