Geflüchtete in Dortmund: Schaffen wir das?

Geflüchtete in Dortmund 

Dortmund gehörte 2015 zu den zentralen Schauplätzen der „Willkommenskultur“. Tausende Menschen aus vielen Krisengebieten der Welt erlebten hier ihr Ankommen im Westen. Wie sieht es etwas über ein Jahr danach aus? Wie hat sich die Stadtgesellschaft durch die Geflüchteten verändert? Eine Studierendengruppe der Fachhochschule Dortmund hat sich auf die Suche nach Antworten begeben. Hoffnungsvolle Zeichen im Jahr danach.

Die Dortmunder Stadtgesellschaft und -verwaltung standen im Sommer 2015 vor riesigen Herausforderungen: Innerhalb von Stunden musste eine Logistik für das Nötigste zur Verfügung gestellt werden. Turnhallen wurden zu Schlafsälen umfunktioniert, Notaufnahmen geschaffen. Viele Dortmunder Schulen reagierten mit Auffangklassen, improvisierten zunächst und trugen so ihren Teil zur Chaosbewältigung bei.
Etwas mehr als ein Jahr später ist das Chaos vorbei, Notunterkünfte konnten geschlossen werden und die Zahl der Neuankömmlinge ist gesunken. Es ist wieder Alltag eingekehrt. Hat sich darin aber etwas verändert? Wie gestaltet sich heute das Zusammenleben in der Stadt mit den Geflüchteten? Welche Probleme tauchen auf, was gelingt gut? Um diese Fragen zu beantworten, starteten Studierende der Fachhochschule Dortmund ein Forschungsprojekt, dessen Ergebnisse nun vorliegen. Das Erfreuliche vorweg: Entgegen vieler Unkenrufe konnte der organisierte Rechtsextremismus bisher nicht profitieren.

These 1: Für viele hat sich konkret im Alltag nur sehr wenig verändert.

Die Geflüchteten sind da, aber die meisten Bürger*innen sehen sie nicht. Das hat vermutlich sehr unterschiedliche Gründe. Zum einen existieren noch viele Vorstellungen davon, wie „Kriegs- oder Armutsflüchtlinge“ vermeintlich aussehen, die mit der Realität schon lange nichts mehr zu tun haben. Zum anderen ist Dortmund sowieso schon seit Jahrzehnten von Vielfalt und Migration geprägt. Das bisherige Stadtbild „schluckt“ somit die neu Zugewanderten, ohne sich stark zu verändern. Dies ist der positive Aspekt.Der kritische zweite Punkt ist jedoch, dass es bisher auch nur sehr wenige Beispiele für ein gelungenes Zusammenleben „auf Augenhöhe“ gibt. Zumeist bleiben die Geflüchteten  sowie die Einheimischen noch unter sich. Die staatlichen Stellen und die vielen freiwilligen Helfer*innen sind zwar Brückenbauer*innen einer neuen Gesellschaft des gemeinsamen Zusammenlebens. Noch gibt es jedoch sehr viele Hindernisse: Sprachbarrieren, Unsicherheiten im Asylverfahren, formale Hürden oder eine Konzentration des Zuzugs in bestimmten Stadtteilen. Ob ein Zusammenwachsen tatsächlich gelingt, ist noch völlig offen. 

These 2: Es gibt eine starke Polarisierung – dafür oder dagegen!

In nahezu allen Reportagen, die die Studierenden für das Projekt zusammengetragen haben, wird von einer starken Polarisierung innerhalb der Dortmunder Bevölkerung berichtet. Der Zuzug der Geflüchteten wird begrüßt oder abgelehnt. Moderierende Stimmen zwischen den beiden Positionen sind selten. Dabei variieren die Argumente und Motive innerhalb der beiden Pole. Einige Befürworter*innen argumentieren mit der Macht des Faktischen: Geflüchtete kämen nun mal und das sei besonders im Falle eines Krieges auch nachvollziehbar. Dieser Prozess sei zu gestalten. Andere Befürworter*innen argumentieren moralisch oder mit religiösen Motiven. Dabei fällt auf: Je konkreter der Kontakt zu Geflüchteten ist, desto positiver und entspannter äußern sich viele der Interviewpartner*innen. Bei den Gegner*innen handelt es sich ebenfalls nicht um eine einheitliche Gruppe. Einige argumentieren aus politischer Überzeugung gegen jeden Zuzug von Geflüchteten. Andere treiben eher Angst und Unsicherheit. Sie haben Angst vor negativen Veränderungen in ihrer Stadt, etwa vor einer Zunahme von Gewalt oder vor Konkurrenz um Ressourcen, zum Beispiel auf dem Wohnungs- und Arbeitsmarkt. Das gilt auch für Menschen mit Migrationshintergrund.

These 3: Viele Menschen fühlen sich verpflichtet, sich zu engagieren.

Die Hilfsbereitschaft vieler Dortmunder*innen ist enorm und beeindruckend. Das Engagement betraf dabei nicht nur die Profis in den sozialen Diensten, sondern erreichte auch Nachbarschaften genauso wie viele Vereine, zum Beispiel im Sport. Ein Einsatz, der nicht unwidersprochen blieb: Vielerorts musste skeptischen Stimmen im Verein begegnet werden. Vermutlich verschärfte das Engagement damit indirekt und ungewollt auch die starke Polarisierung in der Dortmunder Bevölkerung. 

These 4: Es gibt viele Ressourcenprobleme im Konkreten.

