Politische Mitbestimmung junger Menschen: Wir können einen Unterschied machen

Wo politische Mitbestimmung junger Menschen endet

„Ihr interessiert euch doch überhaupt nicht für Politik!“ Immer wieder müssen Schüler*innen sich Vorwürfe wie diesen anhören. Stimmt das? Wie wichtig ist jungen Menschen heute politische Teilhabe? Und wie gestalten sie sie? Die nds hat bei denjenigen nachgefragt, um die es geht: Schüler*innen. Franziska Heinisch von der Landesschüler*innenvertretung (LSV) NRW antwortet.

„Junge Menschen sind heute nicht mehr politisch, desinteressiert, ohne Meinung.“ Häufig hört man solche Sätze über das politische Engagement Jugendlicher in unserem Land. Richtig: Die Zeiten der Schüler*innenproteste, Schulstreiks und großer Jugendbewegungen sind lange vorbei. Vereine, Organisationen und soziale Initiativen leiden unter Nachwuchsmangel. Zuletzt suchte man unter den Kandidat*innen für die Bundestagswahl 2017 junge Menschen meist vergeblich. Ist die desinteressierte Jugend mit einem maximalen Horizont bis zum nächsten Smartphone-Bildschirm also traurige Realität?

Jugendliche leisten Beeindruckendes

Unsere Arbeit in der Landesschüler*innenvertretung (LSV) NRW zeichnet ein anderes Bild. Wir sehen die Schüler*innen, die sich mit ganzer Kraft einsetzen und ihre Meinung kundtun. Junge Menschen, die auf unterschiedliche Arten für andere eintreten. Sie leiten Schüler*innen-vertretungen, realisieren in Bezirksschüler*innenvertretungen Projekte oder diskutieren bis spät nachts auf Landesdelegiertenkonferenzen über die Themen, die uns bewegen:
Wie kann Schule allen Schüler*innen gleiche Chancen bieten? Wie schaffen wir Integration und Inklusion? Bereitet Schule uns heute auf unser Leben vor? Wann steht allen Menschen ein Platz in unserer Gesellschaft zu? Warum ist Bildung als vermeintlich wichtigstes Gut unserer Gesellschaft unterfinanziert?

Schüler*innenstimmen zählen nicht

Schulzeitverkürzung oder Inklusion sind zwei Beispiele, bei denen Fragen wie diese aufkommen.
Im Dialog mit verschiedenen Verbänden sowie mit der Politik sprechen wir uns deutlich gegen Schulzeitverkürzung aus. Schüler*innen benötigen Zeit zum Lernen – ohne G8 (oder G9) im Nacken. Aktuell bleibt neben Schule kaum noch Freizeit. Schulzeitverkürzung hat nicht zuletzt ihren Teil zum allseits bedauerten Nachwuchsmangel in Vereinen und Verbänden beigetragen. Hinweise von der LSV und Vereinen darauf wurden ignoriert.
Für die Umsetzung von Inklusion bietet das mehrgliedrige Schulsystem keine Lösungen an. Wir finden: Schule muss wieder Partizipation möglich machen. Sie muss allen Kindern die gleichen Chancen auf Bildung und individuelles Lernen bieten. Wir können nicht weiter über Inklusion wie ein abgeschlossenes Thema sprechen. Statt Kinder auf Förderschulen abzuschieben, wollen wir ihnen einen Platz dort geben, wo er ihnen zusteht: unter allen anderen Kindern.
Obwohl wir im Namen der 2,6 Millionen Schüler*innen Nordrhein-Westfalens sprechen, ist ein freundliches Nicken häufig die einzige Reaktion, die wir bekommen. Statt zu handeln, schiebt die Politik Investitionen auf, Probleme beiseite und Entscheidungen vor sich her. Unsere Stimme erhält selten und wenig Gehör, obwohl gerade wir diejenigen sind, die Schule tagtäglich erleben.

Mitbestimmung mit Grenzen

Die meisten Schüler*innen durften bei der Bundestagswahl im September 2017 nicht wählen. Damit fehlt uns das entscheidende Mittel politischer Mitbestimmung. Im Wahlkampf spielten infolgedessen Themen, die Jugendliche betreffen, für die Parteien kaum eine Rolle. Politik geschieht oft über unsere Köpfe hinweg. Die U18-Wahlen oder die Juniorwahl zeigen aber, dass Wahlen für Jugendliche sehr wohl ein Thema sind. Wir fordern daher eine Herabsetzung des Wahlalters, damit jungen Menschen in Zeiten der Überalterung eine gerechte Rolle zur Gestaltung unserer Zukunft zugestanden wird.
Denn Jugendliche haben Haltungen: Schüler*innen stellen sich entschieden gegen Fremdenfeindlichkeit und soziale Ungerechtigkeit. Bei den U18-Wahlen zur NRW-Landtags-wahl 2017 wurde die AfD nicht einmal in den Landtag gewählt. Wir treten für Vielfalt, Solidarität und Weltoffenheit ein und treten damit den schüler*innenfeindlichen bildungs- und gesellschaftspolitischen Vorstellungen einer Partei wie der AfD entgegen.

