Pinkstinks fördert Geschlechtergerechtigkeit

Vielfalt ist Schönheit

Mädchen tragen immer rosa, Jungen nur hellblau? Gegen solche Geschlechterklischees setzt sich die junge Protestorganisation Pinkstinks seit 2012 ein. Ihr Ziel: mehr Flexibilität in den Köpfen und Rollenvielfalt – auch und vor allem in Kita und Schule.

„Mädchen sein kann man auf viele Weisen. Junge auch.“ Diese Maxime prägt die Arbeit des Hamburger Vereins Pinkstinks, der sich gegen limitierte Geschlechterrollen und Sexismus in Werbung und Produktwelten engagiert. Auch wenn in Bezug auf Gleichberechtigung und Geschlechtergerechtigkeit in den vergangenen Jahrzehnten schon viel erreicht wurde, bleibt noch unglaublich viel zu tun.

Unsere Wahrnehmung wird von Stereotypen und Gender Marketing geprägt. Stereotype sind die Schubladen, die jede*r von uns im Kopf hat und in die wir unsere Mitmenschen tagtäglich einordnen. Mädchen sind weiche, pinke Prinzessinnen, die Interesse an Verschönerungen und kümmernden Tätigkeiten haben. Jungen sind wilde, dreckige Kerle, die Dinge aktiv gestalten und in die Hand nehmen. An sich sind diese Eigenschaften vollkommen unproblematisch und Teil der kindlichen Identitätsfindung. Schwierig wird es, wenn wir diese Eigenschaften als geschlechtsspezifischen Imperativ an Kinder und Jugendliche richten: Beweise mir deine geschlechtliche Identität, indem du bestätigst, was ich von dir erwarte! Spiel nicht mit Puppen und trage keine Kleider und Haarspangen, wenn du ein Junge bist. Verhalte dich brav, ausgleichend und fürsorglich, wenn du ein Mädchen bist.

Gender Marketing macht diese Stereotype zu Geld, indem es eine rosa - hellblaue Produktwelt kreiert, mit der insbesondere Kinder und Jugendliche immer wieder aufgefordert werden, ihre Identität durch vorgeblich geschlechtskonformen Konsum zu belegen. Dadurch wird eine höhere Bindung an die Kundschaft und eine Verdopplung des Absatzmarkts erreicht. Wenn die ältere Tochter dem rosafarbenen Fahrrad entwachsen ist, können Sie es nicht dem jüngeren Bruder vermachen, auch wenn es noch funktionstüchtig ist. Sie müssen schon ein hellblaues Fahrrad kaufen. Andernfalls nehmen Sie in Kauf, dass der Junge in Kita oder Schule ausgelacht und geschnitten wird. Eine Möglichkeit, das zu verhindern, besteht darin, die Kinder möglichst rollenkonform zu erziehen und darauf hinzuarbeiten, dass sie mit ihrer Identität nirgendwo anecken. Aber das ist der leichtere, der einfältigere Weg. Es ist der Weg, der Kinder und Jugendliche in Geschlechterzwangsjacken steckt und Sexismus, also Diskriminierung aufgrund von Geschlecht, Vorschub leistet.

Pinkstinks fördert Geschlechtergerechtigkeit

Geschlechtliche Rollenzuschreibungen

Pinkstinks versucht, diese Einfalt durch Vielfalt zu ersetzen. Denn Fürsorge oder Technikbegeisterung haben kein Geschlecht. Und wir alle profitieren davon, wenn wir Kinder und Jugendliche nicht davon abhalten, sich wichtige Interessengebiete anzueignen. Frei sprechen zu können, sicher aufzutreten, sich mitfühlend und solidarisch zu verhalten, komplexe Sachverhalte zu begreifen und Probleme anzugehen – all das sind Dinge, die allen Menschen gut zu Gesicht stehen und die niemanden in der Eigen- oder Fremdwahrnehmung weniger männlich beziehungsweise weiblich machen sollten.

Die Antwort auf das Bedürfnis nach Männern, die ihre Vaterrolle zugewandt und liebevoll definieren, liegt darin, ihnen als Jungen zu gestatten, sich Fürsorgekompetenzen spielerisch anzueignen. Die Antwort auf den Fachkräftemangel liegt darin, Berufsfelder und Wirkungsbereiche im Bewusstsein von Mädchen nicht als unweiblich zu verankern. Wir können nur sein, was wir sehen. Wir begreifen das, was wir anfassen dürfen.

Rollenvielfalt heißt also, auf geschlechtliche Zwangszuschreibungen und Limitierungen zu verzichten – mit deutlichen Ergebnissen. Die letzte PISA-Studie hat ergeben, dass Mädchen in naturwissenschaftlichen Fächern die gleichen Leistungen erbringen können wie Jungen, es aber nicht tun, um ihre geschlechtliche Identität vor anderen zu bestätigen. Kinder und Jugendliche wissen, dass wir uns als Gesellschaft darauf verständigt haben, Wissensgebieten ein Geschlecht zuzuordnen. Deswegen verkaufen Modeketten auch T-Shirts mit der Aufschrift „In Mathe bin ich Deko“ an Mädchen. Deswegen werden Jungen immer wieder mit allem angesprochen, was Krach macht, mit Aktion und Bewegung zu tun hat und die motorischen Fähigkeiten fordert. Wenn Mädchen angehalten werden, auf naturwissenschaftlichen Tests ihr Geschlecht anzugeben, schneiden sie schlechter ab. Wenn Jungen sich isoliert von anderen Jungen einem Sprachtest unterziehen, ist das Ergebnis merklich besser. Stereotype wirken und bedrohen. Rollenvielfalt bedeutet in diesem Zusammenhang auch nicht, Geschlechterstereotype um jeden Preis zu brechen und inhaltlich in ihr Gegenteil zu verkehren. Rollenvielfalt kann nicht erzwungen werden. Jungen müssen sich nicht für bunte Fingernägel interessieren und Mädchen nicht für Zahlen begeistern.

