Kooperatives Lernen: (Lern-)Räume schaffen

Raumorganisation in kooperativen Lernformen

Kennen Sie das? Sie wollen in modernen Unterrichtsformen kommunikativ und kooperativ unterrichten, doch die Tischordnung im Klassenraum ist völlig ungeeignet? Der Raum ist für 28 Menschen geplant worden, aber es sitzen 32 Lernende vor Ihnen? Er müsste umgeräumt werden, aber das würde zu viel Zeit erfordern? Wir zeigen Ihnen sechs alternative Formen der Raumorganisation, die Sie in Ihrer Arbeit unterstützen können.

Auch wenn Sie manche Formen der Raumorganisation im Team absprechen sollten – vorab: Sorgen Sie für sich! Als Lehrende*r brauchen Sie eine Bühne – das heißt: einen Raum, von dem aus Sie für jede*n Lernenden gut sichtbar sind. Sie geben in der Regel die Methoden vor. Sie erklären Sachverhalte und sollten dafür die volle Aufmerksamkeit erhalten können. Jedes Hindernis in der Blickachse der Lernenden erschwert Ihre Arbeit: Tische mit Overhead-Projektoren, Computerterminals, hochgestellte Stühle, mobile Medienstationen, zu viele Rücken der Mitschüler*innen oder gar der eigene Alukoffer.
Ziel ist der freie, unverstellte Blick. Brauchen Sie das zentrale Lehrerpult zwischen Ihnen und der Klasse wirklich? Reicht vielleicht ein Einzeltisch mit einem Stuhl an der Seite, um die Klassenbucheinträge vorzunehmen? Der Vorteil: Sie haben sofort freien Durchgang in die Mitte des Raumes. Das ist Ihr „Laufsteg“, denn jede*r Lernende ist mit direktem Blickkontakt erreichbar. Wichtig ist, die Tische so stellen, dass die Sichtachse frei nach vorne gerichtet ist.

Tische in idealer Anordnung

Optimal sind Gruppentische mit vier Sitzplätzen. Die Schüler*innentische stehen gegenüber und weisen mit der Stellachse zur frontalen Lehrer*innenposition. Bei zweisitzigen Tischen kann maximal noch ein Tisch quer hinten angestellt werden. Die Tische werden um eine leere Raummitte positioniert, so nah an der Klassenraumwand wie möglich. In der Mitte ist viel Platz, der für Präsentationen vor Tafel, Flip-Charts oder ähnlichem oder für einen Stuhlkreis genutzt werden kann. Leider ist ein geeigneter Raumzuschnitt, in dem Länge und Breite des Raumes annähernd gleich sind, nur selten an unseren Schulen anzutreffen.

Tische in Busform

Die Busform ist eine Kompromisslösung, die einer möglichst hohen Schüler*innenzahl mit guter Sichtachse auf die „Lehrbühne“ gerecht wird. Jedoch lassen viele Tische in zu wenig Raum und die hohe Komplexität der Tischanordnung ein Verstellen der Möblierung kaum zu. Wenn die Tische bleiben müssen, wo sie sind, bewegen sich die Lernenden mit ihren Stühlen so an die Kreuzungs- und Endpunkte der Tische, dass kooperative Lernformen möglich werden.
Die Kreuzungspunkte der Tische gestatten die Erstellung von Plakaten bis DIN A2. Für größere Formate reicht die Tischfläche nicht aus. Gruppenkommunikation gelingt gut, auch wenn der Sichtkontakt während der Gruppenarbeit zur Lehrkraft nicht von allen Positionen gegeben ist. Die Lautstärke kann durch die Nähe der Gruppenmitglieder zueinander gesenkt werden. Wichtig ist, dass die Lernenden die „30-cm-Stimme“ kennen und einhalten können. Diese Murmellautstärke ermöglicht zeitgleiche Kommunikation mehrerer Gruppen, die im größtmöglichen Abstand zueinander arbeiten, damit die Gefahr des Aufschaukelns der Lautstärke reduziert wird.

Tische im Quadrat

Die Klasse im Quadrat eignet sich gut für den offenen Diskurs in der Klasse: Jede*r sieht jede*n! Ein großer Freiraum in der Mitte bietet Raum für szenisches Spiel, Präsentationen und mehr. Nur: Wohin mit den Lernenden? Die Tische müssen so weit wie möglich an der Wand stehen.
So ergeben sich in dieser Anordnung einige Nachteile: Der Durchgang zwischen Wand und Tisch ist eng. Materialien in Schränken hinter den Lernenden können während des Unterrichts nicht problemlos entnommen werden. Bei Kommunikation in kleinen Gruppen ist schnell die ganze Klasse involviert. Doch die Tische im Quadrat haben auch klare Pluspunkte: Durchgänge zwischen den Tischreihen fördern die Mobilität der Lernenden. Kleingruppenarbeit im Sitzen ist an den Eck- und Endpunkten der Tischreihen möglich. Soll mündlich oder nur auf kleinen Arbeitsflächen gearbeitet werden, bleiben die Tische stehen. Werden Arbeitsflächen über DIN A2 benötigt, wird jeweils ein Endtisch umgestellt – also nur nur vier Tische. Arbeitsmaterialien befinden sich vor der Gruppenarbeitsphase in der Raummitte auf Materialtischen und sind gut für alle erreichbar.

