Schulleitung richtig weiterentwickeln

Pläne der NRW-Landesregierung für Schulleiter*innen

Setzt die aktuelle Landesregierung verstärkt auf liberale Schulfreiheit? Damit Schulleitung jedoch konstruktiv weiterentwickelt werden und künftig unter guten Bedingungen arbeiten kann, wäre das der falsche Weg.

Es fing gut an: Wie im Wahlkampf und im Koalitionsvertrag versprochen, setzten CDU und FDP die von SPD und GRÜNEN verweigerte bessere Bezahlung der stellvertretenden Schulleiter*innen an Grund- und Hauptschulen nach der Regierungsübernahme schnell um. Rosige Zeiten also für Schulleiter*innen?

Für die GEW NRW ist klar, dass von Schul-leiter*innen heute enorm viel erwartet wird. Sie tragen in hohem Maß Verantwortung für das Gelingen der schulischen Arbeit, sind Moderator*innen, Organisator*innen und Kommunikator*innen für schulische Entwicklungsprozesse. Gleichzeitig sind sie Führungskräfte mit Personalbefugnissen und es wird von ihnen erwartet, dass sie nicht nur Expert*innen für Schul- und Verwaltungsrecht sind, sondern auch über Kenntnisse im Arbeits- und Dienstrecht verfügen. Schulleitung ist ein eigenständiger Beruf nach der Ausbildung und Tätigkeit als Lehrkraft geworden, auf den man sich umfassend vorbereiten und für den man sich qualifizieren muss. Das Land NRW muss daher viel mehr investieren, um die Ausübung dieses Berufs mit guten Arbeitsbedingungen zu ermöglichen.

NRW-Schulministerin setzt verstärkt auf liberale Schulfreiheit

An welchem Leitbild wollen CDU und FDP die Weiterentwicklung von Schulleitung in NRW orientieren? Ein Blick in den Koalitionsvertrag und die sogenannte Kleine Regierungserklärung, die NRW-Schulministerin Yvonne Gebauer im Oktober 2017 im Ausschuss für Schule und Bildung im Landtag vorgestellt hatte, gibt eine Antwort. Begrifflich knüpft Yvonne Gebauer an frühere – klassisch liberale – Positionierungen der FDP in der Debatte um die Eigenverantwortung von Schulen an: „Wir wollen Schulleitungen, die sich im besten Sinne auch als Manager ihrer Schulen verstehen. Dazu benötigen sie mehr Gestaltungsspielräume, auf die sie vorab verlässlich vorbereitet werden müssen. Ziel muss es sein, mehr Raum zu geben für die Verwirklichung des Kernauftrags unserer Schulen. Um diesen Raum besser zu nutzen, setzen wir auf die hohe Motivationskraft von Selbstständigkeit und Eigenverantwortung. Erfreulicherweise erreichen uns schon jetzt Anträge aus Schulen, die größere Autonomie wagen wollen.“

Gute Schule braucht mehr Mitwirkung und Mitbestimmung

Beim genaueren Vergleich von Koalitionsvertrag und Kleiner Regierungserklärung fällt auf, welche Punkte die Schulministerin weg-gelassen hat. Im Koalitionsvertrag steht, welche neuen Gestaltungsspielräume gemeint sind: Auf freiwilliger Basis sollen Schulen ihre Personalmaßnahmen eigenständig treffen können. Dazu gehören Entscheidungen über Finanzmittel bei Einstellungen (freie Personalmittel) oder beim Jobsharing für Schulleitungen. Mehr finanzielle Freiheit soll durch Schritte von kleinen zu großen Schulbudgets, durch die Übertragbarkeit und die Möglichkeit für Anspareffekte sowie gegenseitige Deckungsfähigkeit eröffnet werden. Neben der pädagogischen, der personellen und der finanziellen Freiheit sollen Schulen mehr organisatorische Freiheiten bekommen. Das könnte mehr Freiheit bei der Gestaltung des Ganztags, beim Wechsel von Träger*innenschaften und bei der Organisation der Schulgremien wie beispielsweise der Einrichtung eines Schulvorstands bedeuten oder auch, dass Berufskollegs Bildungsgänge verstärkt selbst festlegen können.

Die im Koalitionsvertrag beschriebene Entwicklungsrichtung ist jedoch nicht sinnvoll für kluge Schulentwicklung. Nicht nur, weil von Mitwirkung und Mitbestimmung keine Rede ist. Die GEW NRW wird in Zukunft sehr genau darauf achten, dass die Übertragung neuer Aufgaben auf die Schulen, die Schaffung neuer Möglichkeiten für Schulleiter*innen und die etwaige Übertragung neuer Zuständigkeiten für Schulleiter*innen in personellen Fragen mit einer Stärkung der Mitwirkungsrechte  von Schüler*innen und Eltern sowie mit der Wahrung beziehungsweise dem Ausbau der Mitbestimmungsrechte der Lehrer*innen einhergehen. Nur Mitwirkung und Mitbestimmung machen Schule besser.

