Unterricht mit integrativer Kraft

Über 300 Schulen in der Bundesrepublik bieten islamischen Religionsunterricht an. Nach meiner Erfahrung nehmen die SchülerInnen das Angebot mit großem Interesse an – auch wenn es anfängliche Berührungsängste gab, weil der Unterricht auf Deutsch, alltagsnah und in meinem Fall von einer Frau erteilt wurde. Einige SchülerInnen hinterfragten immer wieder die religionspädagogischen Vorgehensweisen und gelegentlich stellte der Einsatz des Korans ein Problem dar: Das für sie so wichtige Buch im Schulunterricht? Darin lesen ohne rituell reinen Zustand? Das war für viele neu. Viele Vorbehalte wurden jedoch im Laufe der Zeit abgelegt. Auch dass ich kein Kopftuch trage, spielt inzwischen keine Rolle mehr.

Gespräche gegen Vorbehalte

Die Eltern hegten zu Beginn mehrheitlich dieselbe Skepsis. Auch den wissenschaftsbasierten Zugang zum Glauben konnten sich viele nicht ohne Weiteres vorstellen. So unterscheidet sich beispielsweise das Lesen des Korans im Schulunterricht vom Lesen des Korans in einer den Eltern vertrauten Einrichtung wie der Koranschule einer Moschee. Dort lernen die Kinder und Jugendlichen hauptsächlich das Intonieren der arabischen Sprache, das Lesen der Heiligen Schrift und schließlich das saubere Rezitieren des göttlichen Wortes. Diese Aufgabe ist im Schulunterricht, wo der Koran auf Deutsch gelesen wird, eher nebensächlich. Daher steht der islamische Religionsunterricht auch nicht in Konkurrenz zur Koranschule. Hier waren durchaus längere Elterngespräche nötig, um die Unterrichtsinhalte genauer zu erläutern. In Einzelfällen wurden Kinder auch wieder abgemeldet.

Das „Du“ im anderen akzeptieren

Religiöse Bildung von Kindern und Jugendlichen sollte – wenn sie von den Eltern gewünscht wird – über drei Stationen geleistet werden: Das Elternhaus bietet religiöse Tradition, in der Moschee erfahren die Kinder und Jugendlichen das Gemeindeleben und die Schule vermittelt als neutraler Ort Wissen und bekenntnisorientierten Glauben. Der islamische Religionsunterricht kann dann auch zur Integration und Identitätsbildung von muslimischen SchülerInnen beitragen:

  1. Auf der sprachlichen Ebene fördert der Unterricht den theologischen Alphabetismus, sprich das fachspezifische Vokabular in deutscher Sprache. Erst diese Sprachfähigkeit ermöglicht es Kindern und Jugendlichen, ihre (religiösen) Vorstellungen zu kommunizieren.
  2. Dass der islamische Religionsunterricht in der Regel parallel zum christlichen Religionsunterricht angeboten wird, bewirkt auf schul- und gesellschaftspolitischer Ebene, dass SchülerInnen ihn als gleichberechtigte und vollwertige Unterrichtsform wahrnehmen. Damit erhöht sich ihr Selbstwertgefühl und sie müssen sich nicht mehr die Frage stellen, warum es im pluralistischen Deutschland eigentlich nur christlichen Religionsunterricht gibt.
  3. Auch wenn das nicht das Ziel des islamischen Religionsunterrichts ist, kann er auf theologisch-politischer Ebene Radikalisierungsprozessen entgegenwirken, indem er das ambigue Verständnis dieser Religion transparent aufzeigt. So entsteht wieder die originär tolerante und modernitäts-bejahende Innenperspektive des Islams in all ihren Facetten. Der islamische Religionsunterricht  liefert ein Korrektiv für das öffentlich verbreitete eindimensionale Verständnis des Islam als einer rückständigen Religion – wie ein Spiegel, in dem man seine Auffassungen selbst betrachten kann.
  4. Auf innerislamischer Ebene wird durch den deutschsprachigen islamischen Religionsunterricht erstmals allen muslimischen Kindern und Jugendlichen die Möglichkeit geboten, gemeinsam und herkunftsunabhängig am Unterricht teilzunehmen.
  5. Auf interreligiöser und interkultureller Ebene gilt schließlich: Je mehr muslimische Kinder und Jugendliche in die Lage versetzt werden, ihren eigenen Glauben ohne Widerspruch zur andersglaubenden Mehrheitsgesellschaft zu erschließen, desto offener werden sie für andere Lebensformen, Religionen und Menschen. Erst durch das Erkennen des eigenen „Ich“ können sie das „Du“ im anderen akzeptieren.

Lamya Kaddor, Islamwissenschaftlerin,Islamische Religionspädagogin und Autorin

Foto: Aisylu Ahmadieva

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