Schubladen im Kopf vermeiden

Der erste Schritt besteht darin, Rollenvielfalt zuzulassen. Und dafür müssen wir mit den Schubladen in unseren Köpfen beginnen. Der fünfjährige Junge muss nicht mit Verweis auf sein Geschlecht auf das Kleid angesprochen werden, das er so gerne trägt. Und dass ihm seine langen Haare mit zwölf beim Schreiben ins Gesicht fallen, passiert nicht nur ihm, sondern auch vielen Klassenkameradinnen. Seine Haare sind genauso viel oder wenig ein Problem wie bei allen Kindern, die offene, lange Haare tragen. Unabhängig vom Geschlecht. Mädchen müssen nicht mit Sätzen wie „Ich brauch mal vier starke Jungs, die mir beim Tragen helfen!“ immer wieder auf ihre angebliche Schwäche hingewiesen werden. Das schließt aus. „Wer hilft mir?“ hingegen lädt ein.

Individuelle Talente wertschätzen

Der zweite Schritt besteht aus Wertschätzung. Es ist eine Sache, Kinder und Jugendliche nicht zu bestrafen, wenn sie unsere Rollenerwartungen nicht erfüllen. Eine völlig andere ist es, ihnen mit Wertschätzung und Bestärkung zu begegnen. Dass Jungen sich womöglich für Ballett begeis-tern, ist genauso großartig wie Mädchen, die sich im Kampfsport austoben. Bestenfalls führt das zu fokussierten, ausgeglichenen Kindern, die Freude an Bewegung haben. Wenn ein Junge besonders schön schreibt und ein Mädchen Gleichungen besonders elegant und effizient löst – warum sollte das nicht wertgeschätzt werden? Wie verstellt ist unser Blick, wenn wir solche Dinge wegen klischeehafter Rollenerwartungen nicht sehen?

Mut machen zur freien Entfaltung

Der dritte Schritt besteht aus Ermutigung: Es ist in Ordnung, ihr dürft so sein. Ein Junge kann sich als Prinzessin verkleiden und ein Mädchen als Superheld. Und ihr anderen könnt das auch, wenn ihr wollt! Ihr seid nicht falsch in dem, was ihr anzieht und wofür ihr euch begeistert. Vielfalt ist Schönheit. Damit wird nicht etwa der Geschlechterunterschied eingedampft und Gleichmacherei betrieben, wie Gegner*innen einer sogenannten Gender-
Ideologie gerne unterstellen, sondern Diversität anerkannt gefeiert. Diversität wendet sich gerade gegen Gleichmacherei. Und zwar gegen binnengeschlechtliche Gleichmacherei. Es stimmt natürlich, dass Mädchen und Jungen nicht gleich sind. Mädchen und Mädchen oder Jungen und Jungen aber auch nicht.

Zulassen, wertschätzen, ermutigen – zu diesen drei Schritten versucht Pinkstinks seit 2012 Menschen aller Altersgruppen zu ermuntern. Mit Theaterstücken für mehr Vielfalt und Geschlechtergerechtigkeit an Schulen. Mit Vorträgen, Workshops, Infomaterialien, politischer Lobbyarbeit und kreativem Protest gegen die Einfalt von Rollenzwängen. Damit sanften Jungen und starken Mädchen nicht mehr ins Gesicht geschleudert wird, dass sie nicht echt seien. Damit Männer nicht vom Mars kommen müssen und Frauen von der Venus. Damit niemand mehr Ausgrenzung und Diskriminierung erfahren muss. //


Nils Pickert
Chefredakteur von Pinkstinks

Fotos: vanda lay, nivoa / photocase.de

 

Sexistische Werbung

Werbemelder*in werden

Mit dem Projekt Pinkstinks Werbemelder*in macht die Organisation im Netz auf diskriminierende Werbung aufmerksam.

Wer eine Werbung einreichen möchte, lädt das Bild des sexistischen Motivs auf der Projekthomepage unter www.werbemelder.in oder über App hoch und verlinkt das Bild auf einer Deutschlandkarte. Vor der Veröffentlichung prüft Pinkstinks alle Einsendungen und sortiert sie nach drei Kategorien: sexistisch, nicht sexistisch und stereotyp. Werbemotive, die sexualisierte Frauen ohne Produktbezug zeigen, sind sexistisch. Das gilt auch für Anzeigen, die Frauen als käuflich abbilden.

 

Pinkstinks im Unterricht

Schultheaterstück

Pinkstinks bringt das Thema Sexismus in den Medien mit einem Theaterprojekt an Schulen.

Theaterpädagogin Blanca Fernandez besucht deutschlandweit Schulen und macht Kinder stark gegen Sexismus in den Medien. Grundschüler*innen fesselt sie mit der Geschichte „David und sein rosa Pony“ und befragt sie nach ihren eigenen Erlebnissen mit Spielzeug und Stereotypen. Jugendliche ab der siebten Klasse sehen das Stück „Vielfalt ist Schönheit“, in dem es um den medialen Druck durch YouTube, Germanys Next Topmodel und Instagram geht.

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