Frustration keinen Raum geben

Es ist beeindruckend, wie viele junge Menschen sich einsetzen, obwohl unsere Stimme sooft untergeht. Es ist bemerkenswert, wie viele Wege Schüler*innen finden, sich zu beteiligen, obwohl uns entscheidende Möglichkeiten nicht zur Verfügung stehen. Wann immer das Gefühl laut wird, wir hätten sowieso keinen Einfluss: Nein! Wir sind Millionen – allein in NRW. Wir wollen unsere Zukunft gestalten. Wir fordern Veränderungen. Wir wollen mitmischen. Wir können einen Unterschied machen. Morgen sind wir diejenigen, die entscheiden. Und wir sind nicht das, was man von uns behauptet.


Franziska Heinisch
Mitglied des Landesvorstands der LSV NRW

Fotos (v.o.n.u.): as_seen / photocase.de, Fotolia / rh2010, CL. / photocase.de

 

U18-Wahl

Wählen gehen als Selbstverständlichkeit

Die Debatten vor Europa-, Bundestags-, Landtags- oder Kommunalwahlen beschäftigen auch Kinder und Jugendliche. Die Initiative „U18“ beantwortet ihre Fragen und unterstützt ihre politische Meinungsbildung mit symbolischen Wahlen.
Seit 1996 werden die U18-Wahlen immer neun Tage vor offiziellen Wahlterminen abgehalten. Gewählt wird in eigens eingerichteten Wahllokalen, die vorab von den Kindern und Jugendlichen selbst angemeldet werden, etwa in Kinder- und Jugendeinrichtungen, in Schulen, Sportvereinen oder Bibliotheken. Wahlberechtigt sind alle unter 18-Jährigen, die sich in Deutschland aufhalten. Die Ergebnisse werden in eine Software eingegeben und gesammelt veröffentlicht.
In den Wahllokalen diskutieren Kinder und Jugendliche Themen, die ihnen wichtig sind, und nehmen die Parteiprogramme unter die Lupe. Je nach Altersgruppe, Ressourcen und Engagement führen sie Aktionen durch, die auch lokale Politiker*innen erreichen – so wirkt U18 im Idealfall in beide Richtungen.
U18 zielt auf eine selbstbestimmte Meinungsbildung sowie die Auseinandersetzung mit Politik und demokratischen Prozessen ab. So soll der Wahlgang für Kinder und Jugendliche selbstverständlich werden. Getragen wird die Initiative vom Deutschen Kinderhilfswerk, dem Deutschen Bundesjugendring, den Landesjugendringen, vielen Jugendverbänden und dem Berliner U18-Netzwerk.

Anja Heifel
nds-Redaktion

 

Juniorwahlen an Schulen

Politik in Schule erfahrbar machen

Die Juniorwahl ist das bundesweit größte Schulprojekt zur politischen Bildung. Es bereitet junge Menschen auf die zukünftige politische Partizipation vor und bietet einen Rahmen, um Demokratie zu üben.
Seit 1999 findet die Juniorwahl bundesweit parallel zu Europa-, Bundestags- und Landtagswahlen statt. Bis heute haben bislang 1,8 Millionen Schüler*innen an den unterschiedlichen Juniorwahlen teilgenommen.
Zunächst beschäftigen sich die Jugendlichen im Unterricht mit den Themen Wahl und Demokratie. Anschließend dürfen sie selber wählen, in der Regel eine Woche vor dem offiziellen Wahltermin oder schon davor. Das Ergebnis wird am Wahlsonntag um 18.00 Uhr veröffentlicht. Ziel ist es, das Interesse an Politik zu fördern, Begeisterung für politische Teilhabe und gesellschaftliches Engagement zu wecken sowie Meinungsbildungsprozesse zu fördern und das Urteilsvermögen zu stärken. Insgesamt sollen die Schüler*innen das demokratische System kennen und schätzen lernen.
Wie viele Stunden die Lehrkräfte für die Vorbereitung und Juniorwahl aufwenden, entscheiden sie selbst. In der Regel beginnt der projektbezogene Unterricht drei bis vier Wochen vor der Wahl in den Fächern Geschichte, Politik und Gemeinschaftskunde. Für jede Juniorwahl erhalten teilnehmende Schulen aktuelle didaktische Begleitmaterialien speziell zur jeweiligen Wahl, die eigene Materialien ergänzen. Zusätzlich organisieren viele Schulen Veranstaltungen zum Thema wie Podiumsdiskussionen mit Wahlkreiskandidat*innen,  Wahlstände und Wandzeitungen. Die Teilnahme ist kostenlos.
Träger des Projekts ist der gemeinnützige und überparteiliche Verein Kumulus e.V. aus Berlin, der 1998 aus einer Schulklasse heraus gegründet wurde. Seitdem engagiert sich der Verein mit unterschiedlichen Projekten im Bereich der politischen Bildung.

Jessica Küppers
nds-Redaktion

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