Frauen in Gewerkschaften

Viel passiert und noch viel zu tun

Seit drei Monaten stehe ich als erste Frau an der Spitze des DGB NRW. Vielleicht verdanke ich es meiner guten Ausbildung, ganz sicher aber meiner selbstbewussten Mutter, dass es für mich immer selbstverständlich war, in den vorderen Reihen mitzuwirken.

Gerade am Anfang meiner  Gewerkschaftskarriere stand ich mit dieser Haltung allerdings noch ziemlich allein da. In den meisten Sitzungen saß ich als einzige Frau zwischen vielen Männern. Zum Glück hat sich seitdem einiges getan: Bei ver.di, der GEW oder der NGG dominieren in vielen Bereichen die Frauen und auch bei den anderen DGB-Gewerkschaften sind Vorstände und Leitungspositionen nicht mehr ausschließlich für Männer reserviert. Es ist nichts Besonderes mehr, eine Frau zu sein, und das ist gut so.

Dass die Gewerkschaften hier deutlich weiter sind als andere Institutionen, wird mir in meiner neuen Funktion als Vorsitzende des DGB NRW tagtäglich klar. Auf dem politischen Parkett finde ich mich in einer Welt der älteren Herren wieder, der grauen Anzüge und der dunklen Krawatten. Wenn Minister*innen einladen, wenn Spitzenvertreter*innen aus Wirtschaft und Gesellschaft zusammenkommen, sind Frauen nach wie vor die Ausnahme. Das Gleiche gilt übrigens auch für Menschen unter 50 Jahren und diejenigen mit Migrationshintergrund. Das ist eine erschreckende Schieflage:
Obwohl diese Gremien nicht einmal annähernd unsere Gesellschaft repräsentieren, entscheiden sie maßgeblich mit über deren Zukunft.

Immer wieder die eigene Haltung hinterfragen

Aber klar ist auch: Grund sich zurückzulehnen, haben Gewerkschaften nicht. Auch bei uns ist die Lücke zwischen Männern und Frauen noch groß, noch immer ist Macht ungleich verteilt. Quotenregelungen haben geholfen und helfen, Veränderungsprozesse anzustoßen, aber sie allein werden nicht reichen. Wir müssen darüber hinaus immer wieder unsere eigene Haltung hinterfragen: Tun wir tatsächlich alles, um das Geschlechterverhältnis in den eigenen Reihen zu verbessern?

Bei den meisten Gewerkschaften ist die Genderperspektive in der Personalentwicklung und Einstellungspraxis gerade bei Führungspositionen unterentwickelt.  Aber auch bei unserem Angebot für Ehrenamtliche und einfache Mitglieder richten wir uns zu oft nach männlichen Bedürfnissen. Viele Veranstaltungen finden nach wie vor mit rein männlich besetzten Podien statt, was dazu führt, dass auch das Publikum mehrheitlich aus Männern besteht. Männer reden mit Männern über Themen, die Männer interessieren. Und darüber hinaus häufig zu Tageszeiten, die es insbesondere Frauen mit kleinen Kindern schwer machen, überhaupt teilzunehmen. So wird es kaum gelingen, Frauen von unserer Arbeit zu überzeugen. Männer und Frauen schauen unterschiedlich auf die Welt und dieser Unterschied muss sich auch in unserer Themen- und Veranstaltungsplanung wiederfinden.

Neue Arbeitszeitmodelle für mehr Geschlechtergerechtigkeit

In diesem Sinne ermutigt mich sehr die neue Debatte um die Arbeitszeit. Ein Recht auf verkürzte Vollzeit, das Rückkehrrecht von Teil- auf Vollzeit und eine gerechtere Verteilung der Haus- und Erwerbsarbeit zwischen den Geschlechtern sind ins Zentrum des politischen Diskurses gerückt. Das ist vor allem ein Erfolg der Gewerkschaften, denn sie haben das Thema Arbeitszeitgestaltung in die Tarifverhandlungen aufgenommen und die Debatte angestoßen. Wir sind Fortschrittsmotor für eine geschlechtergerechtere Gesellschaft. Denn es geht nicht nur darum, dass Frauen die gleichen Rechte wie Männer einfordern. Es geht auch darum, dass sie anders leben und anders arbeiten wollen.

Von Albert Einstein stammt der Satz: „Wir können Probleme nicht lösen, indem wir auf die gleiche Art und Weise denken, wie zu dem Zeitpunkt, zu dem wir sie haben entstehen lassen.“ Diesen Spruch sollten wir beherzigen, wenn wir darüber diskutieren, wie wir mehr Frauen für die Gewerkschaften gewinnen können.

Anja Weber
Vorsitzende des DGB NRW

Foto: Vika Dubovaya/shutterstock.com

 

 

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