Mit dem Engagement in vielen Bereichen wurden schnell auch Defizite im Konkreten sichtbar. Deutlich wurde dies in den Schulen: Die Klagen über zu kleine Räume und überforderte Lehrkräfte sind ein Alarmsignal. An vielen Stellen wurde bereits schnell mit Förderungen reagiert, die einerseits akute Not verhinderte, andererseits aber auch Fragen aufwarf: Warum zum Beispiel standen in Schulen nicht schon vor und unabhängig von der Ankunft der Geflüchteten Mittel für nötige Sanierungen in ausreichender Weise zur Verfügung?

These 5: Es gibt bürokratische Hürden, die das Zusammenleben erschweren.

Eng verbunden mit Ressourcenproblemen sind bürokratische Hürden, die eine schnelle Integration auch derjenigen oft verhindern, die schnell die Sprache lernen. Besonders deutlich wurde dies im Bereich der Integration auf den Arbeitsmarkt. Sowohl Geflüchtete als auch Wirtschaftsvertreter*innen kritisieren bürokratische Probleme, lange Warte- und Prüfzeiten, den Starrsinn in Anerkennungsverfahren. In den Ergebnissen finden sich Beispiele von neu Zugewanderten, die alles mitbringen, um schnell in der neuen Umgebung und Gesellschaft anzukommen. Dass sie zum Nichtstun verdonnert sind, obwohl gleichzeitig Wirtschaftsvertreter*innen bereit sind, ihnen eine Chance zu geben, ist schlicht staatliches Versagen. 

These 6: Es droht die Überforderung des Ehrenamts.

 Ohne das vielfältige Engagement der Ehrenamtlichen wäre das Unterstützungssystem für Geflüchtete bereits kollabiert. Eine Aussage mit enormer Tragweite! Was passiert nämlich, wenn sich die Ehrenamtlichen zurückziehen? Hält dann das aufgebaute System? Erste Hinweise für einen Rückzug engagierter Helfer*innen zeigen sich in den Ergebnissen vor allem bei denen, die sich überfordert fühlen. Dies betrifft besonders den Umgang mit schwer traumatisierten Geflüchteten, die eine Adressatengruppe professioneller Psycholog*innen sein sollte. Hier zeigen sich hörbare Hilferufe und leider auch erste Rückzüge aus dem Engagement.

These 7: Ein Problem ist die individuelle Hilfe für die Geflüchteten.

In Dortmund konnten allgemeine Hilfestrukturen wie in vielen anderen Orten entwickelt werden. Problematisch bleibt jedoch der Einzelfall. Viele Geflüchtete brauchen individuell angepasste und auf sie zugeschnittene Hilfen und Förderungen. Dies überfordert an vielen Stellen die geschaffenen Strukturen. Interessant ist hier das explizite Lob von vielen jungen Geflüchteten für ihre Lehrer*innen in den Forschungsergebnissen. Viele erleben Schule als Ort der Sicherheit und des Vertrauens. 

These 8: Wir sind da – und jetzt?

Viele neu Zugewanderte plagt eine enorme Zukunftsangst, insbesondere die Ungewissheit bezüglich der eigenen Biografie. Ihr Weg nach Deutschland wurde geprägt von der Hoffnung auf Perspektive, die oftmals in Ernüchterung mündet. Die befragten Geflüchteten hatten teilweise einen guten Bildungshintergrund und hängen dennoch in der Schwebe. Auch die anfängliche Willkommenskultur dringt nicht zwingend in ihren Alltag durch. Viele Engagierte wohnen schließlich nicht in den sozialen Brennpunkten mit den Geflüchteten zusammen, sondern leben in sozial besser gestellten Stadtteilen. 

These 9: Der Diskurs ist verkrampft.

Konflikte können nur gelöst werden, wenn man sie anspricht, Ängsten kann nur entgegen- gewirkt werden, wenn man sie sich eingesteht. Was banal klingt, erhält dann eine gesellschaftliche Bedeutung, wenn sich die Stimmen in den Reportagen des Forschungsprojekts mehren, dass man Angst habe, als „Rassist*in“ bezeichnet zu werden, wenn man Kritik an konkreten Umständen äußere. Das beginnt beim Sprachgebrauch: Spricht man nun von Flüchtlingen oder Geflüchteten? Die Sprachforschung gibt bisher keine befriedigende Antwort und den Betroffenen war es zumeist egal, welcher Begriff verwendet wurde. Brisanter als die Suche nach dem passenden Begriff sind jedoch jene Aussagen in den Reportagen, die darauf hinweisen, dass auch konkrete Konflikte und Probleme nicht offen thematisiert werden könnten. Hier drohen Konflikte zu eskalieren, weil eine Kultur fehlt, Probleme zu benennen, um sie lösen zu können. Sprachbarrieren zeigen sich besonders zwischen gender- und rassismuskritischen, akademischen Milieus und dem Rest der Gesellschaft. Vertrauensvolle Grenzgänger*innen sowie ein Schwung Humor und Gelassenheit auf beiden Seiten könnten hier Hemmnisse abbauen und eine Konzentration auf die Bedarfe der Realität ermöglichen.

 

Prof. Dr. Dierk Borstel
Professor für praxisorientierte Politikwissenschaften der Fachhochschule Dortmund und Vertrauensdozent der Hans-Böckler-Stiftung

Fotos: andrey-fo, inkje, ruewi / photocase.de

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