Tische in Reihe

Bei der traditionellen Sitzanordnung in Reihen sind alle Blicke sind nach vorne gerichtet, die Lehrenden stehen im Fokus. Die Lernenden sitzen zu zweit an Tischen, die Schulterpartner*innen sind auch direkte Gesprächspartner*innen. Die jeweils dahinter sitzende Reihe bietet weitere Gesprächspartner*innen und damit die Möglichkeit, schnell Vierergruppen zu bilden, ohne dass Tische verrückt werden müssen. Die Materialgröße ist zwar eingeschränkt, aber eine Zusammenarbeit ist möglich. Die Gruppenzusammensetzung wird durch den Sitzplatz der Lernenden bestimmt. Die Entfernung der Gruppen zueinander kann erhöht und so die Gesprächslautstärke gesenkt werden. Nachteilig ist, dass während der Gruppenarbeitsphase die Hälfte der Klasse mit dem Rücken zur zentralen Lehrposition sitzt. Als Lehrende*r sollten Sie sich daher an den Längsseiten aufhalten. Alternative Tafeln, Whiteboards oder Projektionsflächen unterstützen hier Ihre Arbeit. Materialschränke bleiben frei zugänglich.

Tische in Tafelform

Die Tischanordnung in Tafelform ist sehr kommunikativ und bildet in Teilen real angelegte Arbeitssituationen ab. Lernende können üben, mit komplexen Kommunikationssituationen umzugehen. Nicht nur Lehrende sind so gut sichtbar, auch die Kommunikationspartner*innen links, rechts und gegenüber machen die Kommunikationsmöglichkeiten sehr vielfältig – aber auch störungsanfällig. Dementsprechend ist diese Tischanordnung für selbstkompetente Lernende oder für hochkommunikative Unterrichtsprozesse mit motivierten Lernenden oder konzentrierte Einzelarbeit geeignet. Kleingruppen zu bilden, ist nicht sehr aufwendig: Verwenden Sie Bücher oder kleine Aufsteller als Tischteiler oder rücken Sie die Tische auseinander. Nur dann haben die Lernenden die Chance, ihre eigenen Prozesse zu steuern und weniger von anderen Gruppen gestört zu werden.
Aus dem computergestützten Unterricht und aus Klassen mit stark heterogenen Lerngruppen kommt eine interessante Variante: Die mittig gesetzte, lange Tafel wird flankiert durch an Längsseiten positionierten Tische, an denen Still- und Partner*innenarbeitsphasen stattfinden. Im Unterricht selbst kann so die Sozialform fließend gewechselt werden. In komplexen Situationen können Lernende je nach Leistungsfähigkeit an verschiedene kommunikative Prozesse herangeführt werden. Bedingung für diese Raumgestaltung ist, dass die Gruppe entweder klein oder der Platz groß ist.

Tische im Winkel

Jede Tischgruppe für vier Lernende ist nach vorne auf einen zentralen Blickpunkt ausgerichtet, ist gut zugänglich und kann zügig von einer Einzel-/Partner*innensituation zur Gruppensituation umgebaut werden. Als Mischform aus Bus- und Gruppentischsituation stehen alle Tische leicht angeschrägt im Raum genau auf die zentrale Position ausgerichtet. Ablagen an oder unter den Tischen sind hinderlich. Ist der Klassenraum groß genug, gewährt diese Anordnung viel Platz für Bewegung, einen breiten Durchgang in der Mitte und gute Sichtverhältnisse. Diese Sitzordnung erzeugt viele offene Flächen, sodass Materialtische am Ende des Raumes positioniert, gut erreicht werden können.

Und wenn scheinbar gar nichts geht?

Kooperativer und kommunikativer Unterricht ist auch möglich in engen, vollen Räumen, die nicht umgeräumt werden können. Achten Sie darauf, dass der Raum wenig Ablenkung vom Lern-
geschehen bietet, beispielsweise durch überzählige Tische und Stühle, unaufgeräumte Regale, alte Präsentationen, Wandzeitungen oder Plakate.

Marayle Küpper
Lehrerin für Gestaltungstechnik und Deutsch, Fachleiterin Gestaltungstechnik am ZfsL Düsseldorf, Moderatorin für Kooperatives Lernen am Green-Institut Rhein-Ruhr

Dr. Petra Regina Moog
Leitung der Sophia::Akademie Düsseldorf, Schulentwicklungsbegleiterin und Schulbauberaterin, Dozentin für Begabungsförderung am CCB Düsseldorf

Foto: krockenmitte / photocase.de

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