Aufgabenkritik und Bürokratieabbau sind längst überfällig

Seit Jahren weist die GEW NRW darauf hin, dass nicht alles, was Schulleitung jetzt tut, auch wirklich von ihr erledigt werden muss. Eine Aufgabenkritik ist überfällig. Insofern ist zu begrüßen, dass das Versprechen zum Bürokratieabbau starkes Gewicht im Koalitionsvertrag und in der Kleinen Regierungserklärung hat.

Yvonne Gebauer formuliert in der Kleinen Regierungserklärung: „Gleichzeitig aber klagen Lehrkräfte und Schulleitungen über zu enge Spielräume, über ein Zuviel an Vorgaben und  Bürokratie. Wir werden prüfen, wo Überregulierung und zu enge Zügel unsere Schulen behindern. Wir wollen eine kritische Revision schulischer Bürokratie und eine Schulassistenz, die Schulen von Verwaltungsaufgaben entlastet.“ Mit dem Einsatz von Schulverwaltungsassistent*innen könnten in der Tat viele Aufgaben delegiert werden und Schulleitungen sich mehr um Schulentwicklung kümmern.

Als CDU und FDP noch in der Opposition waren, forderten sie immerhin 3.000 Schulverwaltungsassistent*innen. Die zentrale Frage blieb und bleibt allerdings unbeantwortet: Geht es um zusätzliches Personal, das wirklich zur Entlastung beiträgt? Oder geht es vielmehr darum, Stellen für Schulassistent*innen auf Lehrer*innenstellen anzurechnen, und so „teure Arbeit“ von Lehrer*innen und Schulleiter*innen von Verwaltungsarbeit zu befreien und Anrechnungsstunden sowie Leitungszeit zu reduzieren? Das wäre eine neue Facette von Sparpolitik  zulasten der Schulentwicklung und der Beschäftigten.

Vakanzen entschieden bekämpfen

Mit der Besoldungserhöhung für Schulleiter*innen und stellvertretende Schulleiter*innen an Grund- und Hauptschulen haben die Regierungen von SPD und GRÜNEN sowie von CDU und FDP einen Vorschlag aus dem „Abschlussbericht der Projektgruppe Schulleitungen – Diskussionsgrundlage zur Besetzungssituation an nordrhein-westfälischen Schulen“ umgesetzt. Die ehemalige NRW-Schulministerin Sylvia Löhrmann hatte den Bericht dem Landtag mit einem Anschreiben übermittelt, dem folgende Passage zu entnehmen ist: „Ich möchte darauf hinweisen, dass die Vorschläge im Bericht nicht mit den Fachabteilungen des Ministeriums abgestimmt worden sind. Dies gehörte auch nicht zum Auftrag der Projektgruppe. Ebenfalls gibt es innerhalb der Landesregierung keine abgestimmte Position zu den aufgezeigten möglichen Handlungsoptionen.“ In Übereinstimmung mit den Mitgliedern der Projektgruppe verstehe sie den Abschlussbericht vielmehr als Fakten- und Diskussionsgrundlage für den weiteren politischen Meinungsbildungsprozess innerhalb der Landesregierung und in den parlamentarischen Gremien, schrieb Sylvia Löhrmann weiter.

Es ist dringend erforderlich, diesen Meinungsbildungsprozess nun schnell zu einem Ende zu bringen. Es schadet sicher nicht, dabei die Gewerkschaften, die kommunalen Spitzenverbände und andere Interessenverbände mit einzubeziehen. Der Bericht benennt folgende Baustellen:

  1. Ressourcen: Schulleitung im Team, ständige Stellvertretungen an Schulen, erweiterte Schulleitungen, Leitungszeit an Schulen, Anrechnungsstunden und Personal der Schulträger*innen
  2. Vereinbarkeit von Familie und Beruf: Wahrnehmung des Leitungsamts in Teilzeit und Jobsharing
  3. Leitungsbezogene Personalentwicklung: Systematisierung der Personalentwicklung, Fortschreibung und Ergänzung der Orientierungs-, Fort- und Weiterbildungsangebote für Lehrkräfte und Schulleitungen, berufsbiografisches Portfolio Leitung
  4. Gleichstellungsrelevante Aspekte

Arbeitsprozesse wie die der Bildungskonferenz unter SPD und GRÜNEN oder runde Tische soll es unter CDU und FDP nicht mehr geben. 
Die Landesregierung wäre allerdings gut beraten, bei der Beantwortung der Fragen, was gute Schulleitung braucht und wie man engagierte Lehrer*innen für Schulleitung gewinnen kann, davon abzuweichen. Es ist Zeit! Vakanzen
 sind schlecht für „beste Bildung“, Schulleite
r*innen mit schlechten Arbeitsbedingungen nicht weniger.

Dorothea Schäfer
Vorsitzende der GEW NRW

Fotos: iStock.com / stevano und vicigorStokkete / shutterstock.com

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